Bank of America

Short Story von Richard Lange

Bank  of America

Nachdem wir die Bank übernommen und den Wachmann kaltgestellt haben, behalte ich die Kunden im Auge, während Moriarty sich über den Tresen schwingt und die Kassen ausräumt. Keine Ahnung, wieso ausgerechnet mir dieser Job zufiel. Auch nach all der Zeit bin ich nicht gerade der überzeugendste Bösewicht. Meine Pose hab ich vorm Spiegel geprobt, böse Blicke und nervöses Zucken eingeübt, aber ich fürchte noch immer, dass mich einer durchschaut.

Meine Knarre hilft. Ein grosses, hässliches, silbernes Teil, das sich schlecht wegleugnen lässt. Aber ich passe auf, dass ich den Vorteil, den sie mir verschafft, nicht missbrauche. Man kennt ja aus dem Kino die Psychos, die solche Spielchen spielen, und man freut sich immer, wenn sie am Ende ihr Fett wegkriegen. Ausserdem stand ich selber schon auf der anderen Seite, kurz nach meinem Umzug nach Los Angeles. Eines Abends kam ich aus einem Schnapsladen, und so ein paar Halbstarke gingen auf mich los, zogen eine Knarre. Mein Geldbeutel flog geradezu aus meiner Tasche in ihre Hände. Das Zittern liess erst Wochen später nach. Hab direkt auf den Bürgersteig gekotzt. Daran denke ich, wenn wir unsere Nummer abziehen. Nur nicht übertreiben.

Heute ist ein besonderer Tag. Wir drängen uns in dem engen, kleinen Büro zusammen, in dem Moriarty sonst Autoversicherungen verramscht, und gehen seinen Plan für unseren allerletzten Coup durch. Moriarty, weil er das Superhirn unserer Crew ist. Unter seiner Führung haben wir in drei Jahren siebenundzwanzig Banken leergemacht – mehr als Jesse James – und wurden dabei kein einziges Mal erwischt, hatten nie die Cops am Arsch kleben, mussten nicht mal unsere Waffen benutzen.

Draussen muss es an die tausend Grad haben. Zwei Ventilatoren surren, alle Fenster stehen offen, doch die Luft liegt trotzdem ungerührt da, heiss und zäh wie Bratfett. Ein Stockwerk tiefer, am Hollywood Boulevard, weint eine alte Armenierin. Sie sitzt an einer Bushaltestelle, ein schwarzes Tuch um den Kopf gewickelt, und schaukelt vor und zurück. Ihr Schluchzen lenkt mich von Moriartys Vortrag ab. Er fragt was, und ich höre ihn gar nicht.

«Mann, Alter», mault er. «Reiss dich halt mal zusammen.»

«Ich hör zu, ich hör zu.» Ich stehe von der Fensterbank auf und gehe zum Cola-Automaten, den Moriarty mit Bier bestückt hält. Die Dose ist schön kalt. Ich drücke sie mir an den Nacken und bedeute ihm weiterzumachen.

Im Wesentlichen läuft alles wie beim letzten Ding, und bei dem davor. Wir verkünsteln uns nicht. Wir sprengen keine Tresorräume auf und knacken keine Hochsicherheitssysteme. Im Grunde nur Rein-raus-Nummern. Wir sacken so viel Kohle ein, wie wir können, bevor irgendwer einen Alarm auslöst, dann rennen wir zu unserem geklauten Fluchtwagen, als wäre der Teufel hinter uns her. Moriarty wollte immer, dass wir wie Anfänger wirken. So nähmen die Cops das weniger ernst, denkt er. Das ist nicht die einzige Vorsichtsmassnahme. Alle Banken, die wir überfallen, sind mindestens dreissig Kilometer voneinander entfernt, und wir maskieren uns jedes Mal neu: Skimasken, Nylonstrümpfe, Perücken und falsche Bärte. Einmal trugen wir Alienmasken, ein andermal gingen wir mit Turbans und Schuhcreme rein. Bisschen Spass soll das ja auch machen.

Moriarty lässt mich unsere Wege rein und raus mit dem Finger nachfahren, dann zerknüllt er die Karte und verbrennt sie in einem Aschenbecher. Ich bewundere seine Gründlichkeit. Macht mich stolz, sein Partner zu sein. Und diese Selbstkontrolle, mein Gott! Das Durcheinander namens Leben hat er meisterhaft im Griff. Jeden Tag isst er zum Frühstück eine Banane und zu Mittag ein Thunfischsandwich. Jeden Tag! Genauso in Stein gemeisselt ist bei ihm die ganze Woche. Donnerstagabends: von neun bis elf Pool im Smog Cutter, dazu zwei Bier, nicht mehr, nicht weniger. Samstags Kino, Schiessübungen, eine Stunde meditieren und abends Geschichtsbücher wälzen. Sonntags steht er um sechs auf, um die «New York» und die «LA Times» von vorn bis hinten durchzulesen. So zu leben gebe ihm Zeit zum Denken, sagt er, und ich glaube das. Es passt zu ihm: Ein rasender Zug ist er, und Alltagsroutine ist sein Gleis. Er braucht sich nur aufs Vorwärtskommen zu konzentrieren. Was nicht heissen soll, er wäre perfekt: Er lebt noch bei seiner Mutter, hat eine ziemlich feuchte Aussprache, wenn er über Waffen redet, und glaubt ernsthaft, Waco sei nur ein Vorgeschmack auf das gewesen, was uns noch bevorstehe. Aber diese Willenskraft!

«Okay, ihr wisst Bescheid?», fragt er. «Alles klipp und klar?»

«Glasklar, mon commandant.» Belushi, der Dritte im Bunde, liegt auf der Couch und raucht die nächste Zigarette.

Moriarty tritt hinterm Schreibtisch vor und öffnet den Bürokühlschrank. Er wirft Belushi und mir ein Wassereis zu, und wir sitzen still da und lutschen. Die Armenierin weint noch immer, was uns allen langsam zusetzt. Belushi reisst als Erstem der Geduldsfaden. «Scheisse, mach doch mal Musik an oder so», knurrt er. Moriarty schiebt eine Kassette in die Boombox, und «Whole Lotta Rosie» plärrt aus den Lautsprechern.

«Vielleicht sollten wir mal nachsehen, was da los ist», schlage ich vor.

«Kann ich dir auch so sagen», erwidert Belushi, und sein Kichern rasselt aus dem verschleimten Rachen. «Es ist viel zu heiss, die Luft ist für’n Arsch, und miese alte Säcke beherrschen die Welt. Könntest dir die Augäpfel ausreissen, die Tränen würden trotzdem weitersprudeln.»

Ein echter Hardcore-Schwarzmaler, dieser Belushi, und obendrein ein Junkie – daher der Spitzname. Aber ich hab noch nie wen getroffen, der mehr Ahnung von Geld hat. Angeblich stammt er aus einer reichen Familie, also liegt ihm das vielleicht im Blut. Bei unseren Coups ist er der Fahrer, aber er verwaltet auch die Beute. Eine Viertelmillion pro Nase hatten wir uns anfangs als Ziel gesetzt, ein Betrag, mit dem man so richtig auf alles scheissen könnte. Inzwischen steht mein Schweizer Konto bei $ 248.320. Man würde ihm das nie zutrauen, wenn man ihn so aufs Sofa gerotzt daliegen sieht, mit diesem gelben, zahnlückigen Grinsen, aber Belushi hat unsere komplette Beute durch irgendwelchen abgefahrenen Offshore-Hokuspokus mehr als verdreifacht. Darum wird das hier auch unser letztes Ding. Reine Routine, eigentlich, aber wir müssen uns an den Plan halten, denn nur so haben wir’s überhaupt so weit gebracht.

Moriarty stöpselt seinen alten Ms.-Pacman-Spielautomaten ein, und das Gerät springt unter lautem Piepsen und Heulen an. Ein klebriger Tropfen seines rasant schmelzenden Wassereises klatscht auf den Bildschirm. Er wischt ihn mit dem Daumen ab.

«Was macht dein Liebesleben?», fragt er Belushi. Die beiden schon wieder …

«Geht dich nichts an.»

«Ist nichts dabei, wenn man dafür zahlt, weisste? Ein Verbrechen ohne Opfer.»

«Die Frauen, die dich abkriegen, sehen das anders.»

«Zerreisst deine Mutter sich schon wieder das Maul über mich?»

