Baptiste Gaillard – Schweizer Literaturpreise 2018

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Baptiste Gaillard – Schweizer Literaturpreise 2018
Baptiste Gaillard, photographiert von Ladina Bischof.

 

In Auflösung begriffen, Platz machend für andere, die anderen Gesetzen, anderen Notwendigkeiten gehorchen. Zerfallene Formen ersetzen klare Konstruktionen.

 

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Die Ruhe der Säle, in denen sich Staubarabesken in die Projektion mischen, in denen die Vorführung zum Spektakel der Spiralen wird, die im Lichtstrahl wirbeln.

 

Er selbst, umhüllt, ist dadurch verfremdet: nicht mehr einheitlich, zeigt er sich in unzählige Varianten zerlegt, wie Lichtfäden in perfekter Verklebung, von der Linse bis zur Oberfläche des Bildschirms.

 

Es ist gefahrlos, aber geballt in der Wärme, doch es ist kalt, ich weiss nicht mehr. In den Krümmungen versunken, zwischen den Scheinfüllungen aufgeschlitzter Klappstühle, bleibe ich im Dunkeln einer Höhle und träume von den seidenen Dichten, die Spinnen weben, um die Materie zu hypnotisieren.

 

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Die Pflanzen bilden ein ständiges Fliessen, ein Quellen in Buchten und Zweigen, von Zwischenräumen und Verzwirbelungen. Lebloses und sich Vermehrendes treffen in Wirrnis aufeinander. Die Brachen sind eine Mischung aus Wildwuchs und Hinschwund. Kleine Triebe erblühen im trüben Grün.

 

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Die Inseloberfläche wurde komplett eingeebnet, ausgefegt und glattgeleckt, so dass sie einer Eisbahn gleicht. Die Felsen ebenso. Der Schnee ist geschmolzen, die Oberflächen und Kanten glänzen, wie poliert. Alles an diesem Ort wurde weggefegt, gescheuert, eingeschmolzen, verweht.

 

Moscow’s Biggest Bomb: the 50-Megaton Test of October 1961. Moos und Flora tauchen aus glasigen Verschmelzungen und Pulverstaub an unerreichbaren Orten auf. Das Geheimnis eines Ortes übt eine Faszination aus, wie die Gestirne Ebbe und Flut auslösen.

 

Traum eines entstehenden Dschungels.

 

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Phänomene unklaren Ursprungs, wie hier eine Staubschicht auf der Scheibe und die Beeinträchtigung des Raumes, die sie hervorruft. Als stiller Störfaktor gärt ein Quäntchen Schatten in diesem Schleier, wobei die Verwandlung, so ganz eingebettet, nicht wahrgenommen wird. Und doch gibt es unwissentlich eine Änderung des Geisteszustands.

 

Einmal im Bruch, Zersplitterung als Resultat des Zerstörens, greifen Glas und Staub den Raum nicht mehr wie Filter an. Je nach Lichtintensität strahlen die am wenigsten beschmutzten Oberflächen ein Glitzern aus und zeugen für das sich Auslöschende, unausweichlich Verschlammte.

 

Weiter: den Müssiggang mit dem wechselhaften Wetter verbinden, mit seinen Aufheiterungen und Verdüsterungen.

 

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An die sorgfältig im Gestell aufgereihten Massen denken. Eigenartige Überbleibsel, bei Kellerbesuchen wie Zeitkapseln zu entdecken. Nachdem man die äussere Schicht der Unklares enthaltenden Behälter abgewischt hat, treten Pflaumenrunde oder Fischlängen unbeweglich zutage, eingelegt in eine für lange Hunger- und Durststrecken geeignete Lösung.

 

Materialwahl für den Bedarf der Mutierenden.

 

Im Larvenstadium erstarrt, mit weissen Häuten, vermitteln sie dennoch den Eindruck sexuell voll entwickelter Wesen. Membranen verbinden noch handtellerartig die Finger. Eine Schwellstelle könnte der Keim einer Flosse sein. Letztlich ist vielleicht alles verschmolzen.

 

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Schmutzige Paste der Keller, in der ein Mischmasch zum schlammigen Überzug wird; Ausdünstung aromatischer und verweslicher Substanzen.

