Berufslehre – ein
Auslaufmodell?

Die Akademisierung bedroht das Gleichgewicht

Lisez la version française ici.

Der Erfolg des schweizerischen Wirtschaftsmodells beruht weitgehend auf unseren agilen KMU, die in der Lage sind, auf ökonomische Entwicklungen zu reagieren. Die Ausbildung unserer Arbeitskräfte passt fast perfekt zu dieser Realität. Mit unseren vielen Passerellen ist es nie zu spät, sich zu bilden oder gar ein ganz neues Ziel zu verfolgen. Die Zusammenarbeit zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor ermöglicht es, die Ausbildungskurse zu verfeinern und sie weitgehend auf die Bedürfnisse des Marktes abzustimmen. Die im Vergleich mit anderen Ländern niedrige Jugendarbeitslosigkeit bestätigt dies.

Die ganze Welt schaut auf diese Erfolgsgeschichte. Bei seinem Besuch in der Schweiz gratulierte der damalige französische Staatspräsident François Hollande den Schweizer Behörden zu ihrem Bildungsmodell. Er räumte jedoch ein, dass er für die Einführung eines solchen Systems in Frankreich zunächst die gesamte Lehrerschaft ersetzen müsste. Nur so würde es ihm vielleicht gelingen, ein gleichwertiges System einzuführen. Die Lehre wird dort gemieden und gilt als letzter Ausweg für diejenigen, die zu nichts Besserem fähig sind.

In der Schweiz wird dieser Weg von zwei Dritteln der Jugendlichen gewählt. Die Lehre ermöglicht es ihnen, nach einer eher theoretisch orientierten Pflichtschulzeit zur Praxis überzugehen. Leider ist dieses Modell in Gefahr. Vor allem in der Westschweiz und im Tessin ist eine «Akademisierung» im Gange: Immer mehr Jugendliche ziehen das Gymnasium der Berufsausbildung vor. Zugleich wählen in der Deutschschweiz, nach Angaben der Kantone, mancherorts sogar mehr als drei Viertel der Jugendlichen den Berufsweg. Zwei Welten prallen aufeinander. Und diese Dynamik wird immer stärker in der Romandie. Die Lehrlingsausbildung verliert zweifellos an Ansehen. Sie neigt dazu, ein respektabler Weg zu werden ­– aber bitte lieber für den Nachbarssohn. «Unser Kind wird, unserem eindringlichen Rat folgend, lieber aufs Gymnasium und dann zur Universität gehen», heisst es dann. Sollte sich diese Haltung bestätigen, könnte sie das Gleichgewicht, das wir derzeit beobachten, in Gefahr bringen.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»