Auto auf dem Abstellgleis

Warum stellt sich die Linke immer dann gegen etwas, wenn es endlich für alle erschwinglich geworden ist?

Ich gebe zu, ich bin beeindruckt: Eine Aktivistin aus Schweden und ihre jugendlichen Followers hierzulande reichen aus, und die Schweizer Politik kommt ins Rutschen. Aus wahrer Existenzangst? Oder ist das Klima mangels anderer Themen plötzlich zum Notstand geworden? Anders als vor vier Jahren kommen kaum neue Migranten, die Wirtschaft brummt und die Börsenindizes erreichen Höchststände. Man kann über die Gründe philosophieren, auf jeden Fall haben sich heute alle – sehr unvermittelt – auf einer neuen Achse zwischen #klimanotstand und #klimawahn auszurichten.

Im Fokus der Kritik stehen die Flugreisen. Im Alltag der Kantonspolitik aber bleibt das Auto das am heftigsten inkriminierte Fortbewegungsmittel. Besonders in den Städten führt die Linke einen eigentlichen Feldzug dagegen, während sich vereinzelte Bürgerliche – weitgehend im Rückzugsgefecht – entgegenzustemmen versuchen. Dabei stand das Auto lange für die Befreiung, gerade auch aus linker Sicht. So vergrösserte einst das Automobil mancher Frau ihren Wirkungskreis ungemein – die ikonografische Annemarie Schwarzenbach etwa bleibt ohne die eigenen vier Räder undenkbar. Natürlich entstammte diese erste Generation von Automobilistinnen dem Grossbürgertum, aber noch jede (erfolgreiche) linke Revolution fusste bei den Reichen. Auch die 1968er-Bewegten setzten auf das bewegte Fahrzeug. Ich war nicht dabei, aber die ÖV-Erreichbarkeit von Woodstock dürfte sich in engen Grenzen gehalten haben. Ist der Hippie überhaupt ohne VW-Bus denkbar? Und die Versöhnung der Sozialdemokratie mit der Marktwirtschaft schliesslich spiegelte sich in der Nachkriegszeit im Aufstieg von Arbeitern und Angestellten in den Mittelstand. Im Sommer mit dem eigenen Auto nach Rimini fahren zu können, dokumentierte das eindrücklicher als alle Sozialversicherungen zusammen.

Ein Sozialdemokrat sagte mir jüngst, dass es die Krux der Linken sei, immer dann gegen etwas zu sein, wenn es endlich für alle erschwinglich geworden sei. So war’s mit dem Auto (und übrigens auch mit dem Rauchen). Heute ist’s der Kurztrip nach New York, der verboten oder verteuert werden soll.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»