Berechenbare SNB?

Die Kursfreigabe des Frankens im Januar 2015 erschütterte Unternehmer, Investoren und Sparer auf der ganzen Welt. Was vielen als Überraschung erschien, lässt sich fadengerade auf einen verrauchten Abend im Zürcher Café «Grüner Heinrich» im Dezember 1943 zurückverfolgen. Damals verfasste der junge Nationalbanker Karl Brunner zusammen mit dem NZZ-Wirtschaftsredaktor Carlo Mötteli und dem Verbandssekretär Albert Hunold […]

Die Kursfreigabe des Frankens im Januar 2015 erschütterte Unternehmer, Investoren und Sparer auf der ganzen Welt. Was vielen als Überraschung erschien, lässt sich fadengerade auf einen verrauchten Abend im Zürcher Café «Grüner Heinrich» im Dezember 1943 zurückverfolgen. Damals verfasste der junge Nationalbanker Karl Brunner zusammen mit dem NZZ-Wirtschaftsredaktor Carlo Mötteli und dem Verbandssekretär Albert Hunold eine Skizze für eine liberale Studiengruppe, die von Wirtschaftshistorikern bis heute als Gründungsdokument der Mont-Pelerin-Society bezeichnet wird. Es ging damals allerdings zunächst bloss darum, «in der Schweiz eine ökonomische ‹Schule› heranzuziehen». Die Verwirklichung des Unterfangens sollte sich 30 Jahre hinziehen: Zunächst verliess Karl Brunner die Nationalbank. Er zog in die USA, wo er zu einem der bedeutendsten Geldtheoretiker des 20. Jahrhunderts wurde. Von Brunner stammt der Begriff «Monetarismus», der das System der Geldmengenkontrolle durch die Zentralbank bei freiem Wechselkurs beschreibt. Lange hielten die westlichen Zentralbanken allerdings am Bretton-Woods-System der Gold-Dollar-Bindung fest, bis es zum Bruch kam: im März 1973 sistierte die Schweizerische Nationalbank (als eine der ersten Zentralbanken) überstürzt und planlos den Aufkauf billiger Dollars – und gab damit den Frankenkurs frei. In den folgenden Jahrzehnten prägten Karl Brunners Schüler die Schweizerische Geldpolitik, sie rückten an Universitäten sowie bei den Banken und Wirtschaftsverbänden nach. Unmerklich entstand, über dreissig Jahre nach dem Treffen im «Grünen Heinrich», die skizzierte Schweizer «Schule» und gewann an Einfluss. Vor beinahe einem Jahr erklärte Nationalbankpräsident Thomas Jordan, dass die Nationalbank aufhöre, billige Euros aufzukaufen. Und das war keineswegs die Überraschung, die in den Medien daraus gemacht wurde, denn: Nichts anderes war von einem Vertreter der jüngsten Generation der Brunner’schen «Schule» zu erwarten.