Ausverkauf der Philosophen

TAG: 4
ZEIT: kurz vor St. Nimmerlein, also frühestens am Ende unseres Jahrhunderts
ORT: im unplatonischen Ideenhimmel des Verfassers, wo Gott und sein Sohn ihren philosophischen Kramladen entrümpeln

GOTT: Jetzt kommt ein Meckerer, der sich partout nicht auf das Nachdenken beschränken wollte.

JESUS: Interessenten aller Länder, versammelt euch!

DER SECHSTE INTERESSENT: Ja, da schau her: der alte Marx! Was sagst du dazu, dass du wider Erwarten als Seele hier bist?

MARX: Seele? Du meinst die Übersetzung meiner wirklichen,
materiellen Basis.

DER SECHSTE INTERESSENT: Wundert dich wenigstens, dass es sich mit dem Sieg des Proletariats nicht ausgegangen ist?

MARX: Nee, hier ist alles so unwirklich, dass gar nichts mehr mich wundert. Dazu fühlte ich mich entfremdet, als ich den weiteren Verlauf der von mir mitgeprägten Weltgeschichte beobachtete. Hatte mir aber schon gedacht, dass es schwierig würde, nachdem ich nicht mehr dazu kam, das Rezept für die neue Gesellschaft zu schreiben. Überhaupt haben meine Anhänger die Welt nur verschieden verändert; es kömmt drauf an, ihr Scheitern zu interpretieren.

DER SECHSTE INTERESSENT: Du hast den Freiheitsdrang der Menschen überschätzt. Doch vielleicht gefällt’s dir ja in meinem Haushalt. Komm! Als Markenfetischist muss ich dich einfach haben.

MARX: Gern, bei der Seele von Dienstmädchen, das an deiner Seite steht! Da ist auch mir die Freiheit egal.

GOTT: Nach Hegels Kopfstand-Trainer kommt nun sein Todfeind.

JESUS: Siehe, da steht ein besonders gelehrter Kopfmensch, der keinem Pudel was zuleide tut!

DIE VIERTE INTERESSENTIN: Schönen guten Tag! Was würdest du mir als Ethiker empfehlen?

SCHOPENHAUER: Mitleid mit allen Wesen, den Genuss der unschuldigen Kunst, vornehmlich der Musik, und eine baldige Befreiung von der jammervollen Welt.

DIE VIERTE INTERESSENTIN: Baldige Befreiung? Soll ich mich etwa hängen?

SCHOPENHAUER: (Primitive Eristik! Und dann sagt sie noch «hängen» statt «aufhängen»: welch elende Silbenknickerei!) – Nein, es genügt vollauf, wenn du den Willen zum Leben verneinst und überhaupt aufhörst, irgendetwas zu wollen!

DIE VIERTE INTERESSENTIN: Wie wäre das möglich?

SCHOPENHAUER: Ich rede nur zu denen, die mich verstehen.

DIE VIERTE INTERESSENTIN: Was soll ich bloss mit einem mürrischen Typen wie dir anfangen? Gesellschaftsfähig scheinst du ja nicht zu sein.

SCHOPENHAUER: Ja, mit Geselligkeit habe ich nichts zu schaffen, und auf deine Aftergesellschaft kann ich erst recht verzichten. Jetzt such das Weite, bevor ich mich vergesse und dir eine runterhaue!!!

GOTT: Der nächste hat so schön über uns geschrieben, den gebe ich nur ungern weg.

JESUS: Kommet zu mir, ihr Damen, die ihr euch nach treuer ehelicher Liebe sehnet! Hier steht ein Kerl voller Leidenschaft, dem unsere grosse Gnade fürs ewige Leben einen Leib geschenkt hat, dem es nun an nichts fehlt.

DIE FÜNFTE INTERESSENTIN: Toll! – Was hast du ausser deiner Leidenschaft noch zu bieten?

KIERKEGAARD: Ich führe dich zunächst vom ästhetischen Leben zum ethischen, also von der unstillbaren Genusssucht zur Moral. Dann zeige ich dir, dass auch die Moral grüner Käse ist, da man der Sünde ohnehin nicht ausweichen kann. Zum Schluss weihe ich dich in das religiöse Leben ein. – Übrigens, glaubst du an die Güte des allmächtigen Gottes, auch wenn alles dagegen spricht?

DIE FÜNFTE INTERESSENTIN: Was war das? Donner? – Ich wüsste nicht mal, warum ich an die Existenz Gottes glauben sollte.

KIERKEGAARD: Ei, du könntest ja in den Glauben springen. Lass dich doch von mir wie von einer Windhose mitreissen!

DIE FÜNFTE INTERESSENTIN: Nein, danke!

KIERKEGAARD: Kompliment: Du hast nicht nur Geist, sondern weisst auch, dass du Geist hast, was ich noch nie bei einem Menschen gesehen habe. Darum folge ich dir und werde sofort Atheist.

DIE FÜNFTE INTERESSENTIN: Den nehm’ ich.

GOTT: Ich hoffe, er vergisst nicht, dass er nur ein Verhältnis haben darf, das sich zu sich selbst verhält. – Schluss für heute! Und Amen.

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Rolf Dobelli, Bestseller-Autor und Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»