Bank of America

Short Story von Richard Lange

Bank  of America

Nachdem wir die Bank übernommen und den Wachmann kaltgestellt haben, behalte ich die Kunden im Auge, während Moriarty sich über den Tresen schwingt und die Kassen ausräumt. Keine Ahnung, wieso ausgerechnet mir dieser Job zufiel. Auch nach all der Zeit bin ich nicht gerade der überzeugendste Bösewicht. Meine Pose hab ich vorm Spiegel geprobt, böse Blicke und nervöses Zucken eingeübt, aber ich fürchte noch immer, dass mich einer durchschaut.

Meine Knarre hilft. Ein grosses, hässliches, silbernes Teil, das sich schlecht wegleugnen lässt. Aber ich passe auf, dass ich den Vorteil, den sie mir verschafft, nicht missbrauche. Man kennt ja aus dem Kino die Psychos, die solche Spielchen spielen, und man freut sich immer, wenn sie am Ende ihr Fett wegkriegen. Ausserdem stand ich selber schon auf der anderen Seite, kurz nach meinem Umzug nach Los Angeles. Eines Abends kam ich aus einem Schnapsladen, und so ein paar Halbstarke gingen auf mich los, zogen eine Knarre. Mein Geldbeutel flog geradezu aus meiner Tasche in ihre Hände. Das Zittern liess erst Wochen später nach. Hab direkt auf den Bürgersteig gekotzt. Daran denke ich, wenn wir unsere Nummer abziehen. Nur nicht übertreiben.

Heute ist ein besonderer Tag. Wir drängen uns in dem engen, kleinen Büro zusammen, in dem Moriarty sonst Autoversicherungen verramscht, und gehen seinen Plan für unseren allerletzten Coup durch. Moriarty, weil er das Superhirn unserer Crew ist. Unter seiner Führung haben wir in drei Jahren siebenundzwanzig Banken leergemacht – mehr als Jesse James – und wurden dabei kein einziges Mal erwischt, hatten nie die Cops am Arsch kleben, mussten nicht mal unsere Waffen benutzen.

Draussen muss es an die tausend Grad haben. Zwei Ventilatoren surren, alle Fenster stehen offen, doch die Luft liegt trotzdem ungerührt da, heiss und zäh wie Bratfett. Ein Stockwerk tiefer, am Hollywood Boulevard, weint eine alte Armenierin. Sie sitzt an einer Bushaltestelle, ein schwarzes Tuch um den Kopf gewickelt, und schaukelt vor und zurück. Ihr Schluchzen lenkt mich von Moriartys Vortrag ab. Er fragt was, und ich höre ihn gar nicht.

«Mann, Alter», mault er. «Reiss dich halt mal zusammen.»

«Ich hör zu, ich hör zu.» Ich stehe von der Fensterbank auf und gehe zum Cola-Automaten, den Moriarty mit Bier bestückt hält. Die Dose ist schön kalt. Ich drücke sie mir an den Nacken und bedeute ihm weiterzumachen.

Im Wesentlichen läuft alles wie beim letzten Ding, und bei dem davor. Wir verkünsteln uns nicht. Wir sprengen keine Tresorräume auf und knacken keine Hochsicherheitssysteme. Im Grunde nur Rein-raus-Nummern. Wir sacken so viel Kohle ein, wie wir können, bevor irgendwer einen Alarm auslöst, dann rennen wir zu unserem geklauten Fluchtwagen, als wäre der Teufel hinter uns her. Moriarty wollte immer, dass wir wie Anfänger wirken. So nähmen die Cops das weniger ernst, denkt er. Das ist nicht die einzige Vorsichtsmassnahme. Alle Banken, die wir überfallen, sind mindestens dreissig Kilometer voneinander entfernt, und wir maskieren uns jedes Mal neu: Skimasken, Nylonstrümpfe, Perücken und falsche Bärte. Einmal trugen wir Alienmasken, ein andermal gingen wir mit Turbans und Schuhcreme rein. Bisschen Spass soll das ja auch machen.

Moriarty lässt mich unsere Wege rein und raus mit dem Finger nachfahren, dann zerknüllt er die Karte und verbrennt sie in einem Aschenbecher. Ich bewundere seine Gründlichkeit. Macht mich stolz, sein Partner zu sein. Und diese Selbstkontrolle, mein Gott! Das Durcheinander namens Leben hat er meisterhaft im Griff. Jeden Tag isst er zum Frühstück eine Banane und zu Mittag ein Thunfischsandwich. Jeden Tag! Genauso in Stein gemeisselt ist bei ihm die ganze Woche. Donnerstagabends: von neun bis elf Pool im Smog Cutter, dazu zwei Bier, nicht mehr, nicht weniger. Samstags Kino, Schiessübungen, eine Stunde…