Belushi lacht ein tiefes, falsches Lachen, zieht die langen, dürren Arme an und stemmt sich von der Couch hoch. Der heisseste Tag des Jahres, und er trägt komplett schwarz. «Bis Donnerstag, ihr Wichser», sagt er.

Die Tür fällt hinter ihm zu, und Moriarty schüttelt den Kopf.

«Krasser Typ, oder?», meint er.

«Schon», antworte ich.

Seitlich am Spielautomaten klebt ein Zettel mit dem aktuellen Punktestand unseres Endlosturniers. Moriarty wirft einen Blick darauf und startet das Spiel. Ich setze mich wieder aufs Fensterbrett, um mein Bier zu trinken und vielleicht sogar etwas Zugluft abzukriegen. Von dort sehe ich zu, wie Belushi aus dem Haus und auf die Armenierin zugeht. Sie weint immer noch, auch wenn ich das dank der Musik nicht mehr höre. Was Belushi zu ihr sagt, höre ich auch nicht, aber jedenfalls beendet es ihr verzweifeltes Geschaukel. Er zieht ein bisschen Geld aus der Tasche und gibt es ihr. Mit beiden Händen nimmt sie seine Hand und küsst sie. Er tätschelt ihr kurz den Rücken, dann tummelt er sich die Strasse runter.

Jepp, definitiv ein krasser Typ.

Belushi und Moriarty nennen mich John Q, weil ich der Normalo von uns bin, der mit Frau und Kind, der sich jeden Tag den Arsch aufreisst, um irgendwie die Kohle zusammenzukratzen, die seine Familie über Wasser hält. Wenn wir nach diesem letzten Ding unser Ziel erreicht haben und endlich wie abgemacht an unsere Anteile rankommen, verdrückt Belushi sich nach Amsterdam, wo er sich als Süchtiger registrieren will, um Gratisheroin vom Staat abzugreifen, und Moriarty sucht sich endlich eine eigene Bleibe. In Idaho, dem letzten Ort in Amerika, an dem man noch frei sein kann, oder wie er noch gleich sagt. Und ich, ich will einfach nur eine Subway-Filiale, irgendwo, wo’s ruhig ist und gute Schulen gibt. Ein Fertighaus mit drei Schlafzimmern und ein anständiges Auto. Bankraub ist eine ziemlich heftige Methode, sich eine Starthilfe auf der Erfolgsleiter zu verschaffen, klar, aber heisst es nicht immer, man solle hingehen, wo das Geld ist? Wenn man will, kann man sich wirklich alles hindrehen, wie man’s braucht.

Als ich nach Hause komme, schält Maria in der Küche gerade Kartoffeln für ihre berühmten Fritten, als Beilage für die Burger, die ich gleich auf den Grill werfen werde. Ich hab ihr erzählt, ich sei unterwegs, um ein Angebot für einen Malerauftrag zu machen. Sie fragt mich, wie’s gelaufen sei.

«Sieht gut aus», antworte ich. «Ein grosses Haus. Könnte ich locker einen Monat mit zu tun haben.»

«1:0 für uns, was?»

«Ja, mal sehn.»

Sie schneidet die Kartoffeln in lange, dünne Streifen und legt sie in eine Schüssel voll Wasser.

«Nebenan hat jemand eingebrochen und den Fernseher gestohlen», sagt sie.

«Du machst Witze.»

«Die haben geschlafen. Haben überhaupt nichts gehört.»

«Oh Mann.»

«Ja, oder? Echt unheimlich.»

Sie legt es nicht drauf an, aber ich fühle mich schlecht. Ich hätte Sam und sie schon vor Jahren aus dieser Gegend rausbringen sollen, damals, als die ersten Graffiti auftauchten, als das Auto zum ersten Mal aufgebrochen wurde. Das wird schon wieder, sagte ich mir. So war ich damals eben, immer ein Silberstreif am Horizont und nur nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Heute akzeptiere ich, was sich nicht ändern lässt. Aber ab Donnerstag, nach dem letzten Ritt der Hole-in-the-Wall-Gang, ist endgültig Schluss mit dem Mist.

«Lass uns nach was anderem suchen», sage ich, trete von hinten an sie heran, lege die Arme um sie und vergrabe das Gesicht in ihrem Haar. Ich liebe ihr Haar. Hab es immer geliebt, ihr Haar.

«Vielleicht drüben in Glendale», schlägt sie vor.

«Oder noch weiter. Wie wär’s mit den Bergen? So richtig raus aus dem ganzen Dreck.»

«Scherzkeks.»

«Ich mein’s ernst, Baby. Es ist Zeit.»

Sie dreht sich um und küsst mich. Ihre nassen Hände riechen nach Kartoffeln und Erde. Sie ist Kubanerin, ihre Haut ist braun und weich. Ihre Eltern haben sie angefleht, mich nicht zu heiraten. Ein Freund der Familie stand schon bereit, ein Medizinstudent, aber sie war damals schon genauso stur wie heute.

«Gut, dann die Berge», sagt sie.

«Die Berge.»

Einen Augenblick lang halten wir einander fest, dann schubst sie mich lachend weg. «Ach, du spinnst doch! Ich muss noch ein paar Kurztests korrigieren. Schau mal nach Sam und lass mich arbeiten.»

Ich bleibe in der Tür stehen, sehe zu, wie sie sich an den Tisch setzt und nach dem Stift greift. Im Fenster hinter ihr blähen sich die Vorhänge, tanzen in der Abendluft, und die Schatten von Toaster und Kühlschrank werden mit jeder Minute länger und kühler. Sie stützt die Stirn auf die Hand und lächelt, und plötzlich begreife ich, wieso die Leute solche Angst vorm Sterben haben. Ich will nie mehr ohne sie sein.

«Papi», ruft Sam. «Hey, Papi, schau mal.»

Mit einem Ruck erwache ich aus einem tiefen, traumlosen Schlaf, und meine Augen schmerzen davon, plötzlich wieder zu sehen. Eben hatte ich noch über die brüchigen, hängenden Wedel der Palme vor dem Wohnzimmerfenster sinniert, dann war ich schon weg. Ich bin immer müde, auch wenn ich nicht arbeite.

«Papi!»

Sam ist fast fünf. Letzte Woche hat er mir erzählt, wenn er gross sei, wolle er Arzt werden, damit er gebrochene Herzen reparieren könne. Heute abend ist er damit beschäftigt, seine Actionfiguren zu zerlegen und die Teile anders zusammenzusetzen, um neue Lebensformen zu schaffen. Eine schiebt er über den Couchtisch, damit ich sie mir ansehe.

«Das ist der Mann, der rausgefunden hat, dass er ein Roboter ist», erklärt er. «Er hat in den Spiegel geschaut, und dann hat er sein Gesicht weggemacht, und dann war ein Roboterkopf drunter. Und jetzt trinkt er Öl und ist ganz arg traurig. Manchmal wird er wütend und macht Sachen kaputt.»

«Hat er denn Freunde?», frage ich.

Sam spitzt die Lippen, denkt nach. «Er ist zu gruslig und zu traurig. Weinen tut er auch zu viel. Wenn er Geld hätte, würde er einen neuen Kopf kaufen, aber er hat keins.»

«Was würde ein neuer Kopf denn kosten?»

«Ungefähr zehn Dollar, glaub ich.» 

«Hier», sage ich und tue, als ob ich dem kleinen Kerl etwas gäbe. «Da hast du zehn Dollar. Kauf dir einen neuen Kopf.»

«Er kann dich nicht hören», sagt Sam. «Er hat ja auch Roboterohren.»

Sam planscht in seinem aufblasbaren Becken, ich stelle den Grill auf und heize die Briketts an. Auch ein paar Leute aus den anderen Bungalows in unserem Komplex grillen draussen, und wir winken uns über den Platz hinweg zu, auf den all unsere Haustüren gehen. Inzwischen gibt es jede Menge Schatten. Die Sonne steht tief am Horizont, überzieht jedes Blatt an jedem Baum mit Honig, und die Happy Hour der Vögel ist in vollem Gange. Sie stürzen sich auf ein frisch gesätes Stück Rasen, und die Luft ist erfüllt von heiserem Krächzen.

«Schau mal, Papi.»

Sam liegt auf dem Bauch und taucht das Gesicht unter Wasser. Neben seinem Kopf blubbern Blasen nach oben. Er blickt auf, wartet auf ein Lächeln und Nicken von mir, dann taucht er wieder ab. Ein Nachbar dreht ein Radio auf, und mexikanische Musik tritt gegen das Gezwitscher der Vögel an. Wenn wir in die Berge ziehen, baue ich unser Haus selbst. Eins dieser Holzkuppeldinger, für die man Pläne bestellen kann, so eine futuristische Blockhütte. Ich male mir aus, wie ich hämmere, Bretter zusäge. Kommt mir kein bisschen unrealistisch vor.

