Bis hierher und nicht weiter!

Über Verbindendes und Trennendes.

Bis hierher und nicht weiter!

Grenzen sind eine Zumutung. Sie schränken den Bewegungsraum ein. Sie nötigen zum Stehenbleiben, zur Zurückhaltung, zur Unterlassung, zum Schweigen. Sie signalisieren: Bis hierher und nicht weiter. Grenzen entsprechen so gar nicht dem Bild einer dynamischen, expandierenden, mobilen Gesellschaft, die nicht nur in vielen Belangen an ihre Grenzen geht, sondern diese auch überschreiten will. Grenzen betreffen politische Gemeinschaften und ihre Ökonomien ebenso wie Verhaltensweisen von Individuen und die von allen genutzten Technologien.

Was ist eine Grenze?

Wenn vom «Grenzen sprengen» die Rede ist, wird allerdings auffallend selten darüber gesprochen, was man da eigentlich sprengen will. Vorab ist eine Grenze nicht mehr und nicht weniger als eine wirkliche oder gedachte Linie, durch die sich zwei Dinge voneinander unterscheiden. Wer auch immer einen Unterschied wahrnimmt, nimmt eine Grenze wahr, wer einen Unterschied macht, zieht eine Grenze. Philosophisch gesprochen bedeutet dies, dass die Grenze überhaupt die Voraussetzung ist, etwas wahrzunehmen und zu erkennen. Wäre alles unterschiedslos eines, gäbe es auch nichts zu sehen, nichts zu identifizieren, nichts zu wissen. Jeder Versuch, Sinneseindrücke zu ordnen und in ein begriffliches System zu bringen, zieht Grenzen. Jede Erkenntnis beginnt mit dem einen, dem entscheidenden Akt: Dieses ist nicht jenes. Jede Definition ist eine Grenzbestimmung.

Nur wenn wir diese Grenzen akzeptieren und ziehen, können wir begreifen. Unser Bewusstsein ist nicht nur ein Akteur dieser Grenzziehung, sondern auch ein Resultat derselben. Niemand könnte «Ich» sagen, wenn damit nicht auch schon eine mehr oder weniger durchlässige Grenze zwischen mir und dem Anderen gezogen wäre. Grenzen als kategoriale Ordnungen entscheiden über Exklusion und Inklusion, wobei von dem Ausgeschlossenen vorerst aber nur gesagt wird, dass es zu einem anderen Gegenstandsbereich gehört. Ein Stuhl wird nicht diskriminiert, wenn man feststellt, dass er kein Tisch ist. Eine Grenze kategorial zu ziehen, bedeutet noch nicht zu werten. Eine Grenzziehung kann aber die Voraussetzung für eine Bewertung oder für die Formulierung einer Präferenz sein: Dass man etwa keinen Tisch benötige, wohl aber einen Stuhl, und dass dieser doch bitte schön sein möge.

Grenzen zu akzeptieren heisst mithin, sich zu bescheiden. Aber Bescheidenheit ist schon lange keine Zier mehr, was bereits eine Erklärung dafür liefert, warum der Überschreitung von Grenzen in der Entwicklungsgeschichte eine besondere Rolle zukommt: Vorbereitet wurden die Konzepte der Grenzüberschreitung in den ästhetischen Avantgarden, einen wesentlichen Ausdruck finden sie in dem Pioniergeist der technologischen Revolutionen, propagiert werden sie heute als zeitgemässes Modell des Zusammenlebens. Es wundert deshalb wenig, dass die politischen Grenzen, die den neuzeitlichen Territorialstaat markieren, in Zeiten der Globalisierung und weltweiter Migrationsbewegungen ins Wanken geraten sind und Konzepte grenzenloser Weltbürgerschaft diskutiert werden. Grenzenlose Freiheit: Wer träumte nicht davon?

