Ausdauernder Ausprobierer

Der Künstler Anton Bruhin

Ausdauernder Ausprobierer

«Neidisch, ohne grün zu werden». Ein wohlwollender Neid also, ein Neid ohne Unbehagen. Diesen meint Anton Bruhin, wenn er vom «Schwarzen Quadrat auf weissem Grund» spricht. Wäre das Bild nicht schon Anfang letzten Jahrhunderts von Kasimir Malewitsch erfunden worden, als konsequente Weiterentwicklung der Reduktion und Abstraktion, dann wäre Anton Bruhin gerne der Entdecker gewesen. Das Schwarze Quadrat als der Schlusspunkt einer Radikalisierung. Neues kann danach in der Kunst nicht mehr geschaffen werden, Eigenwilliges hingegen schon. Und vielleicht ist das der Grund, warum Anton Bruhin, der Alleskönner unter den Künstlern, der Maler, Musiker und Dichter, der Plastiker, Photograph und Computerkünstler, der Meister von Spiegelgedicht und Maultrommel, von Dritten gerne als «Besonderling» apostrophiert wird und sich selbst als «Volkskünstler» bezeichnet.

Alles wird von Anton Bruhin ausprobiert. Andauernd und ausdauernd. In der Küche steht auf dem Bord ein Kuchenkühlgitter, eines, wie es in jedem Haushaltswarengeschäft zu finden ist und das gewiss öfters für ein paar Franken allein deswegen gekauft wird, weil es so hübsch anzusehen ist und man das silbrig glänzende Ding schon als Kind gerne in der Hand hat rollen lassen. Auch bei Anton Bruhin war es so, und ausserdem wusste er noch etwas anderes damit anzufangen. Er tauchte das Gitter in schwarze Acrylfarbe und drückte es dann auf ein Blatt Papier. Einige Blätter der Serie hängen nun über der Küchenbank. Kuchenkühlgittermandalas als Küchenkachelmuster. Die Luft ist geschwängert von Marihuana, und mir ist bisher keine einzige Notiz gelungen, die ich später noch entziffern könnte.

In den Abdrucken des Gitters ist vieles enthalten, was Anton Bruhin wichtig ist: die Reduktion der Mittel, die Sequenz der Variationen, der Augenreiz, das Glück am Tun. Nein, ein «metaphysisches Schauern aus der Tiefe des Raumes» gibt es nicht. Seine Bilder sind direkt, sie verbergen nichts, sie enthalten keine Rätsel, vor denen man sich nachdenklich die Nase reiben müsste. Er hat halt Freude an ihnen und lacht noch heute über den Kunstkritiker, der in seiner auf Holz gemalten Serie der Wappen aller Kantone partout einen subversiven Schalk entdecken wollte.

Im Flur hängt ein weisses Quadrat aus Holz, oben rechts und links auf den Kanten ist je ein kleineres, weisses befestigt: Mickymaus, na klar, die Rezeptionsvorgaben lassen nichts anderes zu, und eine Verbeugung vor Malewitsch ist das Ensemble auch. Daneben hängen in Öl gemalte Bilder – Blicke aus den Fenstern seiner verschiedenen Wohnorte, mal Alpenpanorama-Idylle, mal Rundumblick auf urbane Kulisse. Auch hier findet sich der Spass an der Sequenz, er malt von links nach rechts, Streifen neben Streifen, den Regen, die Sonne, die Morgendämmerung, das schattenlose Mittagslicht, schneeschwerer Himmel im Winter, blühende Bäume im Frühling, kahle Felder im Herbst: so wie es aussieht am jeweiligen Tag, so malt er auch den Ausschnitt. Seine Rundbilder in der Tradition des ausgehenden 18. Jahrhunderts sind daher auch ein Rundblick auf den Tageslauf der Sonne und den Jahreslauf der Jahreszeiten.

Wenn er etwas anfängt, dann kann er kaum aufhören. Über 20 Jahre versuchte er, Palindrome zu schreiben, Wörter und Sätze, die vor- und rückwärts gleich lauten. Und schliesslich gelang es: «Klug? Ulk?» «Ein O-Ton, o Monotonie!». Tagelang, nächtelang, wochenlang, monatelang sass er vor dem Computer und verhielt sich wie einer, der auf eine Goldader gestossen ist, nun nicht aufhören kann zu schürfen und dabei den Rest der Welt vergisst. Es entstanden zehntausende von Strophen und Gedichten. Beruhigend wie Rosenkranzgebete, erhellend wie Zaubersprüche. Und nun, endlich, gelingt mir doch noch ein lesbarer Eintrag in mein Notizbuch: «Eins sie weis: Sie weiss nie».

Anton Bruhin, geboren 1949 in Lachen SZ, ist seit 1968 freischaffender Künstler. Seit vier Jahren lebt er wieder in Schübelbach SZ, wo er auch aufgewachsen ist. Der Künstler wird von der…

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