Ausverkauf der Philosophen I*

ORT: im unplatonischen Ideenhimmel es Verfassers
ZEIT: am Tag vor St. Nimmerlein, also frühestens am Ende unseres Jahrhunderts

GOTT: Es ist Zeit, wieder mal auszumisten. Hier oben wimmelt es ja von Leuten, so dass ich kaum noch Platz für mich selber habe, obwohl meiner Allgegenwart jeder erdenkliche Raum zusteht. Zuerst will ich mich derjenigen entledigen, die zu viel vom Baum der Erkenntnis genascht haben.

JESUS: Das soll mir recht sein, himmlischer Vater. Unter diesen Leuten finden sich ja fast nur solche, die über mich reden, so als ob sie mich persönlich gekannt hätten.

GOTT: Und ich dachte immer, was die Leute über mich reden, sei das Geplapper, im Vergleich zu welchem sich kein grösseres denken lässt! Mein Sohn, stell nun das Verkaufsgut zusammen und preis es an! Wir beginnen mit dem 17. Jahrhundert, wo ich bei den Gebildeten noch eine zentrale Rolle gespielt habe.

JESUS: Lasset die Interessentlein zu mir kommen… ich meine: Kommt alle her, wir verkaufen Denker der Neuzeit! Mein Vater ist der Er-ist, und es hat, solange es hat! Und wehe dem, der einen Denker gekauft hat und es bereut und einen anderen begehrt: Es wäre besser, wenn er in einer Klosterzelle ewig grübeln müsste!

DER ERSTE INTERESSENT: Was hast du zu bieten?

DESCARTES: Vernunft und Glauben, die beide im radikalen Zweifel an allem gründen.

DER ERSTE INTERESSENT: Faszinierend! Du bist ein echter Denker.

DESCARTES: Allerdings. Und das beweist auch, dass ich existiere, falls du daran zweifeln solltest.

DER ERSTE INTERESSENT: Ich glaube, schon von dir gehört zu haben. Wie gelangt nur ein so grosser Geist in einen so kleinen Körper?

DESCARTES: Über die Zirbeldrüse, ein winziges Organ im Schädel der Maschine Mensch.

DER ERSTE INTERESSENT: Und welchen Nutzen bringst du mir?

DESCARTES: Ich werde dafür sorgen, dass dir der böse Dämon nichts anhaben kann.

DER ERSTE INTERESSENT: Den nehm’ ich.

JESUS: Der nächste ist einer, den ich besonders schätze, weil er mit dem Herzen sieht.

GOTT: Dafür hat er es gewagt, mich als Lückenbüsser einzusetzen, weil er gegen meinen Willen unbedingt einen festen Grund für «sichere» Erkenntnisse brauchte.

DIE ERSTE INTERESSENTIN: Möchtest du mir dein Herz schenken?

PASCAL: (Oh, là, là, die ist ja schlank und biegsam wie ein denkendes Schilfrohr!) – Moment bitte… Aua!! … Pardonnez-moi, ich musste mich kurz piksen, um nicht auf sündige Gedanken zu kommen.

DIE ERSTE INTERESSENTIN: (Seltsamer Typ!) – Sag mal: Worin bist du besonders gut?

PASCAL: Im Wetten! Ich wette jedesmal auf Gott, ganz einfach, weil nur im Falle des irrigen Nichtglaubens eine schwere Strafe zu erwarten ist.

DIE ERSTE INTERESSENTIN: Du bringst mich auf Ideen: Wir wetten, und wenn du verlierst, bestrafe ich dich. – Gekauft!

GOTT: Der nächste hat versucht, meine Existenz zu beweisen, dazu aber meine Persönlichkeit ignoriert.

JESUS: Seht diesen abgeklärten, erhabenen Denker, an dem Gottbegeisterte wie Gottlose Gefallen haben!

DIE ERSTE INTERESSENTIN: Was hast du denn zu bieten?

SPINOZA: Zuerst verbessere ich deinen Verstand, dann treibe ich dir das Zweckdenken aus, und zuletzt lehre ich dich more geometrico Mores.

DIE ERSTE INTERESSENTIN:  Ich befürchte, du hast nicht ganz begriffen, dass du es bist, der hier als Sklave verkauft wird, nicht ich!

SPINOZA: O doch, ich freu’ mich sogar, wieder ein Stück freier werden zu können!

DIE ERSTE INTERESSENTIN: Wieso freier?

SPINOZA: Weil ich mich dann auch in diese vom lieben Gott bestimmte Notwendigkeit schicken kann!

DIE ERSTE INTERESSENTIN: Diesen Natur-Sub muss ich auch haben! Der erspart mir sämtliche Hausangestellten.

GOTT: So, alle guten Dinge sind dreieinig: Drum machen wir für heute Schluss. Zudem erhalte ich öfter Lob von den Engelchören, wenn ich die Sache auf sieben Tage verteile.

 

 


 

* In Anlehnung an Lukians satirischen Dialog «Bion prasis» («Seelenverkauf»), in dem namhafte griechische Philosophen postum als Sklaven feilgeboten werden. Lukian von Samosata lebte im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung und war als Redner und kulturkritischer Schriftsteller berühmt.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»