Die Moralisierung der Grenzen

Die Moralisierung der Grenze und der pejorative Unterton, mit dem liberal, europäisch und human gesinnte Menschen dieses Wort mittlerweile versehen, haben einiges für sich. Die Moderne verstand und versteht sich als Projekt der fallenden Grenzen, letztere nicht nur auszuloten und hinauszuschieben, sondern prinzipiell nicht akzeptieren zu müssen, gehört zum Selbstbild des Menschen im Zeitalter der Selbstoptimierung – und dass die moderne Welt in Gestalt entfesselter Märkte, fliessender Kapitalströme, unaufhaltsamer Technologien, ungehinderter digitaler Kommunikation mit Grenzen nichts mehr anfangen kann, gehört mittlerweile zu jenen Selbstverständlichkeiten unserer Zeit, die nicht mehr in Frage gestellt werden dürfen. Aber auch die Idee «Europa» lebte vom Pathos fallender, schwindender, bedeutungslos gewordener Grenzen. Der Fall der Berliner Mauer, das Zerschneiden des Eisernen Vorhangs, der Abbau der Grenzkontrollen: Das sind die Er­fahrungen von Grenzenlosigkeit, die das Bewusstsein dieses Kontinents in den letzten Jahrzehnten bestimmten.

Die erregten Debatten über alte und neue Grenzen, die Kurzschlüsse, die hinter einer Aufforderung zur Kontrolle gleich eine Mauer oder eine Abschottung vermuten, die Ängste, dass die Renaissance von Binnengrenzen das europäische Einigungsprojekt zum Scheitern bringen und eine neue Epoche des Nationalismus einleiten könnte, die immer wiederkehrenden Fragen, wie das prekäre Verhältnis von Sicherheitsbedürfnissen und Freiheitsansprüchen zu gestalten sei – all dies zeigt, dass die Grenze selbst wieder zu einer symbolisch bedeutsamen Kategorie des politischen und sozialen Diskurses geworden ist.

Bemerkenswert an diesem Diskurs aber war und ist die damit verbundene Moralisierung der Grenze: Es dominieren weniger sicherheitstechnische, staatsrechtliche oder migrationspolitische Argumente als vielmehr die Frage, ob man in jeder Grenze nicht prinzipiell etwas Menschenverachtendes, Inhumanes, letztlich also Böses sehen müsse, dessen Wiederkehr, wenn überhaupt, nur mit Zähneknirschen und unter lautem Protest hingenommen werden könne. Für viele scheinen Grenzen etwas zu sein, das es besser nicht gäbe.

Andererseits: es wird an manchen Orten auch eng. Die Euphorie über bedeutungslos gewordene Grenzen korrespondiert prächtig mit der Errichtung neuer Grenzen. Diese entsprechen zwar nicht mehr unbedingt den tradierten politischen und kulturellen Grenzverläufen, setzen aber in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen neue Trennlinien. Die Beobachtung, dass die moderne Gesellschaft auf einen durch mediale Netzwerke konfigurierten Tribalismus zusteuert, setzt die Annahme solch neuer Grenzziehungen voraus. Diese trennen die unterschiedlichsten politisch, ästhetisch, sozial, ideologisch, moralisch und ernährungstechnisch definierten Gruppen und ihre alten und neuen Identitäten fein säuberlich voneinander, und mitunter entsprechen diesen Unterscheidungen auch topographische Grenzen, wenn etwa der Lebensstil mit einer Wohngegend eng korreliert. In einer Stadt verirrt sich heute im Zeitalter der Navigationssysteme, wer in ein Viertel gerät, in das er nicht gehört.

Noch deutlicher zeigt sich die Lust an der neuen Grenze im Denken. Der politisch korrekte Sprachgebrauch kann auch als ein Verfahren interpretiert werden, das zwischen Formulierungen, die als diskriminierend und beleidigend empfunden werden, und solchen, die allen Besonderheiten und Empfindlichkeiten gerecht werden wollen, eine scharfe Grenze markiert. Wie jede Grenze ist aber auch diese fliessend, und gerade die Versuche, festzulegen, welche Bezeichnungen, Wendungen und damit verbundene Haltungen gestattet sind und welche nicht, zeugt von unserer grossen Sehnsucht nach Grenzziehungen. Vielleicht sollte man die erbitterten, ideologisch getönten Diskurse im Bereich des richtigen Sprachgebrauchs und die damit verbundenen moralischen Positionierungen auch als Kompensation für den Verlust der Grenzen im Bereich des Politischen und Sozialen werten.

