Bimsstein in der Brandung

Die Schweizerische Nationalbank ist mit ihrer Negativzinspolitik in einem riskanten Wettlauf nach unten gefangen. Das gefährdet das Vertrauen in den Finanzplatz.

 

In der Werkstoffprüfung gibt es ein Standardverfahren zur Bestimmung der Streckgrenze von Materialien. Spannt man einen Metallstift in eine Vorrichtung, die ihn auseinanderzieht, gibt das Material irgendwann nach. Es gibt einen Punkt, ab dem sich das Material den Kräften ergibt, den Widerstand aufgibt, und sich verformt, bis es bricht. In der Fachsprache nennt man das den Lüderspunkt.

Auch in Sachen Geldpolitik geht es derzeit im Grunde um nichts anderes: Bis wann kann man das System dehnen, bis es bricht? Wo ist der geldpolitische Lüderspunkt? Was in der Werkstoffprüfung der Widerstand des Eisenstifts ist, ist in der Geldpolitik die Dehnbarkeit der Bilanzen. Diese sind wie Papier: geduldig. Wie lange noch?

Ein bisschen unabhängig ist wie ein bisschen schwanger

Die SNB reiht mit ihrer Geldpolitik Rekord an Rekord: weltweit tiefster Zinssatz mit minus 0,75 Prozent, Verachtfachung der Bilanz in nur zehn Jahren, Spitzenposition unter den Zentralbanken mit dem höchsten Aktienbesitz. Zudem verlangt keine Zen­tralbank der Welt den Geschäftsbanken derzeit im Verhältnis mehr ab als die SNB. Die Summe der von den Geschäftsbanken gezahlten Negativzinsen hat sich seit 2015 auf nunmehr über 2 Milliarden Franken pro Jahr fast verdoppelt (Abb. 1). Inzwischen gewährt die SNB dem Bankensystem Freibeträge, wodurch sich die jährlichen Negativzinseinnahmen in etwa halbieren sollen. Das dürfte die Wogen zwar erst mal wieder glätten, doch die Frage aller Fragen bleibt bestehen: Wie lange kann (oder muss) die SNB die Negativzinsphase aufrechterhalten? Wann wird die Medizin des billigen Geldes zum Gift? Der schwedischen Reichsbank ist das Experiment des Nullzinses zu heikel geworden. Sie erhöhte im Dezember den Leitzins von –0,25 auf 0 Prozent. Ein Vorbild für die SNB?

Die Negativzinspolitik führt drastisch vor Augen, dass die SNB als im Prinzip unabhängige Zentralbank es tatsächlich nicht ist. Sie ist vom Niedrigzinsumfeld der anderen Länder, also von der Politik anderer Zentralbanken, abhängig. Statt ein Fels in der Brandung ist sie ein Bimsstein in der Brandung, der von den Wellen mitgetragen wird. Das gilt besonders im Verhältnis zur Europäischen Zentralbank. Senkt die EZB die Zinsen noch weiter unter null, wird die SNB diesem Quasidiktat aus Frankfurt folgen und die Zinsen abermals nach unten drücken müssen, um Geldströme in den Schweizer Franken zu unterbinden. Tut sie dies nicht, wertet der Franken zu stark auf und schädigt die Schweizer Exportwirtschaft, die bereits ein für den Weltmarkt stolzes Preisniveau erreicht hat. Blickt man auf die Zahlen, kennen die Bilanzsummen und der Zins deshalb seit Jahren nur eine Richtung: erstere nach oben – letzterer nach unten (siehe Abb. 2 und 3).

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»