Wir essen auf der Veranda, Zitronella-Kerzen halten die Mücken und die sich verfinsternde Nacht auf Abstand. Burger und Marias Fritten, dazu ein Salat mit Avocados und reifen Tomaten, in Scheiben geschnitten, angemacht mit Essig, Öl und jeder Menge Pfeffer. Sams feuchtes Haar klebt ihm an der Stirn, und er trägt immer noch das Handtuch um die Schultern, mit dem Maria ihn trocken gerubbelt hat. Er rülpst, und Maria ermahnt ihn, aber dann rülpse ich auch. Angeekelt rümpft sie die Nase und schenkt uns Eistee nach. Die Vögel haben sich beruhigt, und aus der Ferne sind leise Schüsse zu hören. Popp popp popp. Ich blicke Maria und Sam an, aber keiner der beiden reagiert, und ich rede mir ein, das liege daran, dass sie die Schüsse nicht gehört, nicht daran, dass sie sich an das Geräusch gewöhnt haben.

Später sehen wir uns einen alten Monsterfilm an. Den mit der Riesentarantel, die in der Wüste Amok läuft. Ich steige von Eistee um auf Bier. Sam umklammert auf dem Boden vorm Fernseher ein Kissen, und Maria liegt bei mir auf der Couch. Das Gewicht des Tages lastet auf mir, und meine Lider werden unerträglich schwer. Zum Geschrei einer Frau schlafe ich ein. Als ich nach Mitternacht wieder aufwache, hat sich Maria neben Sam auf den Boden gelegt, und beide sind tief eingeratzt. Ich hebe Sam auf und trage ihn ins Bett, dann wecke ich zärtlich Maria. Schlaftrunken tapst sie ins Badezimmer.

Im Fernsehen preist irgendjemand Berühmtes irgendwas Billiges an. Ich schalte aus. Ein Rascheln vor der Haustür macht, dass sich alles in mir zusammenzieht. Ich schalte das Licht aus und schiebe mich ans Fenster. Nur ganz leicht ziehe ich den Vorhang zur Seite, linse auf die Veranda, aber da ist nichts zu sehen, nur eine Serviette, die wir beim Aufräumen vergessen haben. Maria kommt im Bademantel zurück und fragt, was los sei. Ich sage ihr, sie solle sich keine Sorgen machen, ich sei nur paranoid wegen dem, was nebenan passiert sei. Wir teilen uns ein Glas Eiswasser und gehen ins Bett.

Am nächsten Morgen ist Sams Planschbecken verschwunden.

Moriarty hat mich zum Lake Hollywood bestellt. Die Leute sagen See dazu, aber eigentlich ist er ein Staubecken zwischen den Hügeln, wo die Filmstars wohnen, ein betonumfasstes Loch, gesäumt mit Stacheldraht. Ganz hübsch, wenn man ein bisschen blinzelt. Auf der Strasse um den See läuft Moriarty jeden Tag zehn Kilometer, immer im Kreis, bei Regen und bei Sonnenschein. Verglichen mit ihm fühle ich mich wie ein Waschlappen.

Ich parke, wo er es mir aufgetragen hat, und gehe rüber zum Zaun. Auf dem stillen, schwarzen Wasser glitzert eine Staubschicht in der Sonne, und der Smog ist so dicht, dass man kaum die Bäume am anderen Ufer erkennt. Über mir ragt ein grosses Haus über einen Abhang, getragen von ein paar spindeldürren Holzstreben. Im Oktober oder November, wenn die Luft sauberer ist, muss der Ausblick von der Terrasse phantastisch sein. Wahrscheinlich sieht man von dort bis zum Meer, und die Leute, die in dem Haus wohnen, lehnen jeden Abend am Geländer und sehen zu, wie die Sonne untergeht.

Moriarty donnert in vollem Sprint an mir vorbei und läuft gut hundert Meter weiter, bevor er umkehrt. Im Trab kommt er auf mich zu, boxt in die Luft.

«Hey», schnaubt er. «Wie isses?»

«Alles gut», antworte ich.

Er zieht sein T-Shirt hoch, wischt sich damit den Schweiss vom Gesicht. Ein anderer Läufer kommt vorbei, und die beiden nicken sich zu.

«Warte beim Truck», weist er mich an.

Ich gehe über die Strasse und lehne mich an meinen Nissan. Die Finger hinterm Kopf verschränkt blicke ich raus auf das Staubecken und betrachte den goldenen Staubfilm darauf. Nicht grade die hygienischste Weise, Wasser zu speichern, wie’s aussieht. Maria drängt mich schon seit einer Weile, wir sollten uns Wasser in Flaschen leisten. Jetzt wird mir klar wieso. Wenn das Zeug aus unserem Hahn von hier oben stammt, ist es womöglich mit allem möglichen tödlichen Scheiss verseucht.

Moriarty hat ein Stück die Strasse rauf geparkt. Er nimmt eine Reisetasche aus dem Kofferraum und schlägt den Deckel wieder zu. Ich kenne den Song, den er pfeift, als er rüberkommt. Ein Marsch von Sousa, auf den mein Dad immer einen versauten Text sang:

«Oh the monkey wrapped his tail around the flagpole

To watch the grass grow

Right up his asshole.»

Irgendwie so. Hab mich darüber totgelacht, als ich klein war.

Moriarty packt die Tasche auf die Ladefläche meines Pick-ups und zieht den Reissverschluss auf, um mir die abgesägte Schrotflinte zu zeigen.

«Ne Packung Patronen ist auch drin», sagt er.

«Danke.»

«Schliess es irgendwo ein, wo der Kleine nicht drankommt. Bau keinen Scheiss.»

«Alter, was denkst du von mir?»

«Kannst du damit schiessen? Na, musst du wahrscheinlich eh nicht. Der Sound, wenn die Patronen in die Kammer rutschen, treibt jedem Durchschnittseinbrecher sowieso schon den Kackstift in die Hose und ihn über alle Berge. Aber nur für den Fall?»

«So schwer wird’s schon nicht sein.»

Moriarty grinst und macht die Tasche zu. «Einfach zielen und abdrücken.»

Eine alte Lady steigt aus seinem Wagen. «Stuart, ich will nicht zu spät kommen», ruft sie.

«Schon gut, Ma, ich komm ja schon», ruft Moriarty zurück. «Kirche», erklärt er mir und verdreht die Augen. «Bis Donnerstag.»

«Genau.»

Wir geben uns die Hand, und er trabt zum Auto. Ich werfe noch einen Blick auf das grosse Haus über mir, und ich kann mir nicht helfen – sei es aus Neid oder was auch immer –, ich muss mir einfach vorstellen, wie The Big One kommt, das ganz grosse Erdbeben, muss mir die Überraschung und das Entsetzen auf den Gesichtern der Besitzer ausmalen, wenn diese Streben einknicken wie Zahnstocher und sie in ihrer beschissenen Luxusbude den ganzen Hügel runterrutschen, mitten durch den Stacheldrahtzaun und bis auf den Grund des gottverdammten, giftverseuchten Lake Hollywood.

Als Moriarty mir über den Weg lief, war ich ein Wrack, so vollkommen durch, dass ich manchmal nicht mal genug Luft bekam, um meine Lungen vollzukriegen. Im Auto auf dem Freeway oder in der Schlange im Supermarkt schnappte ich plötzlich nach Luft wie ein Astronaut, dem auf dem Mars der Helm weggeflogen ist. Ein Jahr zuvor, nachdem mein dritter Gehaltsscheck in Folge geplatzt war, hatte ich meinem Chef den Mittelfinger gezeigt und unser gesamtes Erspartes aufgewendet, um mich mit meinem eigenen Betrieb selbständig zu machen. Häuser streichen war nicht gerade mein Traum, aber ich rechnete damit, bald genügend Kapital beisammenzuhaben, um runtergekommene Immobilien renovieren und mit Gewinn weiterverkaufen zu können. Doch zwölf Monate später hatte ich nur vier Aufträge an Land gezogen, und dafür hatte ich so niedrige Angebote machen müssen, dass ich kaum auf null rauskam. Aus einem Bierchen am Abend wurden drei, dann sechs. «Was hast du bloss für einen Trottel geheiratet?», fragte ich Maria oft, und sie sagte dann irgendwas Nettes, aber was Nettes wollte ich nicht hören und fragte nur wieder: «Was hast du bloss für einen Trottel geheiratet?» Bis sie weinen musste, fragte ich das.

