Barrierefrei

Hundertprozentige Sicherheit kann kein (Stadt-)Staat garantieren. Aber Singapur setzt alles daran, seinen Ruf als eine der sichersten Städte der Welt zu bewahren. Während in ökonomischer und sozialer Sicht die Schweiz als Vorbild dient, folgt Singapur in Sachen Sicherheit und Zivilschutz dem Staate Israel. Die ständige Überwachung durch den löwenstaatlichen Sicherheitsdienst und die Flut von Verbots- […]

Hundertprozentige Sicherheit kann kein (Stadt-)Staat garantieren. Aber Singapur setzt alles daran, seinen Ruf als eine der sichersten Städte der Welt zu bewahren. Während in ökonomischer und sozialer Sicht die Schweiz als Vorbild dient, folgt Singapur in Sachen Sicherheit und Zivilschutz dem Staate Israel.

Die ständige Überwachung durch den löwenstaatlichen Sicherheitsdienst und die Flut von Verbots- und Warntafeln hinterlassen ihre Spuren in immer häufiger auftauchenden – leicht neurotischen – Wahnvorstellungen. Sie äussern sich in diffusen Ängsten à la: «Was, wenn sich eine Mücke verirrt und ich sie ausspucken muss? (Spucken verboten!) Was, wenn ich in der U-Bahn gedankenverloren eine Trinkflasche aus der Handtasche ziehe (Trinken verboten!) oder aus Unachtsamkeit eine gelbe Fussgängerampel übersehe und für eine Sekunde bei Rot auf der Strasse stehe (eh verboten)?» Alles verboten. Alles videoüberwacht. Alles sanktioniert.

Der Sicherheitswahn lähmt aber nicht nur psychisch, sondern auch physisch. Eine kleine Geschichte mag das illustrieren: Kürzlich veranlasste ich die Lieferung der Bühnenelemente für meine Musicalproduktion an der Raffles Institution. Bestellen – Adresse angeben – Lieferung entgegennehmen. So schwer kann das nicht sein, denkt die Mitteleuropäerin in mir. Eigentlich wollte ich die Lieferung durch eines der fünf Nebentore der Eliteschule organisieren. Da meine Vorgesetzte mich jedoch bat, am Tage vorher die Sicherheitswärter über die anstehende Lieferung zu informieren, hiess es von deren Seite, dass Lieferungen nur durchs Haupttor gestattet seien. Einzig: das Haupttor befindet sich am anderen Ende des Campus. Der erwartete Koloss von einem Fahrzeug würde sich, so wurde mir rasch klar, durch das ganze Schulareal schlängeln müssen, um die Musicalbühne zu erreichen. Nun denn, ich habe zu akzeptieren gelernt, dass Regel Regel ist. Mittlerweile weiss ich auch, dass es keinen Sinn hat, auf eine «pragmatische Lösung» im Verbotsgewitter zu hoffen.

Am besagten Tag erwartete ich also den Lieferanten am Haupttor und stieg neben ihn auf den Beifahrersitz. Vom Haupttor bis zur Bühne waren es vielleicht dreihundert Meter. Kein Problem für das prächtige Fahrzeug. Dachte ich. Bis die erste Barriere vor der Windschutzscheibe auftauchte. Diese Metallpoller sind hierzulande jeweils im Abstand von fünfzig Metern angebracht. Runtergefahren werden sie erst, wenn man eine angeschriebene Telefonnummer wählt und den Mitarbeiter in der Sicherheitszentrale um Einlass bittet. «Okay», sagte der Herr am anderen Ende der Leitung. Und mit einem hydraulischen Summen senkte sich der Stahl in den Asphalt.

Sechs Barrieren, sechs Telefonate und sechs «Okays» später erreichten wir mit der Lieferung das Gebäude, in dem sich die Bühne befindet. Vor wenigen Stunden hatte ich vom zuständigen Sicherheitsdienst die Tür aufschliessen lassen. Als wir nun aber vor dem Bühneneingang standen und hinter uns die Barrieren hochgefahren wurden, war die Tür abgeschlossen. «Haben Sie die Lieferung nicht angekündigt?», fragte der freundliche Camionchauffeur. Als ich ihn fassungslos anstarrte, bot er mir an, mich in mein Büro ans andere Ende des Campus zu fahren, damit ich von dort den Sicherheitsdienst für Tür- und Toröffnungen anrufen könnte. Mit einem «Klick!» rastete in diesem Moment hinter uns die letzte Barriere wieder ein. Ich hingegen rastete aus und machte mich abwinkend und wild gestikulierend auf den Weg durch die Mittagshitze. Dabei sahen mir ein Camionchauffeur, zwei Sicherheitsmänner am Haupteingang und um die zwanzig Sicherheitskameras zu. «Barrierefreiheit» ist für mich seitdem keine Floskel mehr.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»