Ausverkauf der Philosophen

Tag: 5
ZEIT: kurz vor St. Nimmerlein, also frühestens am Ende unseres Jahrhunderts
ORT: im unplatonischen Ideenhimmel des Verfassers, wo Gott und sein Sohn ihren philosophischen Kramladen entrümpeln

NIETZSCHE: Ich bin der Antichrist! Holt mich hier raaaaus!!!!

JESUS: Wer noch Ohren hat, der höre: Wir haben hier einen klugen, empfindsamen und grundehrlichen Menschen, einen einzigartigen echten Propheten, der, ganz im Gegensatz zu mir, nicht will, dass man ihm nachfolgt.

DIE SECHSTE INTERESSENTIN: Wie heisst du?

NIETZSCHE: Dionysos.

DIE SECHSTE INTERESSENTIN: Siehst auch ziemlich wild aus. Geht’s dir nicht gut?

NIETZSCHE: Obwohl ich die Syphilis überstanden habe, geht es mir miserabel wie eh und je, erst recht hier oben. Doch ich wollte es so! – Und den Schnauz, auf den du so starrst, behalte ich auch, nicht zuletzt weil mein Lehrer Schopenhauer Schnäuze für obszön hielt!

DIE SECHSTE INTERESSENTIN: Dein grimmiger Blick macht mir mehr Angst.

NIETZSCHE: Keine Sorge, ich kann weder Blut noch Pferdemisshandlungen sehen!

DIE SECHSTE INTERESSENTIN: Wie rührend! – Sag mal, was hast du so zu bieten?

NIETZSCHE: Weise und klug, wie ich bin, werde ich dir klarmachen, dass man die Dinge verschieden sehen kann, weil es die Realität nicht gibt, dass im Grunde alles Wille ist und dass du keinerlei Würde hast, ausser vielleicht der eines Hochseils. (Verdammt, ich habe schon besser formuliert!)

DIE SECHSTE INTERESSENTIN: Du lehrst also gewissermassen die Relativitätstheorie und den Atombombenbau der Philosophie!

NIETZSCHE: Ich habe schon von der Atombombe gehört, kann dir aber sagen, Freundin, dass die Menschen immer noch viel böser werden sollten!

DIE SECHSTE INTERESSENTIN: Ist das nicht trostlos?

NIETZSCHE: O Mensch – wenn du einen Tröster, wenn du menschliche Wärme suchst, bist du bei mir an der richtigen Adresse.

DIE SECHSTE INTERESSENTIN: Dann versuch einmal, mich zu trösten! Ich habe nämlich meine ganze Familie verloren, alles gütige Menschen, die ich liebte – und die mich liebten.

NIETZSCHE: Nichts ist leichter! Erstens haben sie dich vielleicht gar nicht geliebt (davon abgesehen, dass Liebe etwas Egoistisches ist), und zweitens wäre zu fragen: Was liegt an dir?

DIE SECHSTE INTERESSENTIN: Hmm, ich weiss nicht recht…

NIETZSCHE: Versuch’s doch mit mir, ich schmecke immer noch gut! – Ach, dass ich Sonne sein muss in dieser verfluchten siebenten Einsamkeit! Aber was soll’s, ich wollte es ja so! Und was liegt an mir? – He, nicht weggehen, ich könnte auch eine Peitsche organisieren!

GOTT: Jesus, wie beim vorigen keinerlei Hinweis auf die Biographie, hörst du!

JESUS: Du weisst doch, dass ich schweigen kann! – Sehet: hier steht ein zweiter Parmenides, ein zweiter Heraklit vor euch, kurz: ein Philosoph, der alles in seiner vertieftesten Tiefe versteht.

DER SIEBTE INTERESSENT: Was ist für dich Wahrheit?

HEIDEGGER: Wahrheit ist alétheia, das heisst Unverborgenheit, welche sich selbst wieder verbirgt.

DER SIEBTE INTERESSENT: Was in aller Welt…?

HEIDEGGER: Die Welt weltet, das Nichts nichtet, und ich… äh – iche.

DER SIEBTE INTERESSENT: Das verstehe einer!

HEIDEGGER: Du brauchst nur auf die Sprache zu hören, sie eröffnet dir den Zugang zum Sein.

DER SIEBTE INTERESSENT: Welche Sprache?

HEIDEGGER: Die deutsche natürlich – oder gibt es eine andere, wenn man einmal von der altgriechischen absieht?

DER SIEBTE INTERESSENT: Spinnst du eigentlich?

HEIDEGGER: Nein, nur uneigentlich. Du aber west, dem Man verfallen, ausserhalb des Seins und gewahrst darum nicht, dass deine Seele immer nur das Leben sucht.

DER SIEBTE INTERESSENT: Aber ich lebe doch mit Leib und Seele – im Gegensatz zu dir!

HEIDEGGER: Du ek-sistierst zwar, wohnst aber nicht im dämonischen Hause des Seins, da du dich seinsvergessen nur vom Gestell in Anspruch nehmen lässt.

DER SIEBTE INTERESSENT: Und du wirst nicht in meinem Hause wohnen!

JESUS: Ich sage nur: Selig sind die Leer-Ausgegangenen!

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»