Blattkritik: Roland Grüter über die April-Ausgabe des «Schweizer Monats»
Roland Grüter, zvg.

Blattkritik: Roland Grüter über die April-Ausgabe des «Schweizer Monats»

Die Ausgaben des «Schweizer Monats» werden jeweils von einem eingeladenen Gast beurteilt. Diesmal von dem Journalisten Roland Grüter.

Mein erster Eindruck: Die Freiheit der Macher scheint grenzenlos: In diesem Magazin darf vieles stehen, muss aber nichts. Eine Stärke und Schwäche in Einem. Das Themensetting ist erfrischend willkürlich und entsprechend überraschend – manchmal verliert sich aber die Redaktion in der Freiheit. Darauf gehe ich später genauer ein.

Zur Optik: Schnörkellos, kompakt, überzeugend. Das Understatement der Typographie und Bildsprache gefällt. Der Mut zum Grauwert ebenso. Der «Schweizer Monat» mutet den Leserinnen und Lesern viel Lesestoff zu – und versucht erst gar nicht, davon abzulenken. Bravo! Einzig die vielen Verweise in den Buttons stören etwas und vermitteln den Eindruck, als wolle die Redaktion ein lautes Zeichen setzen: Hey, wir sind auch eine Online-Plattform! Hey, wir denken auch in grossen Bögen und stemmen sogar Themenschwerpunkte! Als ob die 82 Seiten Heft zu wenig wären. Ich versichere den Verantwortlichen: Keine Sorge, sie sind genug.

Zur Struktur: Der erste Eindruck täuscht. Die Fülle des Magazins ist weniger umfassend, als es den Anschein macht. Im Heft finden sich: ein Themenschwerpunkt (Nudging), ein Dossier (Staat und Kirche), eine Bildstrecke, diverse Kolumnen und Rubriken sowie zwei einzelne, eigenständige Artikel. Diese Struktur ermöglicht die Vertiefung einzelner Themen, birgt aber auch die Gefahr, an den Leserinnen und Lesern vorbeizuzielen. Ich beispielsweise bin überzeugter Atheist, mich interessiert das Zusammenspiel von Staat und Kirchen keinen Deut. Journalistisch ist die Breite in der Themensuche anspruchsvoller – als Leser schätze ich sie aber sehr.

Der Fluch der Freiheit: Wer fast ohne Zwänge lebt, muss seine Grenzen kennen. Sonst wird die Freiheit zum Fluch. Dieser fängt beim Editorial des Chefredaktors an. Michael Wiederstein zeigt in seinen Ausführungen mehr Interesse an Europa als am aktuellen Heft. So klug seine Gedanken auch sind: Letzterem widmet er keine Zeile. Saufrech? Ich sehe es so: Hier wird die Freiheit etwas gar stark strapaziert. Das kann zu Verwirrungen führen, und solche Irritationen sind im Handwerk des Journalismus Gift.

Auch im Themenschwerpunkt wird die Freiheit lustvoll ausgelotet. Nach dem doppelseitigen Eingangsportal dauert es anderthalb Artikel oder neun Schwerpunktseiten, bis zum ersten Mal konkret auf Nudging eingegangen wird. Das Interview mit Rolf Dobelli, das am Anfang der Nudging-Reihe steht, foutiert sich gänzlich ums Thema, und auch wenn darin Selbststimulation im Zentrum steht, stellt sich am Ende der Lektüre die Frage: Weshalb steht das Gespräch überhaupt unter diesem Dach? Die Freiheit, es dorthin zu stellen, genügt nicht. Leserführung schafft Leserbindung!

Das Highlight 1: Obwohl mich das Dossier thematisch wenig interessiert, es ist prima gemacht. Vielfältig, überraschend, klug. Das ist umso wichtiger, weil es offenbar von der Vontobel-Stiftung mitfinanziert wurde. Und wo Geld fliesst, ist Linientreue (ich weiss, ein schreckliches Wort!) umso wichtiger, sonst riskiert man schnell seine Glaubwürdigkeit. Man mag einem Co-Partner zwar leere Seiten anbieten, nicht aber die Ideologie. Die kleine Serie zu Staat und Kirche zeigt, wie man es machen muss. Viele Konkurrenten könnten davon lernen.

Das Highlight 2: Ein Paradebeispiel, was Autorenjournalismus sein kann, zeigt der Aufsatz von Cameron Harwick. Wer immer der Mann ist (er bleibt im Magazin unbenannt): Er führt gleichermassen inspiriert und inspirierend durch den Zusammenhang von Spiel und Politik, geht ein populäres Thema anders an als die meisten und regt dadurch zum Nachdenken an, ohne explizite Antworten zu liefern. Mehr davon!

Mein Schlusslicht: Filz ist ein wichtiges Thema; der «Schweizer Monat» hat es in der März-Ausgabe ausgiebig debattiert. Nun folgt ein Artikel, wie der Filz den Erfolg von Unternehmungen hemmen kann. So sehr sich die Autorin auch bemüht, auf die Risiken und Strukturen des Filzes einzugehen, ihr Aufsatz wirkt hölzern und pädagogisch, als richte er sich an HSG-Studenten oder Manager. Deshalb nehme ich mir die Freiheit und frage: Was soll dieser Artikel? Was sagt er mir, was mir bislang zum Thema verborgen blieb? Mein Fazit: Nichts.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»