Bald wärmer

Ein Kind kurz nach der Geburt zu verlieren und als Familie zurückzubleiben – wie überlebt man diese Katastrophe?

Bald wärmer

Ich betrete das Kinderspital durch eine automatische Schiebetür aus Glas. Draussen ein runder Vorplatz mit den geparkten Taxis und Rettungswagen. Drinnen ein riesiges Sofa in Form eines freundlichen Drachen. Zur rechten Seite der Empfang, zur linken die Glastür mit der Aufschrift Intensivstation A.

Öffne ich die Tür, befinde ich mich in einem tunnelartigen Schlauch ohne Tageslicht mit seitlich abgehenden Zimmern, dessen Türen geschlossen sind. Am Ende des Flurs eine Tafel mit dem Aufdruck Schockraum.

Bevor ich den Saal mit den Intensivpflegeplätzen betreten darf, muss ich läuten. Der Taster ist hinter der gläsernen Eingangstür angebracht, ganz am Anfang des gelben Ganges.

Ist die Tür hinter mir ins Schloss gefallen, mache ich mich mit Hilfe der elektronischen Klingel bemerkbar und warte. Nach einer Weile öffnet sich am anderen Ende des Flurs die automatische Tür zum Zimmer mit den Patientenplätzen, eine Schwester streckt den Kopf heraus, erkennt mich und gibt mir das Zeichen, dass ich kommen darf.

Ein nicht enden wollender Korridor, bis ich den Raum, in dem Zoé liegt, erreicht habe. Es ist mir nicht möglich, einfach so zu meinem Kind zu gehen. Zuerst muss ich klingeln und hinter verschlossenen Türen warten.

Und es kann dauern, bis sich diese öffnen und ich eingelassen werde.

Es können Notfälle vorliegen.

Eine Intensivstation ist ein Ort, an dem Notfälle an der Tagesordnung sind.

Ich hätte nicht im Speisesaal frühstücken sollen, in einem Raum voller Mütter mit ihren Neugeborenen. Diese Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Kinder im Tuch vor dem Bauch getragen oder im mobilen Bett vor sich hingeschoben haben.

Dreimal habe ich auf der Wöchnerinnenstation gefrühstückt. Niemand hat mich nach dem Verbleib meines Kindes gefragt, jeder ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen.

Wie konnte ich überhaupt essen?

Das Festhalten an Ritualen geschah ganz automatisch. Es ist mir auch nicht in den Sinn gekommen, nicht zu schlafen, um ständig bei meiner Tochter zu sein. Es muss instinktiv geschehen sein, als Schutz in einer schwierigen Situation.

Da sass ich im Frühstücksraum und strich mir ein Honigbrot.

Wie die Sauerstoffmasken im Flugzeug: Zuerst muss man sich selber eine überziehen, bevor man anderen hilft. Das leuchtete ein. Aber es befremdete und beschämte mich.

Im Kinderspital brachten sie uns in ein leeres Zimmer, wo wir allein waren, Zoé, Wim und ich. Wir waren in diesem Raum, damit sie sterben konnte. Das Beatmungsgerät würde abgestellt werden. Ich hielt sie in meinen Armen.

Wir sind zu zweit, als wir das Spital gegen zehn Uhr abends verlassen, und doch werden Wim und ich keinen Tag mehr ohne sie sein. Sie bleibt anwesend, indem sie uns verwandelt.

Es ist eine warme Sommernacht. Der Mond scheint und alles wirkt friedlich. Auch der geparkte Rettungswagen vor dem Haupteingang kann daran nichts ändern. Ich wundere mich, wie idyllisch die Welt wirken kann, trotz des Leides, das in ihr ist. Alles existiert gleichzeitig: das Schöne und das Traurige. Was trivial tönt, ist eigentlich unglaublich.

Warum stehen wir vor dem Haupteingang, obwohl unser Wagen in der Tiefgarage steht? Worum ging es da? Wollten wir an die frische Luft? Den Aufbruch hinauszögern?

Wir schieben das Ticket in die Säule der automatischen Schranke an der Ausfahrt und während wir im Auto darauf warten, dass sie sich öffnet, denke ich: Wie können wir ohne sie nach Hause gehen? Dann fahren wir aus der Tiefgarage.

Wim und ich essen die Gemüsesuppe, die seine Mutter am Morgen zubereitet hat. Im Verlaufe des Tages ist sie nach Chur zurückgekehrt, um uns am aussichtslosesten aller Abende in Ruhe zu lassen oder vielleicht auch nur, um sich selbst zu schützen.

Ein junger Arzt und zwei Pflegerinnen, die ich noch nie gesehen…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»