Autonome Republik Dürrenmatt

Peter Rüedi: Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen.
Zürich: Diogenes, 2011.

Er sagte immer, was er meinte, doch meinte er nicht immer, was er sagte. Nicht endgültig jedenfalls und schon gar nicht für alle Ewigkeit. Denn diese war ihm, dem Pfarrerssohn, sowieso suspekt. Er war, nach eigener Meinung, ein unablässiger «Gedankenschlosser und -konstrukteur», einer, der alles Vollendete dem Toten zuordnete, das Fragment hingegen dem Geglückten. Was in seiner Sprache hiess: dem Möglichen. So gesehen war das Leben des Friedrich Dürrenmatt «fragmentarisch». So gesehen waren die siebzig Jahre seines Lebens eine genuine Möglichkeit – ein Leben als Werk. «Ich habe keine Biographie», fasste er diesen Zustand einmal zusammen. Nun hat er doch eine. Peter Rüedi, langjähriger Weggefährte, reicht ihm einen beinahe tausendseitigen Lebensbericht nach, ein Buch, an dem er, nebst seiner journalistischen Tätigkeit, zwanzig Jahre lang gearbeitet hat.

Da den meisten Freundschaften mit Dürrenmatt ein «Verfallsdatum» eigen war (Rüedi), gereicht es auch dem entstandenen Band zum Authentizitätsvorteil, dass der beiden Verhältnis – zumindest aus der Sicht des Biographen – lediglich als «distanzierte Vertrautheit» erfahren wurde. Reflektierte Distanz, Dürrenmattscher Fluchtpunkt in Werk wie in eigener Sache: In der «autonomen Republik Dürrenmatt», wie Rüedi das abgelegene Neuenburger Anwesen nennt, zwischen «hinter dem Mond und dem Rest der Welt», fand das letzte Gespräch der beiden statt, kurz vor Dürrenmatts Tod. Über Gott und die Welt wurde geredet, berichtet Rüedi, was nicht heissen soll: über alles und nichts, sondern über das All und das Nichts.

Ausgehend vom christlichen Glauben seines Vaters war Dürrenmatt einen langen Weg gegangen und beim «Glauben der Schriftstellerei, also dem Denken in mehrdeutigen Gleichnissen», angekommen. Er, der sich als Atheist verstand – allerdings mit immerwährender religiöser Grundierung –, hat dieses Ringen um eine eigene Metaphysik in alle seine Werke getragen. Angefangen bei den «Wiedertäufern», den Kriminalromanen und Hörspielen bis hin zu seinen erfolgreichsten Theaterstücken «Der Besuch der alten Dame» und «Die Physiker».

Doch das wurde er nicht los: Dürrenmatt, der Protestant, protestierte. Sein Werk – das geschriebene, aber ebenso das gezeichnete und gemalte –, ein einziges Aufbegehren gegen die Welt, wie er sie vorfand. Die Kategorien, denen er folgte, waren seine eigenen, auch die des guten Stils, um nicht zu sagen, des guten Geschmacks. Derbe Scherzchen, drastische Darstellungen sabotierten bewusst gesellschaftlich tradierte Vorstellungen. Und man kann sich das grosse Gelächter des Friedrich Dürrenmatt bestens vorstellen, wenn sich etwa Max Frisch, der Stilist, über Diesbezügliches in den Theaterstücken «Romulus» oder in «Die Ehe des Herrn Mississippi» ärgerte. Dürrenmatt ging es nicht darum, die Welt (stilvoll) zu spiegeln, er hielt ihr vielmehr seine eigenen Welten entgegen: überzeichnete, expressive, prallüppige Schlachtfelder, auf denen sich das Leben ereignete. Das Instrumentarium war ebenfalls sein ureigenes: die überreiche Phantasie des Einzelgängers und Unzeitgemässen.

Eines der ganz grossen Verdienste Peter Rüedis und seiner Biographie, die ihrerseits von immensem Wissen zeugt, ist das neu evozierte Bild Dürrenmatts: Dürrenmatt als «Dilettant». Der Blick des «Laien» war für Dürrenmatt der einzig mögliche Weg, an den Ursprung des Denkens zu gelangen. In einer Zeit, da alles schon gedacht sei, wie er meinte, war sein Anspruch, alles erst beiseite zu räumen, damit neue Konzeptionen, neue Ahnungen entstehen könnten. Und daran hat er sich gehalten. Weder war er Theologe noch Philosoph, noch Astronom, noch Mathematiker – einzig aus der Distanz des grüblerisch belesenen Dilettanten ist er zu Ahnungen vom Ganzen gekommen. Und hat damit sein Weltrangwerk geschaffen. Die letzte Flasche Wein, berichtet Peter Rüedi, sei während des letzten
Gesprächs mit Friedrich Dürrenmatt nicht leergetrunken worden. Zu keinem Ende führt auch sein Buch. Es ist – nicht anders möglich – Fragment geblieben. Und deshalb geglückt. In hohem Masse.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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