Benachteiligung rechtschreibschwacher Schüler

Die Repolitisierung der Debatte, wie sie Heide -Kuhl-mann in ihrem Artikel in der Novemberausgabe der «Schweizer Monatshefte» beschreibt, ist paradoxerweise notwendig, damit die verantwortlichen Politiker dieses Sachthema überhaupt wieder einer sachlichen (im Gegensatz zu: politischen) Betrachtung unterziehen. Hilfreich sollte dabei das Argument sein, daß die ideologisch motivierten Ziele der Reform vollständig verfehlt wurden. Das soll an zwei Beispielen verdeutlicht werden.

Für eine sprachlich sinnvolle Kommasetzung im Rahmen der neuen Regeln ist eine sehr viel tiefere Einsicht in die Struktur der Sprache notwendig als in der etablierten Schreibung. Während vorher zum Beispiel die relativ einfach zu beherrschende Regel «Komma bei erweiterten Infinitiven mit zu» sinnvolles Schreiben geradezu erzwang, muß der Schüler heute das Komma in seiner Funktion als «semantisch strukturierend» verstehen. Da außerdem völlig konform mit den neuen Regeln inhaltlich und grammatisch völlig Unsinniges geschrieben werden kann, ist gerade ein rechtschreibschwacher Schüler, der ohne tieferes Verständnis von Sprachstrukturen Regeln anwendet, hochgradig benachteiligt. Ähnliches gilt für die «Worttrennung am Zeilenende». Konnte sich früher ein schwächerer Schüler darauf verlassen, im Duden odermit Hilfe seines Rechtschreibprogramms eine sinn-volle Trennstelle zu finden, so kann er heute entweder Atmo-sphäre oder auch – der Wortstruktur zuwiderlaufend – Atmos-phäre trennen – und damit sowohl regelkonform schreiben als auch seine Unkenntnis der Zusammenhänge demonstrieren. Mit anderen Worten: Selbst für den Fall, daß man das Grundanliegen der Reformer akzeptierte, durch Veränderung der Schriftsprache die Benachteiligung schwächerer und, damit korreliert, sozial benachteiligter Schüler zu lindern, selbst in diesem Fall versagt die Reform – gemessen an den ureigenen Zielen ihrer Erschaffer. Damit ist einem der wichtigsten Argumente der Reformbefürworter der Boden entzogen.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»