Biographien und Bildmonographien zu Adorno

Biographien und Bildmonographien zu Thodor W. Adorno Insgesamt fast 3000 Seiten verfassten die Biographen allein im Adorno-Jahr über den
Kritiker des Biographismus und den Erneuerer des Bilderverbots. Ein Überblick.

Am 11. September 2003 vor 100 Jahren wurde Theo-

dor W. Adorno geboren, der grosse Philosoph und Soziologe, die geistige Zentralfigur der Kritischen Theorie. Die Koinzidenz des Geburtsdatums mit dem Attentat auf das World Trade Center rührt ganz eigene Reminiszenzen auf. Adornos konservative Gegner haben ihn seinerzeit als Mentor der Studentenrebellion und Miturheber der RAF, als geistigen Terroristen verdächtigt. Dass Adorno selbst, im tragischen Finale seines Lebens, mit der Studentenbewegung in vehemente Konflikte geriet, konnte ihn nicht entlasten.

Danach ist es um Adorno stiller geworden. Das abgeflaute Interesse wurde überdeckt von Adorno-Scholastik und Editionsphilologie. Doch nun, zum runden Geburtstag, erscheinen die Biographien und Bildmonographien gleich scharenweise. Geschrieben wurde mit einigem Erfolg, überaus arbeitsam, adornonah und adornokritisch, stilistisch gottlob nicht adornierend, adorierend, und insgesamt so unterschiedlich, dass sich trotz den unvermeidlichen Wiederholungen eine komplementäre Lektüre lohnt.

Stefan Müller-Doohms 1000seitige suhrkamp-offizielle Biographie ist die orthodoxeste, linearste. Die Neigung, die Sprache der akademisch verwalteten Welt «zum Tragen zu bringen», den Gegenstand und den Leser mit endlosen Referaten in indirekter Rede zu erschöpfen und eine Fülle selbstgestellter Fragen so zu beantworten, dass die Antwort allemal «ausser Zweifel stehen darf», folgt nicht just dem von Adorno hochgeschätzten «Lustprinzip des Gedankens». Aber Müller-Doohm beeindruckt im Laufe der Lektüre immer mehr durch die Gründlichkeit seiner Recherche bei einem leider nach wie vor erschwerten Zugang zu den Quellen, durch riesigen Fleiss und die Fülle der Ergebnisse. Man kann mit seiner Biographie arbeiten. Und man weiss stets, wo man gerade ist.

Das lässt sich bei Detlev Claussens Neigung zur Sprunghaftigkeit nicht sagen. Die als Gegengewicht gebrauchte leitmotivische Technik in den Spuren Wagners und Thomas Manns ist um Strukturierung bemüht, unterbietet indes Adornos dezidierten musikalischen Modernismus. Aber das Werk ist höchst gehaltvoll und anregend. Entschiedener als die Biographie von Müller-Doohm zielt es auf eine philosophisch weit gefasste «soziale Biographie», in der die Lebensgeschichten, Plural!, wie in einem Palimpsest überschrieben sind – Verdichtung eines «Jahrhunderts der Extreme». Das von Adorno geforderte «Denken in Konstellationen» soll den biographischen Reduktionismus vermeiden und die konsequent durch Kursivierung hervorgehobenen Texte «zum Sprechen bringen» (was sie freilich beredt von sich aus schon tun).

An diesem «Denken in Konstellationen» orientiert sich ebenfalls die «politische Biographie» von Lorenz Jäger. Adorno figuriert als die «Bravissimo-Version des Intellektuellen» und trifft nach Jäger – immerhin – öfters «etwas», «einen Wahrheitskern». Ohne Pardon wird Adorno von Jäger abgestraft für seine Amalgamierung von Marxismus und Psychoanalyse. Als Schule des Verdachts wird die Psychoanalyse selbst verdächtigt: Sie diene dazu, politische Auseinandersetzung in charakterologische Denunzierung zu verwandeln. Da will sich denn auch der Kritiker nicht lumpen lassen.

Aber Adorno ist nicht nur Sujet einer sozialen oder politischen Biographie. Es stimmt fast schon heiter, sich ihn als «soziale Kategorie» (Müller-Doohm) vorzustellen. Gerade in der «Nichtidentität», die seinen Lebensstil bis zum unbefangenen Selbstwiderspruch, seinen Denk- und Sprachstil so bestimmt, dass kein Begriff und keine Position vom dialektischen Rotationsprinzip unberührt bleibt, war er in höchstem Mass identisch. Deswegen korrespondiert bei Claussen dem Kapitel über den «Nichtidentischen» eines über den «Identischen». Deswegen ist es legitim, auf die von Adorno keineswegs nur entmächtigte individuelle Erfahrung zurückzugehen. Deswegen sind die dem «doppelten Exil» (Müller-Doohm) der amerikanischen Emigration zu dankenden «Minima Moralia» Adornos erfahrungsreichstes, quasi autobiographisches Buch, in der Tat «Reflexionen aus dem beschäftigten Leben».

Deswegen pflegt der exilierte und heimkehrende, wie schon der frühreife Adorno das persönlichste Genre, das Tagebuch; die textreiche und kommentararme Bildmonographie dokumentiert das ausführlich. Und deswegen gilt für Adorno auch kein Bilderverbot.

