Bin ich, ist der Tod nicht

Lässt sich das Sterben lernen? Wer mit der rationalen Auskunft von Epikur nicht zufrieden ist, wonach man den Tod nicht fürchten müsse, weil er uns nicht treffe («bin ich, ist er nicht, ist er, bin ich nicht»), sucht eine Antwort am besten in der konkreten Erfahrung mit Sterbenden. Das Büchlein des Arztes Christoph Held schildert in einer Reihe kurzer, prägnanter Erzählungen das Abgleiten in zunehmende Demenz. In den erzählten Geschichten endet dieser Prozess nicht nur bald mit dem körperlichen Tod; der manchmal schlagartige Verlust des Gedächtnisses bedeutet häufig auch eine weitgehende Auflösung der vormals sich ihrer Geschichte bewussten Person, und damit ein vor allem für die Angehörigen leidvolles, weil diffuses personales Sterben vor dem leichter diagnostizierbaren körperlichen Sterben.

Für Held liegt das Schwergewicht seiner Geschichten auf den aussergewöhnlichen Herausforderungen, die der Umgang mit dementen Menschen für das Personal des von ihm medizinisch geleiteten Pflegeheims bedeutet – und diese Pflege ist durchweg von einem hohen Einsatz und teilweise bewundernswerter Menschlichkeit geprägt. Diese sicher realistischen, aufgrund der beinahe familiären Kultur des Heims allerdings besonders günstigen Umstände der Pflege hilfloser Menschen könnten als eindrucksvoller Anschauungsunterricht in jeder Pflegefachschule dienen. Darüber hinaus könnten diese Geschichten jedoch mindestens einige Leser nicht nur als Vorausschau auf die mögliche zukünftige Hinfälligkeit ihrer nächsten Angehörigen interessieren, sondern auch als eine denkbare Lektion in eigener Sterbeerfahrung. Unter diesem Aspekt ist freilich weniger die Überforderungsproblematik der Pflegenden wichtig als der Einblick in die subjektive Befindlichkeit der immer hinfälliger werdenden Patienten.

Klare Auskunft von der Innensicht der Patienten geben zwei Geschichten. Eine Patientin entscheidet sich, noch im Besitz ihrer geistigen Kräfte, mit einer etwas störrischen Verzweiflung zum Suizid mit Unterstützung einer Sterbehilfeorganisation; ein jüngerer Patient erlebt den Fall in die Demenz mit grosser Angst. Weil Sterben letztlich einsam ist, lässt sich die subjektive Seite dieser und mehr noch der dementen Patienten nur erahnen. Der mit dem Sterben verbundene emotionale Prozess, sich vom eigenen Lebensdrang zu lösen, ist aber auch daran zu üben, wie es für andere ist, einen Verfall zu erleben, der auch der unsere sein könnte.

Helds Tonfall ist der ruhige, unaufdringliche eines Arztes, der die Eitelkeit der Medizin als eine körperbeherrschende Technik hinter sich gelassen, ihre modernen Einsichten in die unausweichliche Körperbiologie aber in eine ebenso staunende wie offene Sachlichkeit transformiert hat. Sein Gesamtblick auf die Patienten und ihre Pfleger ist insgesamt durchaus biologisch, das aber auf eine menschlich angemessene, gelassene Weise. Die beruhigende Wirkung seiner Erzählungen entsteht allein durch den sachlichen Blick auf eingefallene, gelblich verfärbte Bauchdecken und langsam vom Weggli tropfende Zwetschgenkonfitüre.

Seneca ist der Meinung, dass der Mut gegenüber dem Tod wachse, je näher man ihm komme, eine These, die ohne Belege nur schwer zu teilen ist. Am geduldig erzählenden Stil dieser Geschichten lässt sich ahnen, welche Leistung dabei erbracht werden muss. Dass es, nach Epikur und Seneca, beruhigend sein soll, dass unsere bewusste Existenz und der Tod sich gegenseitig ausschliessen, ist rational nicht zwingend. Aber dass wir die biologischen Gesetze unseres individuellen Lebens am Ende emotional akzeptieren könnten, kann man aus diesem Büchlein durchaus folgern.

Christoph Held: «Wird heute ein guter Tag sein? Erzählungen aus dem Pflegeheim». Oberhofen am Thunersee: Zytglogge, 2010

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