Befreit die Banken!

Eine sichere Bank ist eine Bank mit genügend Eigenkapital. Darum gibt es staatliche Eigenkapitalvorschriften. Der Kunde frohlockt. Zu Unrecht. Denn die Eigenkapitalquote sinkt seit Jahrzehnten. Wie ist das möglich? Präsentation eines unerkannten Problems – und seiner Lösung.

In Europa und vor allem in der Schweiz unterliegt die Geschäftstätigkeit der Banken einem dichten und ständig dichter werdenden Netz von Vorschriften. Das Bankengesetz der Schweiz umfasst in der offiziellen Publikation 30 Seiten, die Verordnung dazu 32 Seiten und die besondere Verordnung über die Eigenmittel 56 Seiten. Dazu kommen Dutzende von Rundschreiben der Finanzmarktaufsicht, die letztlich genauso befolgt werden müssen wie die Verordnungen.

Dennoch wird von politischer und medialer Seite gebetsmühlenartig wiederholt, die bisherigen Regulierungen hätten nicht ausgereicht, weil es ja in den letzten Jahren dauernd zu Krisen kam. Verwiesen wird dann jeweils auf die Krise bei den Regional- und Kantonalbanken infolge des Platzens der Immobilienblase in der Schweiz anfangs der 1990er Jahre, auf die Bankenkrise 2007 ff. und – als deren Folge – auf die noch andauernde Schuldenkrise. Was aber, wenn diese Krisen nicht die Folge von zu wenig, sondern von zu viel Regulierung waren?

Eigenmittel?

Im Zentrum neuer Regulierungen stehen Vorschriften über die Eigenmittel. Sicher wäre mit deutlich höheren Eigenmitteln die Bankenkrise von 2008 deutlich milder verlaufen. Und es ist klar: Banken mit Anleihen hochverschuldeter Länder könnten so Ausfälle besser tragen. Dennoch spricht die historische Evidenz dagegen, dass längerfristig ein gutes Kapitalpolster durch Vorschriften erreicht wird. Im Lauf des vergangenen Jahrhunderts sind die Eigenmittel der Banken weltweit ständig gesunken. In den USA erreichten die Eigenmittel für Commercial Banks um 1840 rund 55 Prozent der Aktiven; seit 1945 liegen sie unter 10 Prozent.

Auch in der Schweiz sind die Eigenmittel seit dem Erlass des ersten Bankengesetzes von 1934 trotz seither verschärfter Vorschriften ständig gesunken. Die letztes Jahr vom Parlament erlassenen strengeren Vorschriften werden zwar die politisch erhitzten Gemüter beruhigen, aber wohl nicht die erwünschte Sicherheit bringen. Die Crux der Eigenmittel ist: sie senken nach klassischem Verständnis die Rentabilität (das Verhältnis des Gewinns zum investierten Kapital). Damit sinkt der Börsenkurs der Aktien. Gut rechnende börsenkotierte Banken werden daher so wenig Eigenkapital wie möglich, d.h. erlaubt halten. Der Investor, also der Käufer von Aktien, will notwendigerweise, dass sein Kapital und sein Risiko angemessen verzinst werden (Dividende und Kurssteigerung der Aktien). Die Banken werden daher versuchen, den Gewinn zu steigern. Das wird oft nur mit riskanteren Geschäften möglich sein, womit das Ziel der höheren Eigenmittel – mehr Sicherheit – verfehlt wird.

Diese «Nebenwirkung» besteht mit oder ohne Vorschriften. Das jeweils richtige Verhältnis zwischen Gewinn und Eigenkapital zu wahren, ist eine der schwierigen Aufgaben, die eine private Unternehmung ständig erfüllen muss, um wettbewerbsfähig zu sein. In diese eminent wichtige unternehmerische Aufgabe mischt sich der Staat mit den Eigenmittelvorschriften ein und stört damit das hochkomplexe Funktionieren der Marktkräfte. Der Staat tut so, als könne er besser wissen als die Unternehmer, wie viel Eigenmittel für unternehmerische Tätigkeiten notwendig sind.

Diese eigentlich anmassende Einmischung des Staates ist natürlich mit praktisch allen Vorschriften der heute üblichen Bankgesetze gegeben. Die Absicht dieser Gesetze besteht darin, Bankkonkurse mit den damit verbundenen Verlusten für die Anleger zu verhindern. Tatsächlich sind Bankkonkurse sehr selten geworden, allerdings zu einem hohen Preis, wie uns die gegenwärtige Krise zeigt. Zahlreiche Banken in mehreren Ländern waren faktisch bankrott und wurden vom Staat gerettet. Das Argument war stets dasselbe: Ihr Konkurs hätte die gesamte Volkswirtschaft massiv beeinträchtigt oder gar lahmgelegt («too big to fail»). Ob dies stimmt, wissen wir nicht. Es ist allerdings auch nicht wichtig: Was zählt, ist einzig, dass die Staaten das Bankensystem tatsächlich gestützt haben – und dass die Banken dies wussten und auch weiterhin vom Privileg staatlicher Hilfe ausgehen können.

Konkurs?

Wenn Banken mit der Hilfe des Staates rechnen können, begünstigt dies wiederum genau jenes unvorsichtige unternehmerische Handeln, das die staatlichen Regeln gerade verhindern sollen. Er würde deshalb besser dafür sorgen, dass…

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»