Blattkritik: Roman Zeller über die Juni-Ausgabe des «Schweizer Monats»

Jede Ausgabe des «Schweizer Monats» wird von einem eingeladenen Gast genau unter die Lupe genommen. Diesmal von dem Journalisten Roman Zeller.

Blattkritik: Roman Zeller über die Juni-Ausgabe des «Schweizer Monats»
Roman Zeller, zvg.

Als Volontär und blutiger Journalistenanfänger ist die Aufgabe, langjährige Vollprofis zu beurteilen, ironisch. Überrascht habe ich trotzdem zugesagt und auf der Heimreise von Lhasa, Tibet, die Rückenlehne senkrecht gestellt und den Tisch für Notizen im Heft nach unten geklappt.

Mein Gesamteindruck
Pièce de Résistance sind die zweiundzwanzig Franken, die rechts oben auf der Titelseite stehen. Würde ich diesen Betrag bezahlen für das Monatsheft?

Kurz: Ja. Zwar kannte ich die Person, Jared Diamond, nicht, das Interview aber gefiel. Ebenso der Schwerpunkt Miliz- und Freiwilligenarbeit sowie das Dossier «Ernährung, Klima und Gesundheit» – die Themen waren gut.

Den Mix hätte man optimaler gestalten können, positiver: Denn spätestens als ich vom «Miliz-Karrierekiller» über die Guru-Sekte, die Kindheiten zerstörte, zum noch brutaleren Kindstod gelangte, wollte ich aus dem Flieger springen.

Zum Layout
Was von aussen unaufgeregt, stilvoll auf mich wirkte, wühlte mich beim Durchblättern eher auf. Die Abwechslung von ein, zwei oder drei Spalten, auch die unterschiedlichen Breiten der Spalten und der manchmal Flatter-, dann wieder Blocksatz wirkten unruhig.

Lichtblick sind die Bilder, vor allem die Mischung von Alt, Jung, Mann oder Frau stimmt. Dann und wann Farbbilder peppen zusätzlich auf. Begeistert hat mich der Beitrag «Zahlen, Daten, Fakten». Das ist übersichtlich, informativ und gestalterisch ansprechend illustriert.

Herausgegriffen

– Beim Artikel «Adieu, Amateure?» hätte ich mir die zahlreich zitierten Personen gerne mit Bild gewünscht. Die hätten die Bleiwüste etwas aufgelockert.

– «Die Freiheit eines Kindes»: Spektakuläre Geschichte, super erzählt. Schade, dass der Lesefluss mit den kursiven Einschüben abrupt gebrochen wird. Die hätte es meiner Ansicht nach gar nicht gebraucht – womöglich Geschmacksache.

– Den fesselndsten Einstieg habe ich im Beitrag «Verpackung war gestern» gelesen.

– «Vernetzt euch!»: Auf rund zwei Spalten werden fünfzehn «spezielle» Satzzeichen gebraucht (darunter Gedankenstrich, Strichpunkt, Doppelpunkt). Weniger wäre wohl mehr gewesen.

– Titel und Lead von «Tech-Nerds in Gummistiefeln» versprechen Spannung, die leider zu schnell (bereits im ersten Absatz) aufgelöst wird.

– Aufgefallen ist mir, dass in vielen Titeln (und Texten generell) Ausrufezeichen verwendet werden. Das finde ich überdreht. Sind es wirklich derart starke Aussagen, die das Satzzeichen rechtfertigen?

– Für die Zwischentitel werden manchmal nichtssagende Begriffe verwendet (beispielsweise Transparenz, Auswege etc.), oft sind sie zu lang. Da hätte ich mir jeweils den Kern des Abschnitts gewünscht.

Alles in allem ist die Ausgabe ein gepflegtes Heft mit Luft nach oben. Trotzdem hatte ich Freude an der Lektüre, die auch in meiner WG auf reges Interesse stiess.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»