Viele Welten

Grenzen sind aber nicht nur der sichtbare Ausdruck, mit dem sich politische Gemeinschaften ihrer Einheit und Souveränität vergewissern, sie sind auch Ausdruck dafür, dass wir nicht in einer Welt, sondern in vielen politischen, sozialen und kulturellen Welten leben. Jedes Plädoyer für Vielfalt, Differenz und Pluralität setzt Grenzen voraus. Auf der einen Seite solch einer Grenze lebt es sich anders als auf der anderen. Identitätspolitik, von welcher Gruppierung auch immer betrieben, Diversity Management, von welcher Unternehmungsberatung auch immer empfohlen, sind auch Versuche, ein Grenzregime zu errichten, das über Zugehörigkeiten ebenso entscheidet wie über Ausschlüsse und jedem klar signalisiert: Hier bin ich, und du bist dort.

Der Begriff der Grenze ist allerdings auch nur dann sinnvoll, wenn das, was auf der anderen Seite liegt, immer schon mitgedacht wird. Eine unüberwindbare Schranke, deren andere Seite wir nicht denken können, würden wir auch nicht als Beschränkung oder Grenze wahrnehmen können. Jede Grenze, jede Schranke öffnet den Blick auf zwei Seiten. Hegel hat einmal angemerkt, dass etwas als Schranke oder Grenze zu bestimmen immer schon bedeute, darüber hinausgegangen zu sein. Das Entscheidende am Begriff der Grenze liegt darin, dass damit eine Unterscheidung vollzogen wird, die das, was hinter der Grenze liegt, immer schon mitdenkt und deshalb die Möglichkeit des Übertritts enthält. Erst die Grenze provoziert die Frage, wann, wie und ob überhaupt die immer mögliche Überschreitung vollzogen werden kann, erst die Grenze provoziert den Wunsch zu erkunden, wie es auf der anderen Seite aussieht. Grenzen sind einfache Mechanismen, um Neugier zu entfachen.

Grenzen, wie immer sie auch bestimmt sein mögen, wo immer wir ihnen begegnen, stellen uns aber auch vor das uralte Problem aller Moral: Was soll ich tun? Diese berühmte Frage, die Kant zu den Grundlagen der Philosophie rechnete, stellt sich in der Regel erst angesichts einer Grenze, einer Schranke, eines Verbots. Erst das göttliche Verbot, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen, stellt die Menschen im Paradies vor die Frage: Was sollen wir jetzt tun? Ohne Verbot, ohne Grenze, hätte sich diese Frage nicht gestellt. Wo alles möglich ist, muss auch nichts geschehen. Grenzen schränken Möglichkeiten ein und provozieren gerade deshalb: zu einem Versuch, einer Reflexion, einem Protest, einer Einsicht, einer Übertretung. Genau aus diesem Grund und keinem anderen benötigen Kinder auch Grenzen.

Dass, in einem moralischen Sinn, etwas getan werden soll, bedeutet so immer schon, die Grenze der bisherigen Handlungen und ihrer Richtlinien zu überschreiten, die Schranken, die unser Handeln bisher bestimmt haben, zu überwinden. Weil Grenzen und ihre Überschreitung einander bedingen, gilt aber auch das Umgekehrte: Auch jede mögliche Grenzüberschreitung provoziert die Frage, ob es nicht besser wäre, diese zu unterlassen und eine Grenze zu respektieren. Eine Grenze gegen den Willen desjenigen, der sich wirklich oder metaphorisch auf der anderen Seite befindet, zu überschreiten, war immer ein aggressiver Akt und wird dies auch bleiben. Auch die Integrität von Individuen und Gemeinschaften ist im doppelten Sinn des Wortes begrenzt.

Die vergessene Schutzfunktion

Viel zu wenig wird beachtet, dass gerade im Bereich des sozialen Lebens Grenzen im hohen Masse eine Schutzfunktion zukommt. Jede Regel, jedes Gesetz, jede Vorschrift, jedes Tabu, jedes Recht stellt eigentlich eine Grenze dar: Bis hierher und nicht weiter. Und auch Menschen, die im Bereich des Politischen gerne für den Abbau der Grenzen sind, können ein Unbehagen angesichts von rücksichtslos gelebten Freiheitsansprüchen empfinden, und gerade für die Verkünder poli­tischer und kultureller Grenzenlosigkeit ist klar, dass mit antisemitischen, sexistischen oder rassistischen Äusserungen und Gesten manche Grenzen in einer Weise überschritten werden, die nicht toleriert werden darf. In diesen Bereichen werden dann auch die Grenzen immer enger gezogen. Ein falsches Wort und man gehört schon zu den Ausgeschlossenen.

