Bitcoin: Anfang vom Ende?

Warum die digitale Währung kein Geld ist.

Die digitalen Bitcoins beruhen auf höchster algorithmischer Gelehrsamkeit. Trotz moderner Anmutung sind sie aber bloss ein Zugeständnis an den alten ökonomischen Mainstream («Neoklassik» genannt), der Geld für ein Standardgut, also für eine Sache hält, die knapp gehalten werden müsse, damit alle anderen Güter dagegen getauscht werden könnten. Je rarer das Material, aus dem Geld gemacht werde – so der Glaube –, desto leichter werde es akzeptiert. Damit wäre der Bitcoin, da per definitionem knapp, das neue Gold des digitalen Zeitalters.

Juristen aus Norwegens Steuerbehörde haben nun befunden, dass aus «digital mining» gewonnene Bitcoins in der Tat als digitales Gold genauso knapp sein können wie reales Gold aus Bergwerken. Daraus ziehen sie den Schluss, dass Gewinne aus Preissteigerungen dieses digitalen Goldes ebenso versteuert werden müssen wie Vermögenszuwächse aus Preissteigerungen anderer Eigentumsarten. Wie die Verdopplungen von Haus-, Grundstücks- oder Realgoldpreisen höhere Vermögenssteuern nach sich zögen, so dürfe der norwegische Staat auch an Preissteigerungen von Bitcoins eine Abschöpfung vornehmen.

Der Ökonomieprofessor Paul Ehling von der Norwegian Business School hat diese Entscheidung umgehend als engstirnige Verletzung seiner neoklassischen Lehre angegriffen: «Jedes Gut, auf das man sich einigt, kann für den Tausch von Gütern und Dienstleistungen als Währung dienen.»1

Doch Geld gewinnt seine Akzeptanz nicht aus einer Einigung darüber, bestimmte knappe Güter als Tauschmittel anzunehmen, und auch nicht aus der physischen Konsistenz bzw. dem Wert derselben. Geld stammt nämlich nicht aus der sächlichen Besitzseite von Vermögen, sondern aus seiner unphysischen Eigentumsseite, also aus der Verbriefung eines Gutes und nicht aus dem Gut selbst. Geld ist nichts anderes als eine umlauffähige Forderung gegen Eigentum.

Weil die Fähigkeit des Geldes zur Eigentumsübertragung (Kauf) absolut nichts mit seinem Materialwert zu tun hat, aber alles mit der Qualität des Eigentums, mit dem es besichert ist, kann es in sich so wertlos sein wie eine digital generierte Zahl.

Selbstverständlich kann das Eigentum an Gold ebenso zur Besicherung von Geld herangezogen werden wie das Eigentum an Kuhweiden, Bürohauskomplexen oder verbrieften zukünftigen Steuereinnahmen (Staatspapieren). Der Einsatz solchen Vermögens für die Geldbesicherung lässt jedoch ihre physischen Besitzseiten gänzlich unberührt. Die Vermögenden melken also ihre Kühe weiter, erhalten die Büromieten weiter, und sie kassieren auch weiterhin die Erträge aus den Staatspapieren. Mithin kommen keinerlei Güter bei der Emission von Geld zum Einsatz. Es geht beim Geld immer nur um Forderungen gegen die Eigentumsseiten der Vermögen. Weil diese dabei belastet werden, also nicht mehr frei verkauf-, verschenk- und verpfändbar sind, muss dieser Verlust mit Zins ausgeglichen werden.

Eine Beschränkung auf Edelmetalleigentum für die Besicherung des Geldes sowie die Besicherung von Kredit (durch Edelmetalleigentumspfand der Schuldner) wäre eine grandiose Torheit, weil damit alle übrigen Eigentumsvarianten ausgeschlossen würden. Das Wirtschaften könnte aufgrund des Verlustes oder der Erschöpfung von Bergwerken zum Stillstand kommen. Deshalb erweist sich als optimale Währung jene, die weder in ihrer Bargestalt noch auf ihrer Besicherungsseite auf Edelmetall angewiesen ist.

Die Klassifizierung von Bitcoins als steuerpflichtiges digitales Goldvermögen zieht umgehend weitere Konsequenzen nach sich. Wenn es besteuert werden darf, also Vermögen darstellt, sollte es auch als Pfand für Kredit und als Eigentum für die Besicherung von Geld dienen können. Man darf deshalb alsbald mit Entscheidungen darüber rechnen, ob Bitcoins in dieser Verwendung eine Zukunft haben. Wenn aber einmal der Glaube vom Geld als einem knappen Tauschgut durchlöchert ist, wird auch die Vermögensqualität von Bitcoins schweren Schaden nehmen. Sie müssen schliesslich ohne irgendeine physische Besitzseite auskommen. Gold kann man immerhin noch in samtgefassten Vitrinen zur Schau stellen und dafür eine Gebühr verlangen. Mit Bitcoins geht das nicht.

 


1 http://www.bloomberg.com/news/2013-12-12/bitcoins-fail-real-money-test-in-scandinavia-s-wealthiest-nation.html

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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