Beethoven vs. Senn

Popmusik ist für die Masse. Und klassische Musik für die Elite bzw. für Leute mit einem ‹gewissen Niveau›.» Davon war der Festivalleiter überzeugt, der mit mir das Programm für mein Konzert besprechen wollte. Das wenig ertragreiche Gespräch begann mit seiner Frage nach dem Stil meiner Eigenkompositionen, die er offenbar nicht kannte. «Ein Mix aus Pop […]

Beethoven vs. Senn

Popmusik ist für die Masse. Und klassische Musik für die Elite bzw. für Leute mit einem ‹gewissen Niveau›.» Davon war der Festivalleiter überzeugt, der mit mir das Programm für mein Konzert besprechen wollte. Das wenig ertragreiche Gespräch begann mit seiner Frage nach dem Stil meiner Eigenkompositionen, die er offenbar nicht kannte. «Ein Mix aus Pop und Klassik. Klassik habe ich studiert, und Pop ist meine Leidenschaft», antwortete ich. Seine Stirn legte sich in Falten. Dann liess er mich wissen, dass sein Festival von einer klaren
Struktur lebe: «Spielen Sie ruhig die eine oder andere eigene Komposition, aber nicht zu viele. Sie müssen wissen: Unsere Künstler spielen vorwiegend klassische Werke. Das ist wichtig fürs Festival, denn wir wollen unserem Publikum ein gewisses Niveau garantieren. Popmusik ist… nun ja… deshalb grundsätzlich ausgeschlossen.» Gut. Was will frau bei dieser offenkundigen Linientreue einwenden?

Wir vereinbarten Ort, Termin und Gage, ich stellte ein Programm zusammen, das ausnahmslos aus Werken der «Klassiker» bestand. Das Publikum an jenem Abend war grosszügig. Es schenkte mir, Mozart, Beethoven und den anderen Jungs von dazumal seine ganze Aufmerksamkeit – und war sich nicht zu schade für einen kraftvollen Applaus am Schluss. Unter solchen Umständen werden diese niveauvollen Leute auch einen Popsong als Zugabe ertragen, dachte ich mir. Und spielte. Der erneute Applaus war überzeugend: Popmusik muss weder schlechter noch niveaulos sein. Das Publikum verlangte nach mehr. Plötzlich stand der Festivalleiter an meiner Seite im Scheinwerferlicht auf der Bühne, freute sich mit mir – und fragte mich dann durchs Mikrophon, ob eine zweite Zugabe im Stil der ersten möglich sei. Ich verneinte, spielte Beethoven. Schliesslich war das hier ein Festival mit einem «gewissen Niveau».

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Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»