Biedermann und die Euro-Brandstifter

Max Frisch reloaded: literarisch-politische Betrachtungen zum europäischen Haus

Biedermann und die Euro-Brandstifter
Carlos A. Gebauer, photographiert von Philipp Schumacher.

I.

Als ich «Biedermann und die Brandstifter» kürzlich wieder las, fiel mir auf: Max Frisch hat vor 55 Jahren einen Schlüsseltext verfasst, der uns heute helfen kann, die tragische Logik der Europäischen Union (EU) zu verstehen. Nicht jener Union wohlgemerkt, die von ihren Gründervätern einst erträumt wurde, sondern jener Union, die heute daraus geworden ist, die also real existiert.

Jene Logik ist deswegen tragisch, weil sie dem antiintellektuellen Gebot der Alternativlosigkeit zu gehorchen scheint, das heute den Ton in der Politik allzu sehr bestimmt. Diese Art von «Alternativlosigkeit» heisst: Es kann nur immer vorwärts in eine Richtung gehen – in die der Vergemeinschaftung.

Max Frisch veröffentlichte das Theaterstück im Jahre 1958 – nach rund zehnjährigen Vorarbeiten in Gestalt von Prosaskizzen und Hörspiel. Noch im selben Jahr wurde das Stück erstmals in Zürich und dann in Frankfurt am Main aufgeführt.

Gottlieb Biedermann tritt auf, der wohlhabende Haarwasserproduzent, zusammen mit seiner gesundheitlich schwächelnden Ehefrau Babette, die mit ihrem Hausmädchen Anna eine respektable Stadtvilla bewohnen. Am Ende werden alle in genau dieser Villa verbrennen. Das Haus und das ganze Stadtviertel werden von dem arbeitslosen Ringer Josef Schmitz und seinem Freund Willi Eisenring angezündet worden sein. Ein Polizist wird das Inferno ebenso wenig verhindern können wie ein merkwürdiger dritter, namenlos bleibender Brandstifter mit dem Titel «Dr. phil.», der sich kurz vor der Tatvollendung noch von alledem distanziert.

Im Mittelpunkt des Stücks steht die zentrale Frage: «Wie nur konnte es so weit kommen?» Wie konnte es den Brandstiftern gelingen, sich als wildfremde Hausierer Zutritt und Aufenthalt in der Villa zu verschaffen, den ganzen Dachstuhl des Hauses vor den Augen des Hausherrn mit Benzinfässern zu füllen und ihr zerstörerisches Werk in Seelenruhe zu vollenden? Wie kann all dies geschehen, obwohl doch Gottlieb Biedermann schon vor seinem ersten Kontakt zu den Tätern aus eigener Zeitungslektüre Kenntnis von dieser Art des Verbrechens hat und obwohl er schon in der Öffentlichkeit lautstark gefordert hatte, man solle derlei Täter rigoros «aufhängen»?

II.

Max Frisch entwickelt die einerseits grenzenlose Wehrlosigkeit der Opfer und die andererseits unerbittliche Entschlossenheit der Täter in zermürbender Folgerichtigkeit. Er lässt uns ertragen, wie Biedermann und seine Frau ohne wahre Not jede der beinahe zahllosen Chancen verspielen, das Unheil noch abzuwenden, und wie – umgekehrt – rücksichtslos die Täter ihren Plan maschinenhaft umsetzen. Teilt man den Ablauf, lassen sich diese acht Entwicklungsschritte erkennen:

1. Unaufgefordertes Eindringen

Zu Beginn begehrt Josef Schmitz an der Tür beim Hausmädchen Eintritt in die Villa. Biedermann aber lässt ihm den Zutritt verbieten, gerade weil er – gewarnt durch die Zeitung – keinen Besuch von Hausierern wünscht. Dennoch tritt Schmitz ein, am Hausmädchen vorbei. Die erste Grenzüberschreitung ist vollbracht. Gegen den erklärten Willen von Biedermann steht Schmitz im Haus. Der übliche Abwehrmechanismus gegen unliebsamen Besuch hat versagt. Der Täter hat seinen Willen durchgesetzt.

2. Konsequente Anspruchshaltung im fremden Haus

Unter Hinweis auf sein Schicksal als obdachloser Arbeitsloser fordert Schmitz zunächst nur ganz höflich einfach «Menschlichkeit» von Biedermann, «wenn ich nicht störe». Als der, statt ihn gleich wieder des Hauses zu verweisen, ihm nachgiebig entgegenkommend Brot und Wein bringen lässt, setzt Schmitz sofort nach: Jetzt will er auch noch Butter, Käse, kaltes Fleisch, ein paar Gurken, eine Tomate, etwas Senf. Das besitzergreifende Anspruchstellen im fremden Haus hat begonnen.

3. Intensivierung der Übergriffigkeiten

Schmitz lobt Biedermann für sein Gewissen, stellt aber gleich unmissverständlich klar, dass sein vorheriger Arbeitgeber bei einer Feuersbrunst zu Tode kam. Nachdem die körperlichen Kräfteverhältnisse geklärt sind, erinnert Schmitz die Gastgeberin an den vergessenen Senf und moniert die Temperatur des Weines. Dann kommt er sofort zum nächsten Begehren: «Wenn Sie ein Unmensch wären, dann würden Sie mir heute Nacht kein Obdach geben.…