Bitcoin, der Disruptor
Pascal Hügli, zvg.

Bitcoin, der Disruptor

Die dezentral organisierte Urkryptowährung könnte unser bisheriges Finanzsystem auf den Kopf stellen. Was Bitcoin ist und noch werden kann.

Der Ursprung von Bitcoin lässt sich auf den 15. September 2008 zurückführen. Es ist dies der Tag, an dem die Investmentbank Lehman Brothers ihren Konkurs bekanntgibt und die Finanzkrise ihren Höhepunkt erreicht. Mit dem Bankrott von Lehman Brothers setzt eine Kaskadenwirkung ein, denn etliche weitere Banken müssen durch ihre Schutzpatrone, die Staaten, gerettet werden. Diese Rettungsaktionen lassen die Verschuldung vieler Staaten vollends aus dem Ruder laufen, weshalb letztlich die Zentralbanken zu deren gewaltigen Staatsanleihen-Ankaufprogrammen übergehen. Noch heute sind die Bilanzen der grossen Zentralbanken deswegen massiv aufgebläht und es scheint wenig realistisch, dass diese Zentralbankliquidität jemals wieder aus dem System abgeführt werden kann.

Sechs Wochen später, am 31. Oktober 2008, erreicht einige hundert Mitglieder einer Mailingliste von Kryptografie-Experten die Nachricht eines gewissen Satoshi Nakamoto. «Seit geraumer Zeit arbeite ich an einem elektronischen Zahlungssystem, das vollständig Peer-to-Peer ist und keiner vertrauenswürdigen Drittpartei bedarf», schreibt der unbekannte Absender. In seiner E-Mail findet sich ein Link zu einem White Paper, das auf eine zwei Monate zuvor registrierte Webseite hochgeladen wurde. Das neunseitige Dokument beschreibt ein Zahlungssystem namens Bitcoin. Dessen spezifisches Alleinstellungsmerkmal: es basiert auf einer Datenbank, die gleichzeitig über unzählige Rechner verteilt ist und immer aufs neue aktualisiert wird.1 Aufgrund dieser Nonzentralität verfügt das Bitcoin-Netzwerk über keinen zentralen Server und keine Autorität, welche die Buchhaltung sicherstellen und kontrollieren könnte.

Wie funktioniert Bitcoin überhaupt?

Den adressierten Kryptografie-Freaks und Informatikern waren derartige Ideen keinesfalls neu. Bereits vor der Jahrtausendwende gab es verschiedenste solcher Ansätze, die bis dahin jedoch allesamt gescheitert waren. Der Grund: keines der Projekte vermochte die sogenannte «Double-Spending»-Problematik zu lösen, wonach jemand innerhalb des Systems sicherstellen muss, dass Transaktionen nicht doppelt ausgeführt und somit keine Geldeinheiten aus dem Nichts geschaffen werden. Bitcoin setzt dafür auf die einzelnen Netzwerkteilnehmer, genauer gesagt die «Full Nodes». Diese stehen für all jene Netzwerkteilnehmer, die sich eine vollständige Kopie der mit allen anderen «Full Nodes» geteilten Datenbank herunterladen. Aufgrund des Open-Source-Charakters der Bitcoin-Software kann sich jede Person dieses Planeten in das System miteinschalten. Da die «Full Nodes» zu jeder Zeit über den aktuellen Stand der Buchhaltung Bescheid wissen, prüfen sie, dass keine Transaktion doppelt ausgeführt wird.

Doch woran orientieren sie sich? Wie können sie wissen, ob eine Transaktion ausgeführt bzw. deren Geldeinheiten bereits ausgegeben worden sind? Sie gleichen dafür jede neue Transaktion mit der Bitcoin-Datenbank ab. Zudem werden die einzelnen Transaktionen zu einem Block zusammengefasst. Jeder Block wiederum verfügt über einen einzigartigen Hash, eine Art Identifikationsnummer, die jeweils auf den vorangegangenen Block referenziert. Auf diese Weise sind die einzelnen Blöcke über die jeweiligen Identifikationsnummern chronologisch miteinander zu einer Kette verbunden: der Blockchain. Diese Kette führt zurück bis zum Genesis-Block, dem allerersten Block und seinen Ursprungstransaktionen. Erschaffen wird so eine transparente Transaktionshistorie, über die alle Netzwerkteilnehmer verfügen und die niemand verändern kann, ohne Spuren zu hinterlassen. Erfährt ein Block auch nur die kleinste Änderung, zum Beispiel das nachträgliche Anpassen des Inhalts einer einzelnen Transaktion, ändert die Identifikationsnummer dieses Blockes. Mit der Konsequenz, dass dies eine Unstimmigkeit mit der Identifikationsnummer des Folgeblocks schafft.

Wie aber werden neue Blöcke an die bestehende Kette angefügt? Hier kommen die sogenannten Miner ins Spiel, was man mit «Schürfern» übersetzen kann. Im gegenseitigen Wettbewerb versucht ein jeder Miner, unter Verwendung von Rechenleistung schnellstmöglich einen neuen Block zu erstellen. Ungefähr alle zehn Minuten gelingt es einem Miner, einen Block zu erstellen, dessen Gesamtinhalt den Anforderungen des Bitcoin-Algorithmus entspricht.2 Als Belohnung locken neue Bitcoins.3 Ein vereinfachendes Bild mag an dieser Stelle helfen: Derjenige Miner, der bei einer zehnziffrigen Zahl zuerst für jede Ziffer eine Sechs gewürfelt hat, gewinnt, vorausgesetzt, der Block umfasst nur noch nicht ausgeführte Transaktionen. Die Miner kontrollieren ihre Ergebnisse gegenseitig und sorgen so dafür, dass stets…