Berlin: Gammelstadt

Deutschlands Hauptstadt zieht Kulturschaffende beinahe magisch an. Auch ich bin nun seit einigen Wochen hier – um an neuen Stücken zu arbeiten. Bevor ich meine Reise antrat, fragte ich Bekannte, was es in Berlin ausser Schweizer Künstlern, die die Freiheit schätzen, im Bademantel Brötchen kaufen zu gehen, wohl zu sehen gäbe. Ein Freund meinte bloss: […]

Deutschlands Hauptstadt zieht Kulturschaffende beinahe magisch an. Auch ich bin nun seit einigen Wochen hier – um an neuen Stücken zu arbeiten. Bevor ich meine Reise antrat, fragte ich Bekannte, was es in Berlin ausser Schweizer Künstlern, die die Freiheit schätzen, im Bademantel Brötchen kaufen zu gehen, wohl zu sehen gäbe. Ein Freund meinte bloss: «Gehst du Berlin, musst du Döner!» Und er fügte an: «Achtung: Gammelfleisch.»

Mein Berlinerleben begann dann doch mit der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten: Brandenburger Tor, Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Fernsehturm, Reichstag, Museumsinsel etc. Dann begann die Beschäftigung mit der Musik, denn ich war ja zum Arbeiten hier. Nachdem ich mich an das warme Klima in Asien gewöhnt hatte, fiel mir die Umstellung auf Minusgrade schwer, aber mit dicken
Jacken und Thermounterwäsche war hier alles möglich, die Tage im Januar gestalteten sich kurzweilig, und da ich arbeitete, vergass ich manchmal, in welcher Stadt und in welchem Land ich mich eigentlich befand. Hier, Berlin, das ist alles durcheinander.

Nach einer Woche kündigte sich mein erster Besuch an. Ich wollte ihm das Brandenburger Tor zeigen, das Denkmal für… Er: alles schon gesehen! Und: keine Lust auf das «dämliche Touristengetue». Stattdessen hatte derselbe Freund, für den Berlin gleich «Dönerstadt» ist, grosse Pläne: Ausgehen in Neukölln und vor dem Heimgehen einen Döner! Wir verbrachten also einen weinseligen Abend im Szenequartier. Und dann, in den frühen Morgenstunden: Döner. Für 1,99 Euro. Mit Liebe und Sorgfalt wickelte der nette «Dönermann» das Fleisch und den Salat ins zart gebackene Brot. Es schmeckte fabelhaft. Mit vollen Bäuchen und trubelmüde warfen wir uns in die Betten. Am folgenden Morgen: Kaffee und Frühstück bei Tchibo. Oder so. Gammeln nennen das die Berliner. Das Leben war perfekt.

Doch dann kam alles anders. Nach dem Frühstück verschwand ich auf dem stillen Örtchen und kehrte für Stunden nicht zurück. «Gammelfleisch», urteilte mein Magen. Das hatten wir vergessen, nun erinnerten uns unsere Bäuche: hauptstädtisches Gammeln kann auch wehtun.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»