Bekenntnisse des Vaters

Noch ein Roman zum 11. September 2001? Es wäre nicht falsch, «Ben Kader» dieses Etikett anzuhängen, dennoch greift die Zuordnung zu kurz. Denn an diesem Tag endet Daniel Goetschs Roman. Im Brennpunkt steht jedoch mit dem algerischen Unabhängigkeitskrieg eine andere Zeit. In acht Kriegsjahren töteten das französische Militär und die mit ihm verbündeten Milizen bis 1957 fast eine Million Algerier. Folter, Mord und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung, französische Aktionen zur «Befriedung» führten zur Vertreibung von zwei Millionen Menschen. Unzählige französische Soldaten dienten in diesem Krieg, darunter auch prominente Gestalten wie Jacques Chirac oder Jean-Marie Le Pen.

Aufgerissen wird dieses dunkle Kapitel französischer Geschichte durch Ben Kader, den Vater des Protagonisten. Nach einem Hirnschlag liegt er im Krankenhaus und bittet seinen Sohn Dan, eine Datei auszudrucken und diese einer Journalistin in Paris zu schicken. Dan, der Ich-Erzähler, hat derweil ganz andere Probleme. Freundin Miriam hat sich für drei Monate nach Hamburg verabschiedet, und sein Job bei einer Zürcher Medienagentur langweilt ihn. Mit seinem Vater, der ein seltsames Doppelleben zu führen schien, hat er längst abgeschlossen. Noch weiss er nicht, dass ausgerechnet Ben Kader, emeritierter Professor und Orientalistikexperte, seiner Freundin bei den Recherchen zu ihrem Dokumentarfilm über Isabelle Eberhardt geholfen hat. Noch weiss er nicht, dass Vaters Datei längst in Paris angekommen ist. Zunächst greifen Dans Verdrängungsmechanismen, dann aber holen ihn Erinnerungen an den letzten gemeinsamen Urlaub ein, als er und Miriam nach Marrakesch geflogen waren, wie sie von dort nach Ain Sefa aufbrachen, jene algerische Oasenstadt, in der Eberhardts Leben ein jähes Ende gefunden hatte. Dort angekommen, bestieg Miriam – gegen jeden guten Rat – eine Düne; und damals beschlich Dan «eine schlimme Vorahnung». Es kam zum Eklat, Dan rastete aus, die Beziehung der beiden ist seither getrübt.

Gedrängt von seinem Bruder, betritt Dan schliesslich die Wohnung des Vaters, druckt die Datei aus, steckt die Blätter in den vorbereiteten Umschlag und macht sich wieder auf den Weg: «Schlenderte die Langstrasse auf und ab, an Leuchtschriften, Sexkinos und schummrigen Bars vorbei. Mal war mir, als würde ich Vaters Vermächtnis mit mir herumtragen, eine erdrückende Last, dann wieder sagte ich mir, ich schulde ihm nichts, Pessoa sei Dank.» Dan sieht sich mit den Bekenntnissen seines Vaters konfrontiert, der 1957 in Algier war und im Auftrag der französischen Regierung als Dolmetscher den Folterungen beiwohnte.

Nach den Romanen «Aspartam» (1998) und «X» (2004), die sich vornehmlich um den Mikrokosmos der jeweiligen Hauptfigur drehten, ist «Ben Kader» fraglos das bisher vielschichtigste Buch von Daniel Goetsch. Virtuos hat der mittlerweile in Berlin lebende Schweizer die kleinen Geschichten mit den grossen verwoben, die einen wiederholen sich dabei wie die andern. So wird einerseits dem Sohn schonungslos der Spiegel vorgehalten, andrerseits spiegelt der 39jährige Autor auch Welt, indem er auf raffinierte Weise aufzeigt, dass die Diskussionen um den clash of cultures, um Terror und Bombenanschläge, wie sie nach dem 11. September 2001 wiederaufgeflammt sind, schon vor fünfzig Jahren in ganz ähnlicher Weise geführt wurden. «Ben Kader» ist ein packender Roman wider das Vergessen, der zugleich – wie nebenbei – die Gegenwart auf den Punkt bringt: Auch Guantánamo ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts.

besprochen von Markus Bundi, Baden

Daniel Goetsch: «Ben Kader». Zürich: Bilger, 2006.

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