Moriarty fand mich im Arbeitsamt in Hollywood. Als er mich das erste Mal ansprach, hab ich ihn ignoriert, weil dort alle so fertig und durchgeknallt wirkten, und wer wusste schon, was dieser blonde Mistkerl mit dem schiefen Grinsen ausheckte? Lasst mich einfach nur meine Formulare ausfüllen und verschwinden, das war mein Mantra an diesem Vormittag, aber er liess sich nicht abschrecken, bat um einen Teil meiner Zeitung und folgte mir nach draussen zum Imbisswagen am Strassenrand, vor dem wir uns über dampfende Kaffeebecher hinweg beäugten.

Er meint, er wusste damals sofort, dass ich der Richtige war, aber ich hab keine Ahnung woher. Zumindest meiner Erinnerung nach war diese erste Unterhaltung nichts als das übliche Geplänkel zwischen zwei Fremden: bisschen Sport, bisschen Musik und vermutlich leicht übertriebene Versuche beiderseits, den jeweils anderen davon zu überzeugen, wir wären mehr wert als die dreihundert Kröten pro Woche, für die wir hier anstanden. In meiner Version kam erst später – als wir uns in eine Bar verzogen, um uns die Schande des Vormittags aus den Kiemen zu spülen – die Wahrheit ans Licht. Als Moriarty die Hände um sein Bier legte wie zum Gebet und erklärte: «Ich sag dir, dieses Rumkrautern macht mich echt fertig», da dachte ich zum ersten Mal, wir könnten vielleicht was gemeinsam haben.

Wie sich rausstellte, lebten wir in derselben Ecke von Hollywood, also trafen wir uns alle acht Tage oder so auf ein paar Drinks. Von Anfang an gab es zwischen uns diesen Running Gag von wegen Banküberfall – zumindest hielt ich es für einen Gag. «Ich mein’s ernst», sagte Moriarty immer, und ich lachte und erwiderte: «Klar doch.» Für mich war das so was wie «Komm, wir drehen ’nen Film» oder «Wir sollten echt ’ne Pizzeria aufmachen», bloss so eine gemeinsame Träumerei, wie Männer sie manchmal als Ausrede vorschieben, sich zu treffen, wenn sie zu verstockt sind zuzugeben, dass sie einfach gern Zeit miteinander verbringen. So à la: «Hier geht’s nicht nur ums Saufen, wir haben was Geschäftliches zu bereden.» Man malt sich zusammen was aus, erzählt sich, was man mit dem ganzen Geld anstellen wird, spinnt ein bisschen rum.

Selbst als Belushi auf den Plan trat, ein alter Collegekumpel Moriartys, und Moriarty in diese Versicherungsnummer einstieg und wir anfingen, uns in seinem Büro zu treffen statt in der Bar, weil er meinte, wir sollten nicht mehr zusammen in der Öffentlichkeit gesehen werden, hab ich all das nicht ernst genommen. Und wie hätte ich auch sollen? Ich meine, wie wir drei – wir! – rumsassen, Pistolen in der Hand wiegten und Zeitpläne diskutierten, über Karten gebeugt, die Moriarty von den Banken gezeichnet hatte? Zum Totlachen war das doch! Ich weiss noch, wie ich mich innerlich beeiert habe, als wir das erste Mal wirklich losfuhren, um einen Fluchtweg auszukundschaften. Ich wusste ja, dass ich eine Stunde später zu Hause mit Sam Mau-Mau spielen und Maria beim Bad putzen helfen würde. Das war das echte Leben. Mein Leben.

Wie soll ich also erklären, was als nächstes geschah? Mach ich nicht. Kann ich nicht. BOOM! Da bin ich, stehe in einer von genau diesen Banken auf Beinen, die zittern wie Slinky-Spiralen. Ich hab eine Knarre in der Hand und eine Strumpfhose über dem Kopf, und als ich brülle: «Runter auf den Boden!», könnte man meinen, die Stimme Gottes donnere aus einer Gewitterwolke, so wie die Kunden sich mir zu Füssen werfen. Ich hatte immer geglaubt, man würde kommen sehen, wenn man einen so kritischen Punkt überschreitet, aber wie sich rausstellte, war das eher so, wie auf hoher See den Äquator zu überqueren. Egal, was die Leute sagen: Von hier nach da ist’s kein sehr grosser Schritt.

Früh am Montagmorgen ruft El Jefe an und bietet mir ein paar Tage Arbeit an einem Haus in Los Feliz. Er war mal ein hohes Tier in der Armee von Nicaragua, bis sie ihn nach der Revolution mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt haben. Jetzt führt er hier eine Malerklitsche, die den Grossteil ihrer Aufträge über Flugblätter bekommt, die er in Briefkästen und unter Scheibenwischer steckt. Wenn Weisse anfragen, ruft er mich an, weil er für die den Preis anzieht und glaubt, bei einem Mit-Gringo würden sie weniger meckern. Ausserdem, meint er, fühlen sich weisse Frauen wohler, wenn einer der ihren vorbeikommt, der, seine Worte, «Diebe und Vergewaltiger wie uns im Auge behalten kann». Für mich bedeutet das hundert steuerfreie Kröten pro Tag, und ich muss nicht ständig an den Überfall denken.

Ein grosses Haus – zwei Stockwerke, spanischer Kolonialstil –, dessen fades Hellbraun wir durch was leicht Dunkleres ersetzen sollen. Die Arbeit machen zwei kleine, schweigsame Indios aus Guatemala und ich. El Jefe beaufsichtigt das Ganze zwischen Zigarren und Plaudereien am Handy.

Das Beste am Malern ist, dass es einen Rhythmus hat, bei dem man seinen Gedanken nachhängen kann. An diesem Vormittag gehe ich im Kopf unser erstes Weihnachten in den Bergen durch, feile an den Details, bis das Bild gestochen scharf ist: das Glasscherbenfunkeln des Neuschnees, das Knacken und Zischen von Brennholz im Kamin und der Duft des Baums, den Sam und ich fällen und durch den winterlichen Wald nach Hause schleppen. Die Vorstellung ist so schön, dass ich kaum bemerke, wie die Sonne mir in den Nacken beisst, und fast widerwillig zur Mittagspause den Pinsel aus der Hand lege und von der Leiter steige.

Aus der Kühlbox hinten auf meinem Pick-up nehme ich die Sandwiches und die Thermoskanne voll Limonade, die Maria mir gemacht hat, und suche mir ein Plätzchen im Schatten einer der Palmen auf dem Grasstreifen zwischen Strasse und Bürgersteig. Die Guatemalteken sitzen ein Stück weg von mir auf dem Rinnstein und unterhalten sich leise, während sie ihre Burritos aus der Folie wickeln. Wir haben den ganzen Vormittag keine zwei Worte miteinander gewechselt, aber so läuft das nun mal bei solchen Jobs. Bestimmt ist ihnen klar, wieso El Jefe mich dabeihaben will, und ich gehe sicher nicht rüber, hocke mich neben sie und labere irgendwas von wegen «Wir sitzen alle im selben Boot». Tun wir nämlich nicht, und das wissen sie auch.

El Jefe quält sich aus seinem verbeulten BMW, in dem er die letzte halbe Stunde vor auf vollen Touren laufender Klimaanlage rumsass. Er brummt den Guatemalteken irgendwas zu, und die senken den Kopf und nicken, sehen ihm nicht in die Augen. Dann stapft er durch den Garten, um unsere Arbeit zu begutachten. Vermutlich aus reiner Gewohnheit bewegt er sich noch immer wie ein Soldat: Rücken gerade, Schultern breit, eine Hand ständig an der Hüfte, wo seine Waffe wäre, wenn er noch Uniform trüge. Schon komisch, ihn hier so rumstolzieren zu sehen, jetzt, wo er weich geworden ist und einen Bauch angesetzt hat, aber zu lachen wage ich trotzdem nicht, nicht angesichts dieses irren Blicks und seiner Vergangenheit.

Er geht hinters Haus und kommt kurz darauf wieder zurück, winkt mir zu, ich solle mitkommen. Leise gehen wir über einen Steinpfad zu einer überdachten Terrasse, von der aus man runter auf den Pool blickt. Dort baden zwei nackte Männer in der Sonne, Seite an Seite auf Liegestühlen. Vor unseren Augen steht einer der beiden auf, küsst den anderen und springt dann ins Wasser.

