Autismus als Tugend?

Sabina Berman: Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Frankfurt a.M.: S. Fischer, 2011.

Karen Nieto, die Taucherin, die uns der Titel verspricht, kommt in den siebziger Jahren an der mexikanischen Pazifikküste zur Welt. Weil sie «gaga geboren» ist, wie das Dienstmädchen meint, wird sie von ihrer Mutter vernachlässigt und misshandelt. Nach deren Tod findet ihre Tante Isabelle sie wie ein «enfant sauvage» oder wie ein «Ding» im Keller des geerbten Hauses. Sie bringt ihr das Sprechen bei, lehrt sie Begriffe wie «Ich» und «Du» und kommt für ihre Erziehung auf. Die ersten Seiten des neuen Romans der Mexikanerin Sabina Berman – Übersetzungen erscheinen in 25 Ländern – sind das abenteuerliche Experiment, das Geschehen aus der Sicht eines wahren «in-fans», eines zunächst sprachlosen Kindes, darzustellen. Berman wagt viel, indem sie «Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte» ganz aus der Perspektive der autistischen Hauptperson erzählt. Das gelingt über weite Strecken, aber nicht immer. Zu den bekannten Eigenheiten der autistischen Geistesverfassung und zu den erklärten Unfähigkeiten Karens gehört das Unverständnis für Metaphern und rhetorische Vergleiche. Und doch berichtet die Ich-Erzählerin schon auf Seite 27 von der «Nonnengeduld» der Lehrerin in der Behindertenschule.

Karen studiert Zoologie und entwickelt sich zu einer jungen Frau, deren Intelligenz sich in gewissen Bereichen (Abstraktion, Erfassen von Ähnlichkeiten und Nuancen, Arbeiten unter Zeitdruck) als weit unterdurchschnittlich, in anderen Bereichen (Gedächtnis, räumliches Vorstellungsvermögen, Konzentration) als atemberaubend erweist. Ihr Lebensdilemma besteht darin, dass ihre Familie von der Thunfischerei lebt. Zusammen mit ihrer Tante übernimmt Karen die Thunfisch Consuelo AG, versucht aber den Betrieb zusehends zu humanisieren, indem sie Massnahmen zum Schutz der Delphine trifft und das Fangen und Töten der Thunfische möglichst «stressfrei» gestaltet. In der
Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Spitzenmanager Gould erweist sich die Autistin als effiziente Geschäftsfrau. Es scheint, als ob sich moralische Werte mit wirtschaftlichem Gewinn vereinigen liessen: Weil Karens Firma schliesslich nur noch erstklassigen «True Blue Tuna» für japanische Gourmetrestaurants produziert, wo jeder Bissen 60 Dollar kostet, müssen für denselben Profit weniger Fische gefangen und getötet werden. Die Käfige baut Karen so riesig, dass die Thunfische schliesslich selber hineinschwimmen und sich dort sogar fortpflanzen – eine «Falle ohne Falle» ist die Utopie, die sie realisieren will. Gibt es ein «Paradies ohne Wildheit»? Können wir also leben, ohne böse zu sein? Über diese existenziellen Fragen lässt Sabina Bermans Buch nachdenken.

Für ihre Humanisierung der Fischerei wollen manche Karen Nieto mit einem kulinarischen Nobelpreis auszeichnen. Für die militanten Aktivisten der «Animal Rights Militia», die sie entführen und bedrohen, bleibt sie aber «eine der grössten Mörderinnen der Welt». Mit ihrem Geschäftspartner kommt es zum Bruch, als sie ihre Arbeit zur letzten Konsequenz führen möchte: die Thunfische sollen nur noch unter besten Bedingungen gehalten, aber nicht mehr getötet werden. Das würde ihren Wert weiter steigern, aber natürlich könnte er nie realisiert werden…

Das riecht nach beissender Satire, nach einer Persiflage auf unsere ökologisch korrekte Gesellschaft, die alles richtig, rein und nachhaltig machen will. Aber gewiss ist das nicht, denn Sabina Berman, schillernder Tausendsassa der mexikanischen Literaturszene, hält die perfekte Schwebe zwischen Realismus und Utopismus. 1956 als Tochter jüdisch-polnischer Einwanderer in Mexiko-Stadt geboren, hat Berman Klinische Psychologie und Literaturwissenschaft studiert und sich in ihrem Heimatland vor allem als Autorin und Regisseurin von Theaterstücken einen
Namen gemacht. Ausserdem ist sie Erzählerin, Lyrikerin, engagierte Feministin, politische Kolumnistin im regierungskritischen Wochenmagazin «Proceso», Filmemacherin und Verfasserin von Kinderbüchern – Michael Endes «Momo» hat sie ins Spanische übertragen.

Inwieweit die Psychologin Berman in ihrem neuen Roman ein getreues Abbild einer Autistin zeichnet, müssen Fachleute beurteilen. Vielleicht geht es ihr mehr um ein Plädoyer dafür, diejenigen Menschen, deren vielfältige Formen des Andersseins unter der Syndrombezeichnung «Autismus» zusammengefasst werden, nach ihren Stärken statt nach ihren Schwächen…

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