 

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Ein Bildschirm überträgt die Sezierung einer Wasserleiche. Als der Arzt mit seinem Skalpell die dicke bläuliche Haut durchtrennen will, muss er mehrere Male ansetzen, als würde er in einen Ballon schneiden, bevor ein plötzlich aufquellender weisser Schaum daraus entweicht. Die Autopsie legt Konkremente in der Luftröhre frei. Man findet insbesondere ein Tier darin, zum Beispiel einen Falter.

 

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Die in der Strömung strudelnden Halme sind weiter oben an etwas Unbeweglichem befestigt.

 

Die am Ufer schon halb zerfallenen Quallen werden im Hin und Her des Wassers weiter verformt, in dem sie schwerelos eine Weile treiben, die sie durchschüttelt. Der Augenblick, in dem ein Körper sich niederlegt, in seinen Grundfesten eine Achse setzt, um die herum die Extremitäten frei variieren: eine Zeit, in der die Aufgeweichten in ihren Umrissen tanzen.

 

Wie die Überreste, die sich an Abflusswänden ablagern, eine niedere Mischung aus Haar und Seife. Die Verdichtungen enthalten Hohlräume, in die sich das aus der Masse Gefilterte zu schmiegen beginnt, das dann zwischen den heraushängenden Dingen heraustropft. In die Belüftung gelangen, nach dem tröpfchenweisen Vorankommen in der Sättigung. Auf der anderen Seite wird es ertränkt. Es haftet an den Waden, man watet im scheinbar Stagnierenden, das jedoch langsam in der Badewanne ausläuft. Ein Knäuel wie ein Stöpsel, ein effizientes, in eine versteckte Leitung einzuführendes Gebilde, auf dass es den benutzten Raum verändere. Das Objekt, das Badezimmer, und sein ummauerter Nebenraum, eine Mechanik der Kontinenz, zeigen sich bei der Störung vereint.

 

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Eine Textur aus trockenen Ölen, Benzin, das die Krusten einweicht. Die spezielle Art, mit der sich Zähflüssiges ausbreitet, sich bei vermindertem Neigewinkel verlangsamt. Zwischen den Ölflecken stellt sich allmählich eine Kontinuität ein. Vereinzelt zuerst, schliessen sie sich zusammen und verbinden sich zu dichteren Ballungen. Der Vorgang wiederholt sich, bis nur noch eine grosse Scheibe mitten im Wasser bleibt.

 

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Verschüttung von Klebemittel auf eine abschüssige steinige Fläche, auf der die zähflüssige Masse sich mit Sand und Staub vermengt. Beim Überfliessen gibt es neue Verzweigungen. Die Verhärtung kommt manchmal dem vollständigen Ausfliessen der Flüssigkeit bis nach unten zuvor. Neue Reliefs entstehen so am Hang.

 

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Ein Kanister voll Regen mit einem Stück Laub auf der Oberfläche, was dem Wasser ein krümeliges Aussehen verleiht: eine feine Schicht gleichmässig verteilter Haare.

 

Die Wahrnehmung schwankt zwischen einem Geliermittel in Aktion und ineinander verschlungenen Rissen; etwas Weiches, das überhandnimmt, oder eine zerbrochene Glasschicht.

 

Trotz dieses Filigranen breitet sich hier in Schleierform ringsum eine alltägliche Unordnung aus, es hat etwas von einem Spiegel in der Ecke eines Gartens, Widerscheine mitten im Gewirr, eine Mischung von Klarem und Trübem.

 

Was zu tun wäre: eine Schüssel mit Wasser füllen und mit Haaren bestreuen. Ihr ein Neon zur Beleuchtung beigeben, und das Ganze ins Bücherregal stellen.

 

 

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus dem 2017 im Verlag Contre-mur in Marseille erschienenen Text

«r a z»

http://www.contre-mur.com/project/r-a-z

 

Aus dem Französischen übersetzt von Ruth Gantert.

 


Baptiste Gaillard
geboren 1982, war Installations- und Objektkünstler, bevor er die Sprache zu seinem primären Arbeitsmaterial machte. Er lebt in Lausanne.

Ausgezeichnetes Werk: «Un domaine des corpuscules», Lyon, Hippocampe éditions 2017.

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