«Berührtsein ist der beste Antrieb für jede Art von Arbeit»

Der Kunstgiesser Felix Lehner pendelt für seine Arbeit zwischen Kontinenten und Kunstepochen. Der Komplize grosser Schweizer Gegenwartskünstler wie Hans Josephsohns oder Urs Fischers über die Absage an die Mittelmässigkeit – und über 17 Tonnen schwere Teddybären im Herzen von New York.

«Berührtsein ist der beste Antrieb für jede Art von Arbeit»

Felix, was macht die Kunst?
Ich komme soeben aus Shanghai zurück. Seit fünf Jahren haben wir dort einen zweiten Produktionsstandort unserer Kunstgiesserei. Wir produzieren dort Werke, die wir grössenmässig in St. Gallen nicht bewältigen können: grosse Bronze- oder Aluminiumgüsse, aber auch Treibarbeiten in Chromstahl. 2 bis 3 unserer Mitarbeiter aus St. Gallen sind dort fest in einer chinesischen Partnergiesserei in-stalliert. Ich selbst fliege 4- bis 6mal im Jahr nach China, um mir die entstehenden Arbeiten anzusehen.

Wieso gerade Shanghai? Gab es nicht etwas Näheres?
Es war Zufall. Wir haben vor sechs Jahren eine Giesserei gesucht, mit der wir ein riesiges Projekt für Urs Fischer giessen können: Lamp/Bear, eine Verschränkung eines Teddys und einer Tischlampe. Und die hat eine Vorgeschichte: als nämlich von dem 7-Meter-
Modell aus Styropor mit Kunststoffbeschichtung schon während der Ausstellungseröffnung im Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam drei Bronzeabgüsse verkauft wurden, war das gleichzeitig Freude wie auch Schreck für uns. Der Verkauf sicherte zwar die Produktion der Abgüsse, allerdings hätte uns dieser Auftrag in St. Gallen 6 bis 8 Jahre lang beschäftigt und blockiert. Wir brauchten also einen Partner. Und da niemand in Europa die Kapazität und die spezifische Fähigkeit hatte, diese Abgüsse zu erstellen, galt unsere Hoffnung China und dem Ruf der dort traditionellen Grossskulptur.

Wo ihr offensichtlich fündig wurdet. Wie läuft die Kommunikation zwischen St. Gallen und Shanghai?
Seit drei Jahren arbeitet der Appenzeller Künstler Christian Meier in Shanghai für uns, der fliessend Mandarin spricht. Meine Assistentin in St. Gallen, Jiajia Zhang, hat chinesische Wurzeln, was die Kommunikation weiter vereinfacht. Für mich ist wichtig, die Menschen möglichst direkt zu verstehen. Ich glaube, nur so lässt sich auch etwas erarbeiten – und nur so kann man tatsächlich voneinander lernen.

Sind Künstler wie Paul McCarthy, Subodh Gupta oder Urs Fischer, die ihre Skulpturen teils über euch in China produzieren lassen, auch vor Ort?
Immer wieder. Insbesondere Urs Fischer, Paul McCarthy hingegen hatte Probleme bei der Einreise. Der schickte dann schon mal seinen Sohn.

Bleiben wir einmal kurz bei einem von ihnen: Urs Fischer, ein Künstler, mit dem du oft zusammenarbeitest, spielt mit Massstabverschiebungen. Mal fabriziert er einen gigantischen Bilderbaum, dann wieder ein kleines Mäuschen von wenigen Zentimetern.
Kleine und grosse Dinge interessieren ihn gleichermassen. Er hat Lust am Ausprobieren von Grössenrelationen und am Verschieben von Materialkonnotationen.

…er kann auch einfach nur ein Gipfeli aufhängen.
Eine grosse Stärke von Urs, ein Zeugnis seiner Souveränität im Umgang mit künstlerischen Risiken – und auch mit grossen Budgets.

Die erwähnte Grossplastik Lamp/Bear steht zurzeit auf dem Seagram Plaza in New York. Ein 7 Meter hoher, 17 Tonnen schwerer Bronzeguss. Wie kam es zu dieser Grössendimension?
Die Grösse war zunächst unklar, das hat Urs lange beschäftigt. Wir haben hier in der Halle mit Gabelstaplern und Latten versucht, die Dimensionen zu simulieren. Er entschied sich dann für die Maximalhöhe des Raumes von 7,20 Metern. Die Skulptur hat den ganzen Raum gefüllt.

Sie wurde kürzlich in der Christieʼs Frühjahrsauktion für fast 7 Millionen Dollar versteigert. Das macht eine Wertsteigerung von rund 6 Millionen innerhalb von nur sechs Jahren. Findest du das nicht etwas extrem?
Ja, das ist sicher aussergewöhnlich. Und es ist vor allem anstrengend für den Künstler, der nichts direkt von dieser Preissteigerung hat. Ich traue Urs aber zu, dass er genug Gegengift in sich trägt, dem Druck standzuhalten, der mit diesem Erfolg verbunden ist. Urs ist ein Künstler, der ohne Geld oder mit ganz viel Geld dieselbe gute Arbeit leisten kann, weil er eine so ungeheure Lust an…

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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»