«Verdammte maricones», flüstert El Jefe. Er legt ein unsichtbares Gewehr an und zielt auf die Männer.

«Was soll da so schlimm dran sein?», frage ich.

«Machen mich krank, diese putos.» Er nimmt die verspiegelte Sonnenbrille ab und reibt sich den Schweiss aus den Augen. «In Managua haben wir unsere Scheisse im Klo runtergespült.»

Ich zucke die Achseln. «Freies Land und so.»

«Und das ist Freiheit? Einen anderen Mann ficken?»

«Ficken, wen immer man will, würd ich sagen. Wen interessiert’s?»

«Was?!» Er sieht mich angewidert an.

Ich will das nicht vertiefen, also gehe ich zurück vors Haus und mache mich wieder an die Arbeit. Aber El Jefe ist auf hundertachtzig und lässt nicht locker. Er drückt sich hinter mir rum und grummelt: «Dieses Land ist auch nicht mehr, was es mal war.»

«Ja, ja», schnauze ich. «Und Sie waren mal die Hölle auf Erden mit Viehtreiber und Beisszange. Ich hab zu tun, wenn’s recht ist.»

So angepflaumt habe ich ihn noch nie, und ich wage nicht aufzublicken, um die Wirkung zu sehen. Schweiss rinnt mir über die Stirn, über Nase und Wangen, und ein paar Tropfen fallen in den Eimer mit Farbe, die ich gerade umrühre. Nach einer Weile gleitet sein Schatten davon, und ich höre ihn über den Rasen gehen. Dann bleibt er vor seinem BMW stehen und ruft mich zu sich.

«Hey, Gringo.»

Ich versuche, ihm so herausfordernd wie möglich gegenüberzutreten.

«Hältst du mich für einen schlimmen Menschen?»

Er sieht jetzt beinahe traurig aus, fast beschämt, aber ich hab nicht vor, einen Rückzieher zu machen. «Ich halte Sie für jemand, der schlimme Dinge getan hat», antworte ich.

Eine unreife Dattel fällt aus der Palme neben seinem Auto und prallt mit lautem Knall von der Motorhaube ab. Er erstarrt kurz bei dem Geräusch, zuckt etwas, dann entspannt er sich wieder und sagt: «Dann haben wir ja Glück, dass nur Gott über uns beide richten wird.»

Bevor ich mir eine Antwort aus dem Ärmel schütteln kann, salutiert er flapsig, rutscht auf den Sitz und fährt davon. Zum Feierabend kommt er mit Schnapsfahne wieder und reicht jedem von uns einen verschlossenen Umschlag mit unserem Lohn, wie er das immer tut. Ich öffne meinen auf dem Heimweg an einem Stoppschild und finde zwischen all den Zwanzigern einen Fünfziger extra.

Das Schlafzimmer ist dunkel. Noch dunkler ist die Gestalt in der Tür. Ich verrenke Arme und Beine, will mich aufsetzen, auf den Boden rollen, schreien, aber nichts klappt. Langsam kommt er ans Bett und rammt mir den Lauf einer Pistole in den Mund, quetscht sie an Lippen und Zähnen vorbei, drückt ab. Ein entsetzlicher Traum. Mit klingelnden Ohren wache ich auf, das Herz schlägt mir mit Wucht gegen die Rippen wie ein Tier, das sich aus einer Falle freikämpft. Ich schmecke Schiesspulver und geöltes Metall, und noch bevor meine Wahrnehmung wieder richtig zu einer Welt geronnen ist, bin ich auf den Füssen. Die Schrotflinte und die Patronen, die Moriarty mir geliehen hat, sind ganz oben im Schrank versteckt, in einer alten Sporttasche. Ich nehme sie mit ins Wohnzimmer und setze mich auf die Couch.

Das Licht auf der Veranda färbt die Vorhänge orange. Riesenhaft blitzt der Schatten einer Motte darüber auf. Im Zimmer ist es hell genug, dass ich den Fernseher, den DVD-Spieler, die Stereoanlage erkenne, alles an seinem Platz. Nackt war ich noch nie hier draussen. Meine Eier fühlen sich komisch an auf dem kühlen Vinyl der Couch. Ich halte mir die Waffe vor die Nase, und der Geruch bringt meinen Albtraum zurück. Ein Schaudern durchläuft mich.

Etwas Spitzes unter meinem nackten Fuss. Ich bücke mich, um es aufzuheben, was auch immer es sein mag, eins von Sams Spielzeugen, der Mann, der rausfand, dass er ein Roboter ist. Irgendwie kommt es mir wichtig vor, dem kleinen Kerl zu helfen, indem ich ihm den neuen Kopf beschaffe, den er sich wünscht. Ich werde ihn reparieren und für Sam liegenlassen, wie ein Wunder wird das sein. Bestimmt liegen noch mehr Figuren hier rum. Ich rutsche auf den Boden und lege mich auf den Bauch, taste in der dunklen, staubigen Höhle unter der Couch herum, finde aber nichts ausser einem alten Strohhalm und einem Penny.

«Schatz?»

Maria erschreckt mich. Ich rolle mich auf den Rücken, greife nach der Schrotflinte und ziele auf sie, dann senke ich sie genauso schnell wieder, als mir klar wird, was ich getan habe. Oh Gott. Oh mein Gott.

«Was ist los?», fragt sie.

«Nichts.»

«Ist das ein Gewehr?»

In der Küche brummt leise der Kühlschrank.

«Hab ich von einem Freund», erkläre ich. «Bei all den Einbrüchen dachte ich, das wäre vielleicht ’ne gute Idee.»

«Dann willst du jemanden erschiessen?»

«Erschrecken vielleicht.»

Ich ziehe mich wieder aufs Sofa hoch, stosse gegen die Schachtel mit den Patronen. Eine nach der anderen purzeln sie scheppernd zu Boden und rollen davon. Ich bin ein Idiot. Maria gleitet in das orangefarbene Leuchten, die Arme vor dem Bademantel verschränkt, ihr besorgter Blick durch ein fragendes Lächeln gemildert. Sie setzt sich neben mich und legt mir eine Hand auf die Schulter, hat bestimmt Angst, und meine Scham brennt nur noch stärker. Ihre Lippen berühren meine Wange, und ich fühle mich so weich und schwarz wie eine wurmstichige Frucht. Ich drücke den Mann, der rausfand, dass er ein Roboter ist, so fest, dass er mir in die Hand schneidet. Wie leben normale Menschen bloss mit all den Fehlern, die sie gemacht haben?

Am Mittwoch mache ich nach der Arbeit einen Zwischenstopp beim Supermarkt, um Milch und Eier zu holen, und wen sehe ich da? Belushi. Er lungert bei den Gewürzsaucen rum, die Stirn in Falten, und reibt sich mit den Zeigefingern die Schläfen. Seine schwarzgekleidete Gestalt schwankt wie ein Baum im Wind.

Ich wusste, dass er in der Gegend wohnt, aber unsere Wege haben sich nie zuvor gekreuzt, und ich staune, wie seltsam er im Vergleich zu den anderen Einkäufern wirkt. Seine Augen sind hinter einer grossen Bubble-Sonnenbrille versteckt, und tätowierte Leopardenflecken purzeln aus den Ärmeln seines T-Shirts, das der Damenwelt Schnurrbart-Ritte zu fünf Cent anpreist.

Mir fehlt zu so was der Mumm, ich hab nicht die Eier dafür, so anders zu sein. Einmal hab ich mir ein Ohr piercen lassen, aber das hielt ich nur eine Woche durch, bis ein Zimmermann, mit dem ich damals zusammenarbeitete, einen dummen Spruch abliess.

«Buh», mache ich, als ich mich endlich an Belushi anschleiche.

Er sieht mich an und lächelt, so als machten wir das jeden Tag. «Fünfundzwanzig Sorten BBQ-Sosse», stellt er fest. «Und dann noch der ganze Senf, Mann.» Er lallt, und dicke Spuckefäden spannen sich zwischen seinen Lippen.

«Bist du beim Einkaufen?», frage ich.

«Nee, nee. Wollte nur Zigaretten holen und hab mich ablenken lassen.»

Er verliert das Gleichgewicht und kippt beinahe um. Ein Sicherheitsmann am Ende des Gangs sieht aufmerksam zu.

«Ehrlich gesagt bin ich ziemlich im Arsch. Könntest du mich heimbringen?»