Die charakteristischste Spur dieses identischen «Nichtidentischen» ist an den Namen abzulesen. Alle Biographien widmen ihnen eingehende Aufmerksamkeit, Claussen am erhellendsten. Der familiäre Doppelname, unter dem Theodor Wiesengrund-Adorno als katholisch getaufter Sohn einer katholischen Mutter und eines jüdischen Vaters firmiert, klingt wie der Titelname einer zwischen Künstler und Bürger oszillierenden Novelle im Stil Thomas Manns. Tatsächlich hat Mann den deutschen «Wiesengrund», einem «seelenvollen Rufe» gleich, als wahren Komponisten seines «Doktor Faustus» in diesen Roman hineinkomponiert.

Beim Vornamen wird der Kosename «Teddie» der persönlichste Name bleiben, der Name seines frühen Glücks, nicht machtgeschützter, sondern bürgerlich familienbeschützter Innerlichkeit, eines Glücks, das sich noch in der negativsten Dialektik als Vorschein sonst bilderlos bleibender Hoffnung erhält. Die «Heimat», die nach dem Schlusssatz des «Prinzips Hoffnung» «allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war» – Adorno war in ihr, unerachtet aller frühen Melancholie. Kindheit ist der Stand, «in dem einem weniger passierte», «Umfangensein, Nachbild der Geborgenheit in der Mutter». Das Kindheitsmotiv gewinnt in allen Biographien herausragende Bedeutung: Vor diesem immer präsent bleibenden Hintergrund muss man Adorno lesen.

Zumal die von Reinhard Pabsts wunderbarem Bilderlesebuch erschlossene «Kindheit in Amorbach», «Adornobach», mit dem Paradies der umgebenden Wiesengründe, wird zur Heimat vor dem gnostischen Sturz in die Welt, der mit Erfahrung der Schule beginnt und im Zeichen von Auschwitz zum Höllensturz wird. Von der Erfahrung des kindlichen Glücks und dem Grauen bleibt Adornos Kritische Theorie bestimmt. «Bangemachen gilt nicht», Adornos Motto, ist zu lesen als kindlich-magischer Bann.

Der Tribut, den das älter werdende Wunderkind zahlt: Adorno wird zum Zwangsneurotiker der Brillanz. Seine Dialektik, die immer einen Schritt dem Leser voraus ist, wird zum Immunschutz davor, sich von irgendetwas überraschen zu lassen. Wie der Igel im Märchen, sagt sie immer schon: «Ick bün al hier.» Wo Adorno unvorbereitet auf Konkurrenz trifft, konkurriert er brachial, zur Not solidaritätsfrei. Der ausgeprägte Karrierismus erreicht seinen Tiefstpunkt mit der aggressiven Selbstgleichschaltung jenes «Hektor Rottweiler» – seit 1933 Adornos Metzgerhund-Pseudonym -, der unter keiner Beisshemmung leidet, der «Negerjazz» auf «Hatz» reimt und sich dem «romantischen Realismus» von Goebbels, der NS-Chormusik und der Lyrik Baldur von Schirachs akkomodiert. Erst die Frankfurter Studentenzeitung «Diskus» wird das im Winter 1962/63 dem konsternierten Publikum enthüllen. Müller-Doohm stellt den Fall ungeachtet aller Schülertreue detailliert dar, Jäger, wie zu erwarten, gleichfalls, Claussen geht in falsch verstandener Noblesse darüber hinweg.

Bis zu seinem Lebensende bleibt Adorno ein identischer «Nichtidentischer». Sein eindrucksvolles Liebesleben verbindet die Zartheit eines Mannes, der die Frauen liebt wie sonst nur noch die Musik und das «Naturschöne» – zusammen mit der Kindheit die Chiffren möglichen Glücks –, die anrührende Innigkeit, in der er und seine Frau Gretel ein Leben lang so verbunden bleiben, dass er ihretwegen fast nicht an die Endgültigkeit des Todes glauben mag, mit Pariser Bordellbesuchen und zur Not, wie sein Tagebuch dokumentiert, mit einem rechtschaffenen SM-Porno. So zupackend hätte man sich den stets überkorrekt gekleideten rundlichen Herrn nicht vorgestellt.

Sein politisches Leben befördert ihn zum «Papst der Radikalität» (so Günther Anders in dem freimütigen Briefwechsel mit Adorno, den die Bildmonographie dokumentiert), zum subversiven Theoretiker mit staatlich garantiertem Pensionsanspruch, für den die revolutionäre politische Praxis gottlob auf unabsehbare Zeit vertagt ist.

Dieses Leben findet sein bitteres erotisch-politisches Finale, als den Mentor einer ganzen Studentengeneration, der als Institutsdirektor die Polizei ruft, seine barbusigen Frankfurter Töchter umtanzen. Adornos konservative Gegner, denen die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik auf der Kritischen Theorie stets ein Dorn im Auge war, registrieren mit Genugtuung den Vatermord. Adornos Tod im Wallis, den Biographen merkwürdig blass geratend, besiegelt sein letztes Exil.

Detlev Claussen, Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie. Fischer 2003.

Lorenz Jäger, Adorno. Eine politische Biographie. DVA 2003.

Stefan Müller-Doohm, Adorno. Eine Biographie. Suhrkamp 2003.

Adorno. Eine Bildmonographie. Hrsg. vom Theodor W. Adorno Archiv. Suhrkamp 2003.

Theodor W. Adorno, Kindheit in Amorbach. Bilder und Erinnerungen.

Mit einer biographischen Recherche, Hrsg. von Reinhard Pabst. Insel 2003.

Ludger Lütkehaus, geboren 1943, ist Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Freiburg i. Br.

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