Befreit die Kultur!

Wer den Status quo der staatlichen Kulturfinanzierung in Frage stellt, gilt rasch als Kunstbanause. Dabei hat ein einfacher Hebel im eidgenössischen Subventions- und Steuertheater das Potential, die Kulturbudgets zu erhöhen – und gleichzeitig die öffentliche Hand zu entlasten: die Anerkennung von Gemeinnützigkeit.

Glücklich lässt der junge Mann die Atmosphäre in der Arena auf sich wirken: er hat es geschafft, eine Karte für das Konzert seiner Lieblingsrockband zu erhalten. Seit Wochen war dieser Auftritt in der heimischen Stadt das dominierende Thema, im Betrieb und in der Berufsschule genauso wie im Freundeskreis, nicht zuletzt wegen der stolzen Eintrittspreise. Nicht weniger als einen Viertel seines Monatslohnes als Lehrling musste er für einen Stehplatz auf den Tisch legen.

Zwanzig Jahre später wohnt der gleiche Mann – nun mit Fachhochschulabschluss Mitglied der Geschäftsleitung eines KMU – wieder einem Konzert bei, diesmal als Angehöriger des Bildungsbürgertums im städtischen Musiksaal, und statt Rockmusik hört er nun ein klassisches Symphoniekonzert. Die Karte zu erhalten, war diesmal erheblich einfacher gewesen, und statt des Viertels eines Monatslohnes musste er für den Platz im Polstersessel etwas mehr als ein Prozent seines gegenwärtigen Monatslohnes bezahlen.

Geändert hat sich freilich vieles in den letzten zwanzig Jahren, nicht allein sein Musikgeschmack: seine Lebensumstände, seine berufliche Entwicklung und natürlich auch sein gesellschaftliches Umfeld. Geändert hat sich aber auch, dass er nicht mehr allein für die Kosten seines Konzertgenusses aufkommen muss, sondern bloss für die Hälfte; die andere Hälfte wird von Stadt und Kanton bezahlt. «Wer da hat, dem wird gegeben», mag man mit dem Evangelisten (Mt. 13, 12) denken und zur Tagesordnung übergehen. Indessen: der Befund wirft eine ganze Reihe von Fragen hinsichtlich der staatlichen Kulturförderung auf. Zunächst jedoch einige Fakten zur Finanzierung des schweizerischen Kulturbetriebes.

 

Fakten zur Kulturfinanzierung

Mit 2,6 Milliarden Franken subventioniert die öffentliche Hand jährlich das kulturelle Geschehen, Theater, Konzerte, Opernhäuser, Museen und kulturelle Organisationen; das entspricht 0,44 Prozent des Bruttoinlandsproduktes oder 328 Franken pro Einwohner. Spitzenreiter unter den Städten ist Genf mit 1377 Franken pro Kopf und Jahr, vor Basel mit 914 Franken und Zürich, das bei 432 Franken liegt. Das gleiche Zürich unterstützt jeden Opernhausbesuch mit 300 Franken, wobei das Zürcher Opernhaus mit knapp 35 Prozent einen der höchsten Eigenfinanzierungsgrade (Vorstellungseinnahmen, Sponsorenbeiträge und Nebeneinnahmen) unter allen europäischen Musiktheatern erreicht. Auch der Auslastungsgrad liegt mit durchschnittlich 86 Prozent im Opernhaus relativ hoch, wogegen das Schauspielhaus Zürich bei bescheidenen 62 Prozent liegt (Saison 2012/13). Nun bin ich wohl selbst ein begeisterter Opernhaus-Besucher – nicht weniger als ein passionierter Konzert- und Theatergänger –, ich bin aber auch Steuerzahler, der sich Gedanken macht über die öffentlichen Mittel, die in reicher Fülle dem Kulturbetrieb zur Verfügung gestellt werden. Und so stellt sich mir die ketzerische Frage, welches Unternehmen denn sonst im realen Leben es sich leisten kann, 38 respektive 14 Prozent Ausschuss zu produzieren!

Unterauslastungen und sinkenden Zuschauerzahlen (an der Pfauenbühne nicht anders als im schweizerischen Durchschnitt minus 10 Prozent von 2006 bis 2013) zum Trotz steigen die Mittel der öffentlichen Hand für die Kulturinstitutionen – zumal die etablierten – unentwegt: im Schauspielhaus Zürich im genannten Zeitraum um durchschnittlich 3,5 Prozent pro Jahr; auf Bundesebene sind für die Planperiode 2016/19 ähnliche Steigerungen geplant, insgesamt für vier Jahre 14 Prozent mehr als in der vorhergehenden 4-Jahres-Periode. Gesamthaft sollen es – Zustimmung des Parlamentes vorausgesetzt – 895 Millionen sein, und gemäss der Direktorin des Bundesamtes für Kultur, Isabelle Chassot, sollte es eigentlich noch viel mehr sein. Denn, so lautet ihr öffentlich geäussertes Axiom: «Wir haben nie zu viel Kultur.»

Wer diesen grosszügigen Umgang mit Steuergeldern in Frage zu stellen wagt, wird im günstigeren Fall unter die Ewiggestrigen, im schlechteren Fall unter die vollendeten Banausen gezählt. Ich tue es trotzdem – gerade auch als Freund und Förderer der Kultur. Welcher Kulturbegriff liegt eigentlich dem ganzen Förderaktivismus zugrunde? Warum die «Grosskultur» im Konzertsaal und auf der Bühne und nicht die Autorenlesung in der örtlichen Buchhandlung, warum das klassische…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»