Sein Apartment ist nur ein paar Blocks entfernt, in einem hübschen Gebäude, viel schöner als meins. Moriarty sagt wohl die Wahrheit, wenn er von Belushis reichem Hintergrund erzählt. Er bittet mich auf ein Bier rein, und ich sage «klar», weil es aussieht, als schaffte er es allein womöglich nicht durch die Tür.

Wände und Decke des Aufzugs sind mit einem Mosaik aus winzigen Spiegelchen bedeckt. Ich gehe in die Hocke und mache ein Affengesicht, und es sieht aus, als sähe ich mich auf tausend kleinen Fernsehern. In der Wohnung taumelt Belushi in die Küche. Er hat einen Computer und einen Plasmafernseher, ein paar E-Gitarren liegen auch rum. Statt einer Couch liegen dicke Kissen rund um einen niedrigen Tisch voll dieser religiösen Kerzen, die sie in den Mexikanerläden verkaufen.

Belushi kommt mit einer Flasche Heineken zurück und reicht sie mir, dann lässt er sich auf eins der Kissen fallen. Etwas zu hippiemässig für meinen Geschmack, aber ich setze mich trotzdem dazu. Wenn er doch nur ein Fenster aufmachen oder wenigstens die Jalousien verstellen würde, damit ein bisschen Sonne reinkommt. Wie der Bau eines Tiers ist das hier drin, oder das Ende irgendeiner finsteren Strasse. Ich stelle mir Knochen in den Schatten vor, scharfe Felsen, altes, verkohltes Holz. Laut blubbernd zieht er an einer lilafarbenen Bong und fragt mit hoher, erstickter Stimme, ob ich aufgeregt wegen unseres Dings morgen sei.

«Klar», antworte ich. «Hab fast kein Auge zugemacht. Du?»

«Völlig durch den Wind», sagt er grinsend. «Das wird das letzte Mal. Das ganz grosse Ding. Deine Alte weiss nichts, oder?»

«Natürlich nicht. Die würde ausflippen.»

«Wie willst du das ganze Geld erklären?»

Mit einem Achselzucken weiche ich einer Antwort aus. Ich hab darüber schon ziemlich viel nachgedacht, aber das braucht er nicht zu wissen. Gibt schon genug, mit dem er sich über mich lustig machen kann.

«Moriarty und du, ihr seid schon lange befreundet, oder?», frage ich.

Belushi zündet eine Zigarette an. Der Ascher ist eine aufgeringelte Klapperschlange mit Augen aus rotem Glaskristall.

«Jepp. Der Arschficker und ich kennen uns schon ewig. Mein Lieblingsmarsianer. Sind beide mit demselben Raumschiff auf diesem Gefängnisplaneten gestrandet und suchen seither einen Weg hier raus.»

«Ach so ist das?», erwidere ich.

«Genau so», blafft er.

«Kannst du das hier?», frage ich und mache den Vulkaniergruss aus «Star Trek».

Er lacht. «Machen Sie’s so, Nummer eins.» Mit der Fernbedienung stellt er die Stereoanlage an. Seltsame Musik erfüllt die Wohnung, eine Schicht jaulender Gitarrensounds auf der anderen, das Ganze über einem eintönigen Beat, tschack, tschack, tschack. Klingt wie eine Fabrik, die von einem Hurrikane zerlegt wird. Mit der Faust schlägt Belushi auf dem Knie den Takt mit. An der Wand hängt ein Poster, auf dem der Papst mit den Nazis marschiert.

«Ich weiss, was du denkst», sagt Belushi, gestikuliert in Richtung Fernseher, Gitarren und all dem Kram. «Aber ich brauch die Kohle genauso wie du.»

«Versteh schon», antworte ich, und das stimmt wohl. Es gibt verschiedene Weisen, arm dran zu sein.

«Wirst mir fehlen, wenn das hier vorbei ist», sagt er.

Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Aber ich nicke. «Du mir auch.»

Ich bringe Maria ihren Kaffee, stelle die Tasse auf den Schminktisch, an dem sie sich für die Arbeit fertig macht. Ich gehe neben ihr in die Hocke, lege ihr das Kinn auf die Schulter, und sie lächelt mich im Spiegel an. Mit den Händen fahre ich unter ihr Nachthemd, lege sie ihr um die Brüste. Dann umkreise ich mit der Zunge den Schönheitsfleck an ihrem Nacken und atme tief ein. Ich muss mir alles gut einprägen, falls irgendwas schiefgeht.

«Du hast Augenringe», bemerkt sie. «Schläfst du immer noch so schlecht?»

«Ist schon okay. Mach dir keine Sorgen.»

Der grosse Tag ist endlich da. Heute abend bin ich vielleicht schon reich. Oder tot. Was für ein grenzenloses Gefühl. Unbegreiflich.

Sam sitzt im Wohnzimmer vor dem Fernseher auf dem Boden, eine Schüssel Cornflakes auf dem Schoss. Seine Augen kleben am Bildschirm, wo gerade ein brennendes Zeichentrickraumschiff abstürzt.

«Eindringling X neutralisiert», verkündet er in der Stimme irgendeines Helden mit Schutzhelm.

Ich weiss noch, wie schön es war, sich als Kind so in etwas zu verlieren. Wie ein Geschenk kommt mir das heute vor. Ich widerstehe dem Drang, ihn hochzuheben, in seine Welt einzudringen. Stattdessen setze ich mich auf die Couch und liebe ihn aus der Ferne.

Zu dritt gehen wir nach draussen, und ich begleite Maria und Sam zu unserem Nissan Sunny. Maria wird Sam auf dem Weg zur Schule am Kindergarten absetzen. Ich gebe beiden einen Kuss und warte, bis das Auto anspringt, weil die Batterie seit einiger Zeit aus dem letzten Loch pfeift. Der Abschied fällt mir schwer heute. Tränen brennen mir in den Augen, als das Auto den Hügel vor unserer Wohnanlage erklimmt und aus den Schatten heraus ins hungrige Sonnenlicht gerissen wird.

Laut Plan sollen wir uns um drei auf dem Parkplatz eines kleinen Einkaufszentrums ein paar Blocks von der Bank treffen. Bis dahin business as usual. Als ich an dem Haus in Los Feliz ankomme, stehen die Guatemalteken schon auf ihren Leitern. El Jefe steigt aus seinem BMW und sieht zu, wie ich meinen Truck entlade. Er raucht eine Zigarre und trinkt aus einem O-Saft-Karton.

Ich streiche heute unter den Traufen. Angenehm wegen des Schattens, aber die Hölle wegen der Spinnen. Wenn ich hier was zu sagen hätte, hätte ich die Netze gestern schon mit dem Gartenschlauch weggespritzt und die Wände über Nacht trocknen lassen, aber Vorbereitung ist El Jefes Sache nicht, also wische ich die Netze mit einem Pinsel weg. An manchen Stellen sind sie dick wie Baumwolle und gespickt mit ausgetrockneten Fliegen, die knacken und springen. Die Netze wickeln sich um mich, wenn sie runterfallen, kleben mir geisterhaft und straff im Gesicht und gleiten mir auf dem Atem in die Lungen. Und erst die Monster, die sie gewebt haben! Fette, schwarze Spinnen prasseln auf mich nieder wie giftiger Regen. Sie krabbeln mir die Arme hoch, den Hals, und ich schlage sie weg, aber es sind zu viele. Ich brauche eine Pause, setze mich auf den Rasen und nehme den Kopf zwischen die Knie.

Nach dem Mittagessen bereite ich mich langsam innerlich drauf vor, mir den Finger in den Hals zu stecken. So werde ich hier wegkommen: indem ich mich übergebe und El Jefe sage, ich wäre zu krank zum Weitermachen, ein Spinnenbiss vielleicht. Ich breche gerade eine neue Dose Farbe an, da klingelt mein Telefon. Maria. Sie klingt besorgt. Sam ist im Kindergarten hingefallen und hat sich möglicherweise das Bein gebrochen. Sie kann nicht von der Schule weg und fragt, ob ich ihn abholen und ins Krankenhaus bringen könne. Kein Problem, sage ich. Nur die Ruhe. Alles wird gut.

«Jefe!», rufe ich, renne rüber zu seinem Auto. «Ich muss weg. Ist ein Notfall.»

Er dreht die Scheibe runter. Gekühlte Luft schlägt über mich wie eine Welle. «Dann gibt’s heute keinen Lohn», sagt er. «Bezahlt wird nur für einen ganzen Arbeitstag.»

«Machen Sie, was Sie wollen. Ich hol meinen Kram später ab.»

