Milosz Matuschek, fotografiert von Enno Kapitza.

Blattkritik: Milosz Matuschek über die September-Ausgabe

Jede Ausgabe des «Schweizer Monats» wird von einem eingeladenen Gast beurteilt. Dieses Mal von unserem neuen Redaktor Milosz Matuschek.

Vorab: Eine Zeitschrift oder Zeitung nehme ich mit der gleichen Erwartung zur Hand, wie ich ein gutes Restaurant besuche. Ich will erstklassiges und nahrhaftes «food for thought», nicht nur einen vollen Bauch. Als Massstab für das Mischverhältnis gilt für mich, was schon Aristoteles für eine gute Rede verlangt hat: Logos, Pathos & Eros. Beim «Monat» steht meistens der «Logos» überprominent im Vordergrund. Dass man sich als liberales Flaggschiff der Publizistik seit 1921 eine öffentliche Blattkritik leistet (wo gibt’s das sonst?) sticht positiv ins Auge. Das ist doch mal gelebte Transparenz! Pikant in meinem Fall: ich bin als Gastrokritiker geladen, werde aber als Second de cuisine (vulgo: Stv. Chefredaktor) in Zukunft auch in der Küche meinen Dienst verrichten. Trotzdem – oder gerade deswegen – bin ich hier offen.

Erster Eindruck & Cover: In der Regel ist das Heft vom Auftritt her arg gediegen, um nicht zu sagen, für meinen Geschmack oft noch zu langweilig. Diesmal sind es sieben längst verstorbene Herren, die Gründungsväter der modernen Schweiz, die mich begrüssen, das ist atypisch. Die privaten Protokolle dieser Herren sind aufgetaucht, eine kleine Sensation – die man mir als Leser aber noch nicht als solche aufdrängen will (warum eigentlich nicht?). Ansonsten darf gerne noch mehr vom Inhalt aufs Cover. Auch Restaurants hängen zumindest einen Auszug aus der Speisekarte vor ihr Etablissement. Als Kunde will ich ausserdem von Anfang an wissen, was ich für den nicht gerade Schnäppchenpreis von 22 Stutz (dieses Wort habe ich am ersten Tag gelernt), bekomme.

Editorial: lese ich sonst nie, diesmal aber schon, schliesslich stammt es vom Küchenchef persönlich. Auch hier: eine Einstimmung auf die Titelstory, keine Anpreisung. Understatement wird gross geschrieben.

Inhaltsverzeichnis: überwiegend übersichtlich, allein dass «Liberalismus im Kopf» einer der Schwerpunkte im Heft ist, könnte klarer zum Ausdruck kommen. Wirkung: viel «Logos» erwartet mich. Doch dann wird es wider Erwarten emotional: Die Verabschiedung von Chefredaktor Michael Wiederstein und Verwaltungsratspräsident Thomas Sprecher durch Verwaltungsrat René Scheu lässt erstmals etwas Pathos aufglimmen. Es ist ein Blick in den Maschinenraum der Zeitschrift in Form zweier persönlicher Texte, fast zärtlich-liebevoll gehalten, insbesondere der von Vater (Scheu) zu Ziehsohn (Michael). Mein Fazit: eine Zeitschrift im Umbruch, der sich jedoch im Guten vollzieht.

Der Schwerpunkt «Liberalismus im Kopf» beginnt mit einem tollen Bild (davon gerne mehr); das Interview mit Uri Maoz hätte ich mir lebhaft-kritischer gewünscht. Auch gerne mehr Erklärboxen oder Bilder in den oft etwas zu langen Texten. Bei den Kolumnen danach hätte ich gerne die Köpfe präsentiert bekommen. Wer schreibt da genau? Inhaltlich steht auch hier der Logos im Vordergrund, auf den Eros der Freiheit warte ich noch. Davon gerne mehr, dafür weniger Freiheitsfolklore.

Titelstory: Aus dem Interview von Ronnie Grob mit dem historisch versierten Publizisten Rolf Holenstein, der die privaten Protokolle der Verfassungsväter aufgefunden hat, nehme ich zahlreiche Goldkörner mit; dass ein Schweizer (Jean-Jacques Burlamaqui) den «Pursuit of Happiness» erfunden hat, war mir gänzlich neu. Insgesamt ein Interview mit echtem Informationswert, das man ruhig offensiver hätte anpreisen dürfen.

Die darauffolgende Bitcoin-Replik liest sich spannend, gerne hätte der Leser jedoch zumindest in einer Box die Argumente des Vorredners präsentiert bekommen. Die Kurzgeschichte von Tom Kummer ist schön schweizerisch, rasant, ein stimmungsvolles Roadmovie. Das Dossier zu Arzach ist dann das Highlight des Hefts. Thematisch gegliederte Berichte aus einem Staat, den es gar nicht gibt, wie verrückt ist das? Thematisch und inhaltlich lässt das Dossier keine Wünsche offen und die Fotos unterstreichen den Ausnahmecharakter dieser fast einzigartigen Region zusätzlich.

Fazit: ein solides Heft, ich wünsche mir aber insgesamt mehr Frische, mehr Würze, mehr Streit und gerne auch mehr Vielfalt bei den Rubriken. Etwas mehr geistiger Resonanzboden und Unerwartbarkeit täte dem «Monat» zudem gut. Der Geist des Liberalismus darf gerne aus jeder Pore sichtbar werden! Als Leser freue ich mich auch zwischendurch über kürzere Stücke und auflockernde Text/Bildteile – quasi als kleiner Gruss aus der Küche, der die Gedanken schweifen lässt.

Gerne packe ich bei alldem in Zukunft an den Töpfen, Kesseln und Pfannen des publizistischen Handwerks tatkräftig an!

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»