Aus Liebe zum Thurgau

Der 61jährige Lyriker und Prosaschriftsteller Jochen Kelter, in Köln geboren, lebt schon seit 1969 auf der Schweizer Seite des Bodensees. In seinem schönen Essay-Bändchen «Ein Vorort zur Welt» hat er nun dreizehn aus ganz unterschiedlichen Anlässen entstandene «Texte» aus über 25 Jahren zusammengestellt. Derartigen Textsammlungen darf durchaus mit einer gewissen Skepsis begegnet werden, mit einem gewissen Anfangsverdacht – zu oft schon hat man sogenannte «Buchbindersynthesen» zur Kenntnis nehmen müssen, mit wenig Liebe oder Sorgfalt aneinandergereihte Gelegenheitsarbeiten ohne erkennbare Struktur und von meist nur geringem Nutzen. Das ist hier gottlob nicht der Fall.

Mit dem Thema «Heimat» hat sich Jochen Kelter beschäftigt, seit der deutsche Staat seine Universitätslaufbahn unter Hinweis auf die nicht ausreichende Verfassungstreue des Konstanzer Dozenten beendet hat. Als schreibender Bewohner einer Grenzregion sieht er «Heimat» als eine fiktive, von keiner Staatlichkeit erreichbare Zone an, als etwas, das sich jeder je nach seinen Bedürfnissen selber schafft. Seine Reflexionen über das Leben im thurgauischen Tägerwilen, in Konstanz und am Bodensee, ja im gesamten alemannischen Raum scheinen aus der Sicht eines liebenden Exilierten geschrieben zu sein. «Und so lebe ich, ohne es mir am Anfang eingestanden haben zu wollen, im Exil. In der Diaspora. In der Provinz. Diesseits und jenseits der Grenze», heisst es in der schönen, traurigen und bisweilen ein wenig larmoyanten Reflexion «Vom allmählichen Verschwinden der Gegend», die die globalisierte Gegenwart als eine «Wanderung der Seelen ins Nichts» begreift. Doch da ist das Dorf, in dem man daheim ist, auch wenn die Autobahnen und Gewerbegebiete immer mehr Land fressen – ein Ort, an dem das «Gerede von der Welt als globalem Dorf» definitiv zu dem wird, was es ist: pseudomoderner Unsinn nämlich. Und es ist auch der Ort der Kunst und der Literatur, die «allein», wie der reflektierte, politisch hellwache Neoromantiker Kelter emphatisch betont, «die Utopie einer lebenswerten, menschlichen Instinkten und Atavismen überlegenen Welt» aufrechtzuerhalten vermögen.

Wie das gehen kann, beweist der Autor gleich selbst, insbesondere in «Wiesen und Wasser, Wolken und Wind», einer zärtlichen Liebeserklärung an den Thurgau, und in «Von draussen und von drinnen», einer auch der sprachlichen Geborgenheit oder Fremdheit zwischen Schweizer- und Deutschdeutsch nachgehenden Liebeserklärung an die Schweiz – seine ganz eigene, selbstgeschaffene Schweiz wohlgemerkt: «Wer fragte da noch nach Pässen». Einige der hier versammelten Essays widmen sich intensiv dem Selbstverständnis und den politischen heiligen Kühen der Schweiz, und sie kommen alle zu dem Ergebnis, dass die mit der «Fichen-Affäre» einsetzende Modernisierung der Gesellschaft das Klima im Lande eindeutig zum besseren verändert habe. Kaum etwas sei übrig von der «Feudaldemokratie» oder der «Modergesellschaft» von einst: «Es atmet sich freier und leichter im Land», heisst es in einem Essay mit dem sprechenden Titel «Die bleiernen Jahre sind verflogen». Ein ganz normales mitteleuropäisches Land sei die Schweiz, «mit ausgeprägten Eigenheiten, … die sie hoffentlich behalten wird». Selbst die Literaten müssten sich nicht mehr dauernd mit ihrem Land beschäftigen, und so scheine die heutige Schweizer Literatur zwischen «Weltläufigkeit und überschaubarem Ort» beständig zu schwanken. Das scheint auch für Kelters «Ein Vorort zur Welt» zu gelten. Auch deshalb ist der Autor, dieser fremde und zugleich regional gebundene, durch und durch eigensinnige poetische Grenzgänger zwischen Ländern und Sprachen, am Ende doch ein Schweizer Dichter. Oder besser gesagt: in gewissem Sinne auch ein Schweizer Dichter.

vorgestellt von Klaus Hübner, München

Jochen Kelter: «Ein Vorort zur Welt. Leben mit Grenzen». Frauenfeld: Waldgut, 2007.

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