Erst als ich losfahre, denke ich daran, auf die Uhr zu sehen. Viertel nach eins. In weniger als zwei Stunden soll ich eine Waffe in der Hand und eine kugelsichere Seele im Leib haben.          

Sam liegt rücklings auf einer Pritsche im Erste-Hilfe-Raum. Er starrt an die Decke, blass und verschwitzt, traut sich nicht, sich zu bewegen.

«Das tut weh», sagt er, «aber bluten tut’s nicht.»

Er wimmert, als ich ihn hochnehme, verlangt weinend seine Schuhe, die ihm die Schwester ausgezogen hat. Sie hält sie ihm hin, und er wickelt sich die Senkel um die Finger, umklammert sie fest. Auf dem Weg über den Parkplatz halte ich ihm zum Schutz vor der Sonne die Hand über die Augen. Hinter uns läutet eine Glocke, Türen schwingen auf und Horden schreiender Kinder sausen Richtung Spielplatz.

Sam streckt sich auf der Sitzbank des Trucks aus, sein Kopf an meinem Schenkel. Die Unterlippe zwischen den Zähnen sieht er zu mir auf, während ich fahre. Er hat Schmerzen, das weiss ich, aber er jammert kein bisschen, obwohl es hier alle hundert Meter ein Schlagloch gibt, von dem der ganze Truck zittert wie ein trockener Trinker.

«Willst du Musik anmachen?», frage ich. Normalerweise darf er das nicht, aber ich brauche ein Lächeln von ihm. Ich stelle das Radio an. «Mach nur.»

Vorsichtig, als könnte das ein Trick sein, streckt er die Hand aus und drückt einen Knopf, ändert den Sender. Als der befürchtete Anpfiff ausbleibt, macht er sich ernsthaft ans Werk. Wir hören Fetzen irgendeines Rappers, der Eagles, der Nachrichten, eines mexikanischen Senders und wieder von vorn, und er lacht über die Kakofonie, die er fabriziert. Ich fühle mich miserabel, ihm dieses Vergnügen je verweigert, ihm je auf die Finger gehauen und «Lass das» geschrien zu haben.

Meine Partner warten inzwischen schon, und mit jeder Sekunde, die vergeht, tickt meine Uhr etwas lauter. Wenn ich nicht aufkreuze, blasen sie alles ab, aber ich kenne Moriarty und seinen Vollständigkeitswahn. Er wird einfach ein anderes Ding planen, und das geht ganz und gar nicht. Ich will, dass Schluss ist. Ich will wieder ein ganz normaler Bürger sein. Ich will mein verdammtes Geld ausgeben.

Ich lege die Hand auf Sams Brust. Sein Herz schlägt genauso schnell wie meins.

«Hey, ich bring dir ein Lied bei», sage ich. «Oh, the monkey wrapped his tail around the flagpole …»

Als sie Sam zum Röntgen wegschieben, rufe ich Maria in der Schule an. Ihr Handy ist aus, also versuche ich es im Sekretariat. Die Sekretärin schaltet mich in die Warteschleife, dann ist sie wieder dran und fragt, ob ich eine Nachricht hinterlassen möchte, Mrs. Blackburn sei gerade nicht zu sprechen.

«Hier ist ihr Mann. Sagen Sie ihr, ich sei mit unserem Sohn im ‹Kaiser›, in Hollywood.»

«Moment, ich schreib’s auf», antwortet sie. «Sie sind ihr Mann, sagen Sie?»

Ich habe für so was keine Zeit, also lege ich auf und rufe Moriarty an. Keine Antwort, aber ich hinterlasse besser keine Nachricht. Man weiss ja nie, wer mithört. Dann versuche ich’s nochmal in der Schule. Wieder diese Frau. Ich knalle den Hörer auf.

Ich presse die Kiefer so fest aufeinander, dass mir die Zähne wehtun. Jede Minute wird irgendwas in mir explodieren. Ich lehne mich an die Wand, schliesse die Augen und atme tief ein, was aber alles nur schlimmer macht, weil die Luft im Flur nach Medizin und Scheisse stinkt. Irgendwo läuft ein Fernseher. Daraus fragt eine Frauenstimme: «Liebst du mich?», und ein Mann antwortet: «Ich bin mir nicht sicher.» «Liebst du mich?!», schreit die Frau. Ich gehe auf und ab, zehn Schritte den Flur rauf, zehn Schritte wieder runter. Die Welt zieht sich zu einem Streifen rotzgrünem Linoleum zusammen, über den ich völlige Kontrolle habe. Wäre doch nur alles so einfach.

Plötzlich ist Maria da, mit rotem Gesicht und schwitzenden Händen. Eine Kollegin hat ihre Stunde übernommen, damit sie früher gehen konnte. Das Handy hatte sie im Pult liegen lassen. Der Arzt teilt uns mit, Sam habe eine Haarfraktur am Schienbein. Nichts Ernstes, aber er braucht einen Gips. 2.30 Uhr. Wenn ich jetzt gehe, kann ich‘s noch zum Treffpunkt mit Moriarty und Belushi schaffen.

«Du, ich hab meinen Kram bei der Arbeit gelassen», erkläre ich Maria. «Wahrscheinlich hol ich den besser noch ab, bevor die anderen Schluss machen.»

«Okay, mach das.»

«Du kommst allein klar?»

«Wir sehen uns zu Hause.»

Ich küsse sie auf die Wange und zwinge mich, langsam zu gehen, bis ich ausser Sicht bin.

BOOM! Da sind wir, brechen aus Hitze und Lärm herein und zerreissen die seidig-klimatisierte Ruhe der Bank. Mexikanische Catchermasken und T-Shirts mit Smileys darauf tragen wir heute, Partyoutfits, anlässlich unseres letzten Raubzugs. «Runter», brülle ich, «auf den Boden!», und zeige meine Waffe. Ein, zwei, drei Kunden sind da, und sie klappen ein, als hätten sich Falltüren unter ihnen aufgetan. Moriarty geht schnurstracks auf den Wachmann zu, der belämmert die Hände ausstreckt, um sich fesseln zu lassen. Ein, zwei, drei Kunden, alle in Schach. Ich frage mich, ob die Pflanzen in den Ecken echt oder aus Plastik sind. Irgendwas kitzelt mich am Nacken. Ich greife danach, ein langes schwarzes Haar, von Maria. Ich führe es mir an die Lippen, während Moriarty sich über den Tresen schwingt und an den Kassierern vorbeieilt. Machen keinen Ärger. Man hat ihnen beigebracht, keinen Widerstand zu leisten. Einfach den stillen Alarm auslösen und basta. Na ja, was man so still nennt. Das Signal rast mir über die Wirbelsäule wie ein Fingerhut über ein Waschbrett, und all meine Poren schreien auf. Eins, zwei, drei, alte Lady, Fettsack, vato. Jede Sekunde ist losgelöst von der vorigen, so dass sie alle durcheinanderfliegen, wie wenn man eine Perlenkette aufschneidet. Moriarty ist fertig. Die Tasche um die Schulter steuert er auf die Tür zu. Ich folge ihm zum Auto, springe rein, und Belushi schlägt die flache Hand aufs Lenkrad und schreit «Yes!». Er biegt mit Schwung in den Verkehrsstrom ein, der dampfende Schlund der Stadt verschlingt uns, und wir sind über alle Berge.

Falls es stimmt, dass derselbe Gott über El Jefe und mich richten wird, würde ich gern noch Folgendes zu Protokoll geben: Am Ende habe ich meine Frau nicht belogen. Als sie sich über all das Geld wunderte, hab ich alles gestanden. Ich hatte das nicht vor, aber ich habe es getan.

«Wo hast du das her?», fragte sie.

«Ich hab eine Bank ausgeraubt. Viele Banken.»

Sie wurde ganz steif in meinen Armen – wir lagen gerade im Bett – und drehte sich dann um, damit sie mir ins Gesicht sehen konnte.

«Kriegen sie dich?»

«Nein.»

Wir brauchten die ganze Nacht, um die Sache durchzusprechen. Maria fand, ich hätte die Zukunft der Familie aufs Spiel gesetzt, und verlangte Antworten auf einen Haufen Fragen, die ich bislang selbst nicht zu stellen gewagt hatte, aus Angst, dass diese Antworten mir einen zu starken Dämpfer verpasst und den gnadenlosen Schwung zerstört hätten, der mir ermöglichte zu tun, was getan werden musste. Ich erklärte alles, so gut ich konnte, während sie zwischen Zorn und Tränen schwankte. Bei Morgengrauen sassen wir ausgelaugt und schweigend am Küchentisch über einer Kanne Kaffee. Die Wände unserer Wohnung tickten und knackten in der steigenden Hitze, und das frische Licht des neuen Tages stolperte über die Risse im Putz, die das letzte Erdbeben hinterlassen hatte. Ihre Entscheidung teilte sie mir mit einer simplen Geste mit. Sie streckte die Hände über den Tisch und nahm meine: Wir würden weitermachen.

