Ausverkauf der Philosophen

Tag: 6 ZEIT: kurz vor St. Nimmerlein, also frühestens am Ende unseres Jahrhunderts ORT: im unplatonischen Ideenhimmel des Verfassers, wo Gott und sein Sohn ihren philosophischen Kramladen entrümpeln   JESUS: Vater mein, wo bleiben denn die Sprachanalytiker? Du weisst schon: Frege, Moore, Russell, Ryle… GOTT: Sie haben meiner Sache zwar nicht gedient, doch ich brauche […]

Tag: 6
ZEIT: kurz vor St. Nimmerlein, also frühestens am Ende unseres Jahrhunderts
ORT: im unplatonischen Ideenhimmel des Verfassers, wo Gott und sein Sohn ihren philosophischen Kramladen entrümpeln

 

JESUS: Vater mein, wo bleiben denn die Sprachanalytiker? Du weisst schon: Frege, Moore, Russell, Ryle…

GOTT: Sie haben meiner Sache zwar nicht gedient, doch ich brauche sie hier als Braintrust.

JESUS: Kannst du denn nicht selber denken?

GOTT: Leider nicht. Darauf hat doch der Mathematiker und Philosoph Hempel aufmerksam gemacht: Weil ich schon alles weiss, kann ich keine Mathematik treiben und überhaupt zu keiner Erkenntnis gelangen. Ein Gehirn habe ich ohnehin nur in der Sixtinischen Kapelle: Du weisst schon, die Wolke, in der ich dort schwebe. Ach, hätte ich nur einen Körper! Beim nächsten Sklaven würde ich nämlich zu gern Gänseblümchen zupfen und sagen: «Er glaubt an mich, er glaubt nicht an mich…»

JESUS: Wer will einen Tausendsassa erwerben, der nicht nur klug daherreden kann, sondern auch ein praktisches Händchen hat?

WITTGENSTEIN: Hello! Ich bin Ingenieur, Mathematiker, Grundschullehrer und Mönch. Und alles bittschön in Deutsch and English!

DER SIEBTE INTERESSENT: Wow!

WITTGENSTEIN: Alles familienähnliche Dinge, wenn man die Sache genau betrachtet!

DER SIEBTE INTERESSENT: Als Mönch bist du sicher von der Existenz eines allgütigen Weltenlenkers überzeugt.

WITTGENSTEIN: Na geh! Seh’ ich aus, als ob ich abergläubig wär’?

DER SIEBTE INTERESSENT: Warum bist du dann Mönch geworden?

WITTGENSTEIN: Ich liebe die religiöse Sprache, und innerhalb dieser ist es eben wahr, dass Gott existiert. Die exakten Wissenschaften lösen meine Lebensprobleme jedenfalls nicht.

DER SIEBTE INTERESSENT: Was für Lebensprobleme?

WITTGENSTEIN: Ich bin leider ein träger, feiger, unkeuscher, fresslustiger und zerstreuter Mensch, der … Scheiss’, jetzt hab’ ich den Faden verloren!

DER SIEBTE INTERESSENT: Ich finde, du bist nicht ganz bei Trost! Nennst du dich nicht einen Philosophen?

WITTGENSTEIN: Augenblick mal! Erstens bin ich Ex-Philosoph, da ich die Philosophie abgeschafft habe, und zweitens befinde ich mich als Geist nicht beim «Trost», sondern am Rand der Welt.

DER SIEBTE INTERESSENT: Ich sehe schon, du willst ein Spielchen mit mir treiben und mich ein wenig auf den Arm nehmen!

WITTGENSTEIN: Nicht nur ein Spiel, sondern alle möglichen möchte ich mit dir spielen und dich sprachmatt setzen.

DER SIEBTE INTERESSENT: Ich spiele nicht mehr mit!

JESUS: Der zu liebende Nächste bitte!

DIE SIEBTE INTERESSENTIN: Guten Tag, ich…

ADORNO: Nur nicht unverschämt werden, ja?

DIE SIEBTE INTERESSENTIN: Wieso?

ADORNO: Sie haben «ich» gesagt, was bei den meisten Menschen nach einer Unverschämtheit sich anhört.

DIE SIEBTE INTERESSENTIN: Was soll ich denn bitte sonst sagen, wenn ich von mir sprechen will? Sie als reiner Geist, überlegen Sie doch mal!

ADORNO: Der Glaube an Geister ist die Metaphysik des dummen Kerls.

DIE SIEBTE INTERESSENTIN: Meta… was?

ADORNO: Ich bin bestätigt, will aber nicht recht behalten.

DIE SIEBTE INTERESSENTIN: Nun erzählen Sie mal, was Sie so alles können!

ADORNO: Können? Wollen Sie etwa wie die meisten Substanzlosen, dass Ihrem nackten Interesse gedient werde? Nein, das Dolce-far-niente ist für mich das höchste der Gefühle.

DIE SIEBTE INTERESSENTIN: Ha, falsche Antwort! Glauben Sie, ich kaufe Sie, wenn Sie nichts arbeiten wollen und auch sonst in jedes Fettnäpfchen treten?

ADORNO: Fettnäpfchen? Es gibt kein richtiges Antworten im falschen Dialog.

DIE SIEBTE INTERESSENTIN: Moment mal! Bezeichnen Sie vielleicht mein Reden, meinen Stil des Umgangs als falsch? Da fehlen mir die Worte!

ADORNO: Ach, lassen Sie doch von Ihrer eigenen Ohnmacht nicht dümmer sich machen!

DIE SIEBTE INTERESSENTIN: Ich und dumm? So viel Arroganz lasse ich mir nicht bieten! Adieu!

GOTT: «Adieu»: O wie gern ich das immer höre! – Ah! – Dieu!

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»