Ausverkauf der Philosophen

TAG: 3
ZEIT: kurz vor St. Nimmerlein, also frühestens am Ende unseres Jahrhunderts
ORT: im unplatonischen Ideenhimmel des Verfassers, wo Gott und sein Sohn ihren philosophischen Kramladen entrümpeln

GOTT: Der nächste Philu hat meine Bürgerrechtsurkunden für diese Welt als Fälschungen entlarvt. Den verkaufe ich gern.

JESUS: Siehe, hier steht ein ungemein fleissiger Mann mit unsterblichem Namen.

DER VIERTE INTERESSENT: Was kannst du denn?

KANT: Ich kann dich über ziemlich alles unterrichten. Es ist jetzt aber punkt sieben Uhr, Zeit für meinen Spaziergang.

DER VIERTE INTERESSENT: So warte doch! – Was kannst du vorweisen?

KANT: Ich staune erstlich immer noch über den Sternenhimmel über mir und zweitens über das moralische Gesetz in mir, weswegen ich die Würde des Menschen hochhalte, glaube mithin an Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, ob ich gleich keinen vernünftigen Grund dazu habe, jedoch ein gewisses, allhier verstärktes Gefühl und ein Bedürfnis, dergestalt zu glauben. Das Ding an sich affiziert mich, mag es auch unzugänglich sein. Überdem bin ich als obrigkeitsfürchtiger Preusse recht anpassungsfähig und kann auch einmal meinen Mund halten, zumal…

DER VIERTE INTERESSENT: Magst du Musik?

KANT: Das muss ich kategorisch verneinen; ich vertrage nämlich keinen Lärm. Gleichwohl ist jetzt Zeit für meinen Spaziergang!

DER VIERTE INTERESSENT: Augenblick, nur noch eine Frage…

KANT: Nein, werter Freund, die Freiheit in Nehmung meiner Maximen darf ich nicht einbüssen, weil sonst meine Sittlichkeit sänke. Guten Tag!

GOTT: Den Nächsten würde ich zu gern behalten.

DER FÜNFTE INTERESSENT: Ich bin philosophisch sehr interessiert. Was hältst du zum Beispiel für gut?

HEGEL: Eigentlich alles, was der Fall ist – freilich mit Ausnahme aller Ansichten und Bestrebungen, die dieser Auffassung widersprechen.

DER FÜNFTE INTERESSENT: Und was hältst du für wirklich?

HEGEL: Alles vom Weltgeist bis zur Elektrizität, die ich übrigens als erster klar definiert habe.

DER FÜNFTE INTERESSENT: Du scheinst über ein enzyklopädisches Wissen zu verfügen. Ich kann mir gut vorstellen, dass du dank deiner Beziehung zum Weltgeist auch über jüngere Phänomene Bescheid weisst. Was ist, sagen wir, ein Neutrino?

HEGEL: Ein Neutrino ist… das unparteiliche Korollar aus der Konjunktion von Etwas und Nichts.

DER FÜNFTE INTERESSENT: Interessant! – Was kannst du mich sonst lehren?

HEGEL: Zu gehorchen und zu dienen. Schliesslich bin ich der sich entwickelnde Weltgeist in Denkergestalt.

DER FÜNFTE INTERESSENT: Oh, danke, ich seh’ mich weiter um!

JESUS: Sehet, ich stelle euch jetzt einen äusserst positiv denkenden Menschen vor, der vielleicht als erster die Liebe zur Menschheit empfohlen hat!

DIE DRITTE INTERESSENTIN: Lieber Mann, kannst du mich wirklich die Menschenliebe lehren? Ein grosses Herz habe ich zwar schon, weiss aber nicht, ob die ganze Menschheit darin Platz hat.

COMTE: T’en fais pas… ich meine: Mach dir nichts daraus! Ich werde dich auf jeden Fall vom theologischen zum metaphysischen und von diesem zum wissenschaftlichen Stadium führen – und dich so aus dem Sumpf ziehen.

DIE DRITTE INTERESSENTIN: Wie kommst du eigentlich dazu, die allgemeine Menschenliebe zu proklamieren?

COMTE: Die Menschheit ist das höchste Wesen, und das verpflichtet uns zum Altruismus, wie ich die Nächstenliebe nenne. Im übrigen bin ich aber am Tatsächlichen, Genauen, Gesetzmässigen, Nützlichen und Produktiven interessiert.

DIE DRITTE INTERESSENTIN: Dann wird es dich sicher freuen, wenn ich dich in meine hochtechnisierte, liberale Zeit mitnehme.

COMTE: Sagtest du liberal? Gott bewahre…, ich meine: Nein, danke! Das Mittelalter wäre mir wesentlich lieber, denn damals haben noch Gesetz und Ordnung geherrscht. Oui, Madame!

DIE DRITTE INTERESSENTIN: Sehr schön, dann wirst du dich fortan meinem Gesetz fügen! – Ich kaufe ihn!

GOTT: Drei Verkaufstage absolviert: welch erhabene Dreieinigkeit! Let’s ride on!

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»