Grenzen, und vor allem: der Respekt davor, können also auch den Schwachen schützen – in der Ökonomie ebenso wie im Bereich des Sozialen, im Recht ebenso wie in der Politik. Auch wenn es dem Zeitgeist widerspricht: Das Verteidigen von Grenzen kann ein Akt der Humanität sein. In einer grenzenlosen Welt triumphierte immer nur der Stärkere. Nietzsches Einsicht, dass die Grenze eine Erfindung der Ohnmächtigen sei, sollte zu denken geben.

Grenzen mögen manche Sicherheit nur vorgeben, aber sie ordnen die Welt, fordern auf, den Anderen zu achten und zu respektieren. Grenzen gehören deshalb auch zu den Bedingungen eines guten Lebens, schliesslich sind sie Ausdruck dafür, dass es irgendwann auch einmal genug sein könnte: Grenzen des Wachstums, Grenzen des Wohlfahrtsstaates, Grenzen der Mobilität, Grenzen der Verschmutzung, Grenzen der Verständigung, Grenzen der Toleranz, Grenzen des Erträglichen, Grenzen der Machbarkeit, Grenzen der Belastbarkeit. Das Plädoyer für offene Grenzen hat die Klage, dass damit die Grenzen des Möglichen bald erreicht seien und Obergrenzen eingezogen werden müssten, als stete, dumpfe Begleitmusik.

Menschenwerk und Paradoxon

Keine Grenze ist ewig, keine Grenze ist für alle Menschen und für alle Zeiten festgelegt. Grenzen sind in der Politik, in der Moral, im sozialen Leben und in der Ökonomie: Menschenwerk. Grenzen sind deshalb prinzipiell veränderbar, sie können verschoben und neu gezogen werden, sie können durchläs­sig oder rigide bewacht sein, man kann sie unüberwindbar machen und sie werden doch überwunden werden. Kein Grenzwall, der für immer gehalten hätte, kein Gebot, das nicht übertreten worden wäre, keine Regel, die nicht verletzt worden wäre, kein Imperativ, dem man sich nicht widersetzen könnte, kein Grenzwert, der nicht je nach Interesse und Konjunktur nach oben oder unten korrigiert worden wäre. Aber mit Grenzen verhält es sich wie mit Gesetzen: Dass sie übertreten oder manipuliert werden können, spricht nicht gegen sie.

Jede Grenze – auch das wird gerne übersehen – ist ein Paradoxon. Sie trennt und sie verbindet gleichzeitig. Was immer die Grenze scheidet, wer immer auf der einen und auf der anderen Seite der Grenze sich befindet: diese Grenze ist deren gemeinsame Grenze. Grenzen markieren Nähe und Nachbarschaften. Eine gemeinsame Grenze verbindet auch diejenigen miteinander, die nichts anderes mehr gemeinsam haben als eben eine gemeinsame Grenze: egal ob als Barriere, als Pfosten, als Zaun, als Kontrollpunkt, als Sicherheitsschleuse, auf dem Land, im Wasser und in der Luft, im Körper, im Herzen und im Kopf.

Grenzen definieren politische Gemeinschaften und staatliche Souveränität, Grenzen scheiden die Menschen nach sozialen, kulturellen, religiösen, sprachlichen und ethnischen Kriterien, Grenzen beschränken und steuern als Regeln und Normen unser Handeln und Verhalten, Grenzen sorgen in Form von Begriffsklärungen und Definitionen für Klarheit im Denken.

Etwas als Grenze bestimmen bedeutet deshalb immer, schon an das zu denken, was hinter der Grenze liegt – eine Gefahr, eine Verheissung, eine Hoffnung, ein Geheimnis, eine bessere Welt, das Grauen oder die Fortsetzung dessen, was überall ist. So trägt jede Grenze ihre Auflösung in sich, enthält im Keim jene Verwirrung, jenes Chaos, das sie doch verhindern möchte.


Konrad Paul Liessmann
ist Philosoph und Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien. Zuletzt von ihm erschienen: «Bildung als Provokation» (Zsolnay, 2017).

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