Ich sitze auf der Couch und male mit einem Filzstift einen Astronauten auf Sams Gips. Immer wieder beugt er sich vor, um meine Bemühungen zu kontrollieren, und er ist nicht sehr zufrieden.

«Nein, Papi, der Körper ist falsch.»

Das Telefon klingelt, und Maria nimmt in der Küche ab. Wieder ein Immobilienmakler. Samstag fahren wir rauf nach Big Bear, um Häuser anzuschauen. Erst eine Woche ist seit dem Überfall vergangen, und schon ändert sich alles. So viele Möglichkeiten, so viele Entscheidungen. Ehrlich gesagt ist mir ein bisschen schwindlig davon. Ich fühle mich wie ein Hund, der endlich erfolgreich über den Zaun gesprungen ist, und jetzt, statt zu laufen wie der Wind, vor dem Tor sitzt und wartet, dass sein Herrchen ihn wieder reinlässt.

Sam möchte den Stift haben, damit er den Astronauten selbst fertig zeichnen kann. Ich überlasse ihn seiner Arbeit und gehe in die Küche zu Maria, die sich Notizen auf einem Block macht, den Hörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt. Ich bin heute abend zu gross für diese Wohnung. Wenn ich mich zu schnell bewege, mache ich bestimmt was kaputt.

«Ich geh nochmal raus», flüstere ich, nicke zur Tür.

Maria runzelt die Stirn und hebt die Hand, bittet mich zu warten, bis sie auflegt. Als ich mit einem frischen Hemd aus dem Schlafzimmer komme, ist sie noch immer am Telefon, also winke ich und gehe. Sam ist mit seiner Zeichnung beschäftigt. Er hört gar nicht, wie ich mich verabschiede.

Ich schaue beim Smog Cutter vorbei. Aus der Karaokemaschine kommt ein Countrysong, und der alte Fred singt dazu. Ich schnappe mir einen Hocker und mache es mir bequem, will sehen, ob Moriarty wie üblich zu seinem donnerstäglichen Poolspiel auftaucht. Wir haben uns nicht mehr gesehen seit dem Überfall, nicht mehr, seit Belushi uns unsere Kontonummern übergeben hat und unsere Zusammenarbeit beendet war. Aus Sicherheitsgründen hatten wir uns geeinigt, von da an getrennte Wege zu gehen, aber ich wollte doch wenigstens Hallo sagen und hören, wie’s ihm geht.

Weil ich kann, gebe ich eine Lokalrunde aus, und fünf Minuten lang bin ich jedermanns bester Freund. Ich muss darüber lachen, wie leicht das ist – und wie schnell es wieder vorbeigeht.

Es wird neun, dann zehn, aber von Moriarty keine Spur. Er muss seine Routine geändert haben. Scheisse, vielleicht ist er längst in Idaho. Belushi ist auch nicht zu Hause, oder wenigstens geht er nicht an die Sprechanlage, als ich unten den Knopf für seine Wohnung drücke. Gut, drauf geschissen. «Auf uns, Jungs», sage ich und erhebe ein Fläschchen Bourbon auf dem Parkplatz vor einem Schnapsladen. Das einzig Gute an diesem Augenblick ist, dass ich ziemlich sicher bin, mich nie im Leben wieder derart einsam fühlen zu müssen.

Die Schrotflinte, die Moriarty mir geliehen hat, liegt verschlossen im Werkzeugkasten hinten auf meinem Pick-up, wo ich sie verstaut habe, als Maria an jenem Abend sagte, ich solle sie aus der Wohnung schaffen. Ich wollte sie schon die ganze Zeit loswerden, und eigentlich kann ich das ebenso gut jetzt tun.

Ich fahre rauf zum Lake Hollywood. In seiner Tintenschwärze spiegeln sich die Lichter der Villen auf den Hügeln. Ich drücke das Gesicht gegen den Maschendrahtzaun und drehe mich dann um zu dem Stelzenhaus, das mir bei meinem letzten Besuch aufgefallen ist. Drin spielt jemand Klavier. Noch ein ordentlicher Schluck Bourbon, dann reisse ich die Schrotflinte hoch und schiesse zweimal in die Luft. Das Krachen hallt über dem Staubecken wider.

Ich schleudere die Flinte über den Zaun, wo sie mit einem Plopp ins Wasser fällt und untergeht. Das Klavier schweigt, und auf der Terrasse des Hauses kauert ein Schemen, beobachtet mich. Ich erwidere den Blick und nehme noch einen Schluck, will ihm noch mehr Angst einjagen, aber als ich mich davonmache, tue ich das ohne Licht, damit er meine Nummernschilder nicht erkennt.

Auf der Strasse vor den Bungalows stehen drei Streifenwagen. Rot und blau streichen ihre Lichter über die Bäume. Mit zitternden Händen fahre ich langsam vorüber, versuche zu sehen, was los ist. Die Cops stehen im Garten beisammen, und sämtliche Haustüren sind offen.

Ich sollte weiterfahren, vorsichtshalber erst später zurückkommen, aber das schaffe ich nicht. Meine Familie ist da, vermutlich verängstigt, besorgt. Ich parke am Ende der Strasse und gehe zu Fuss den Hügel rauf. Wenn nötig, komme ich ohne Widerstand mit. Sie brauchen mich nicht niederzuknüppeln oder mir die Arme zu verdrehen, um mir die Handschellen anzulegen. Wenn Sam das mitansähe, würde das lebenslange Narben hinterlassen.

Die Cops werden nervös, als ich auf den Platz trete. Ein paar Hände rutschen Richtung Pistole.

«Papi», ruft Sam. Er läuft auf mich zu, Maria gleich hinter ihm. «Ein Einbrecher war da», sagt er. Ich nehme ihn hoch auf den Arm.

«Die Floreses haben bei sich jemanden überrascht», erklärt Maria. «Ist durch die Hintertür abgehauen, als sie vorn reinkamen.»

«Oh Gott», sage ich.

Die Cops widmen sich wieder ihrem eigenen Gespräch, ignorieren uns.

Maria drückt sich fest an mich und flüstert mir ins Ohr: «Ich hatte solche Angst.» Ich entschuldige mich, sage ihr, dass alles gut wird.

So wird das noch eine ganze Weile bleiben, dass wir beim Anblick von Streifenwagen zusammenzucken, bei jedem Klopfen an der Tür alle Hoffnung verlieren. Aber die Jahre werden vergehen, die Angst wird verblassen. Maria wird sich nicht mehr fragen, was ich ihr sonst noch verheimliche, und eines Tages werde ich nicht mal mehr derselbe Mann sein, der diese Banken ausgeräumt hat. All das wird eher wie eine verrückte Story sein, die ich gehört, als wie etwas, das ich erlebt habe. Eine Story, die ich niemals weitererzählen darf.

Sam will nicht, dass ich ihn wieder absetze. Er will getragen werden. Ich lege den anderen Arm um Maria, und wir gehen zu unserem Bungalow, gehen hinein und schliessen die Tür hinter uns. Sicher – oh bitte, lass uns sicher sein! Wenigstens für heute.


Richard Lange (Text)
ist Schriftsteller. Er wurde in Oakland geboren und wuchs im kalifornischen San Joaquin Valley auf. Für seine Kurzgeschichten und Bücher wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Hammett-Preis und dem 2015 Short Story Dagger der britischen Crime Writers’ Association. Zuletzt von ihm erschienen: «Sweet Nothing» (Mulholland, 2015) und auf Deutsch «Angel Baby» (Heyne, 2015). Richard Lange lebt in Los Angeles. Website: www.richlange.com Die vorliegende Kurzgeschichte erscheint hier erstmals gedruckt auf Deutsch. Wir danken dem Autor, seiner Agentur Mohrbooks, dem Heyne-Verlag und dem Übersetzer Jan Schönherr für die exzellente Kooperation.


Jan Schönherr (Übersetzung)
ist literarischer Übersetzer und lebt in München.


Christina Baeriswyl (Illustration)
ist Illustratorin und Artdirectrice, sie lebt in Zürich.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»