Aus dem Hinterzimmer ins Scheinwerferlicht

Strukturelle Veränderungen stellen den traditionell grossen Einfluss von Verbänden wie Economiesuisse in Frage. Wenn sie sich auf die neuen Rahmenbedingungen einstellen, können sie aber auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.

 

Der Schweizerische Handels- und Industrieverein oder Vorort galt lange Zeit als die einflussreichste Wirtschaftsorganisation sowohl auf ökonomischer als auch auf politischer Ebene. Sein Direktor wurde auch als «achter Bundesrat» bezeichnet. Der damalige Generalsekretär und spätere Direktor Gerhard Winterberger brachte den Erfolg des Verbands 1963 folgendermassen auf den Punkt: «Wir haben uns an die demokratischen Spielregeln zu halten und sollten nach aussen nicht den Anschein erwecken, als ob wir massiven Einfluss auf das parlamentarische Geschehen ausüben wollten. Unser Einfluss in Bern ist grösser, wenn wir diskret im Hintergrund bleiben und wenn man nicht zu viel von uns spricht. Meiner Meinung nach hat sich die bisherige Methode des Vororts sehr bewährt.»

Trotz ihren sehr vielfältigen wirtschaftlichen Strukturen gelang es den Arbeitgeberorganisationen mit dem Vorort an der Spitze, eine geeinte Front gegenüber den Gewerkschaften und den politischen Behörden zu bilden. Dies erlaubte ihnen, ihre Positionen leichter in den politischen Prozess einzubringen.

Diese dominante Stellung des Vororts kam allerdings ab Anfang der 1990er Jahre unter Druck. Der heutige Präsident von Economiesuisse, Heinz Karrer, beschreibt den Wandel folgendermassen: «Etwas vereinfacht formuliert, haben sich einst zwei bis drei Wirtschaftsführer zusammengesetzt und etwas beschlossen. Das wurde dann ins Parlament getragen, und die Bevölkerung hat dem zugestimmt. Das funktioniert heute nicht mehr.»

Diese Beobachtung, die von zahlreichen Experten geteilt wird, erscheint eher paradox. Denn die mehr und mehr globalisierte Wirtschaft kommt international tätigen Unternehmen, wie sie Economiesuisse vertritt, eigentlich entgegen.

Dass der Verband dennoch nicht mehr den gleichen Einfluss hat wie früher, hat mehrere Gründe. Man kann unterscheiden zwischen Veränderungen in der wirtschaftlichen Sphäre auf der einen Seite und Transformationen in der Politik seit den 1990er Jahren auf der anderen Seite.

Die Wirtschaft driftet auseinander

Ein erster Faktor ist die Spaltung innerhalb der Wirtschaft, ausgelöst vor allem durch die verstärkte Liberalisierung des Handels auf internationaler Ebene seit den 1970er Jahren. Diese zeigte sich Anfang der 1990er Jahre mit der Publikation verschiedener Weissbücher. Angestossen wurden sie durch eine informelle Gruppe von Chefs grosser Unternehmen und einigen wirtschaftsliberalen Ökonomen – und zwar ausserhalb der Arbeitgeberverbände. Fritz Leutwiler, ehemaliger Nationalbankpräsident und ABB-Verwaltungsratspräsident, erklärte 1992: «Unser Gesprächskreis ist entstanden, weil wir uns von den offiziellen Verbänden nicht mehr richtig vertreten fühlten. Deshalb haben wir eine Art Schattenorganisa­-tion aufgezogen.»  Die Publikationen hatten einen grossen Einfluss auf die wirtschafts- und sozialpolitischen Reformen der 1990er Jahre.

Die Liberalisierung verschiedener Bereiche der Schweizer Wirtschaft hat die Spannungen innerhalb von Economie­suisse sowie zwischen den Arbeitgeberverbänden, insbesondere zwischen Gewerbeverband und Economiesuisse, verstärkt. Divergenzen sind auch zwischen dem wirtschaftlich bedeutenden Finanzsektor und der traditionellen Industrie zu beob­achten.

Ein zweiter Einflussfaktor ist, dass die Chefs grosser Schweizer Unternehmen tendenziell weniger in den nationalen Verbänden engagiert sind, dafür aktiver in internationalen Wirtschaftsorganisationen. Die Firmen sind offensichtlich weniger auf die nationalen Wirtschaftsverbände angewiesen und verfolgen eigene Lobbying-Strategien. Die Gründung des Think Tanks Avenir Suisse im Jahr 2000 durch einen Zusammenschluss von grossen Schweizer Firmen reiht sich ebenfalls in diesen Trend ein.

Schliesslich haben die ausserordentlich hohen Vergütungen der Topmanager von Schweizer Grosskonzernen deren Glaubwürdigkeit und Legitimität in der Bevölkerung stark geschadet. Dies bekommt vor allem Economiesuisse als Vertreter der wichtigsten internationalisierten Wirtschaftssektoren zu spüren, während ihre «kleine Schwester», der Gewerbeverband, in dem die KMU organisiert sind, einen besseren Ruf geniesst. Aus diesem Grund übernimmt der Gewerbeverband in vielen Abstimmungskämpfen die Führungsrolle innerhalb der Wirtschaft.

Verschiebung der politischen Gewichte

Dank des Zusammenhalts der Wirtschaft war der Vorort in der Lage, auf politischer Ebene seine Expertise und seine Interessen in der Wirtschaftspolitik zur Geltung zu bringen. Zu diesem Zweck unterhielt er privilegierte Beziehungen in die Verwaltung, insbesondere zur damaligen Handelsabteilung, dem heutigen Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Wie die Aussage Gerhard…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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