Aufstieg dank Austausch

Georgien ist das Paradies auf Erden: Mit hohen Bergen, fruchtbaren Tälern und hervorragenden Reben hat der liebe Gott es bedacht. Erst seit es auf die segensreiche Wirkung offener Märkte setzt, vermag das Land sein Potential aber auch wirtschaftlich zu nutzen.

Als Gott die Landstücke der Welt unter den verschiedenen Völkern der Erde verteilte, kamen die Georgier zu spät, und Gott hatte nichts mehr für sie übrig. Die Georgier aber brachten zu dem Treffen Kostproben von ihrem besten Wein mit. Und dieser erfreute den Schöpfer so sehr, dass er ihnen ein kleines, mit einigen Bergen und einem Meer ausgestattetes Stück Land gab, das er eigentlich für sich und seinen standesgemässen Ruhestand vorgesehen hatte.

Diese traditionelle Geschichte erzählen die Georgier, wenn sie erklären wollen, wie gut und wie alt ihr Wein ist. Besonders gern erzählen sie diese Geschichte ihren Gästen, denn nebst gutem Wein schätzen sie vor allem das Bewirten von Gästen. In einigen georgischen Gebirgsgegenden halten die Dorfbewohner einen separaten, von aussen zugänglichen Raum für verirrte oder müde Wanderer offen; fürs Frühstück werden auf einem Tisch Nüsse und Honig bereitgestellt. Kurz, es ist unbestreitbar: Die Georgier rühmen sich ihrer Kultur des Weins und der Gastfreundschaft zu Recht. Und wenn Kultur die einzige Zutat wäre, derer es zum erfolgreichen Aufbau einer Industrie bedarf, müssten wir heute niemandem erklären, wo das Land liegt – es wäre eine weltweit bekannte Tourismusdestination, und es hätte nicht bis 2010 gedauert, bis die Unesco seine traditionellen Weinbautechniken als die ältesten der Geschichte anerkannte.

Um Wein und Speise mit Touristen zu teilen – möglichst mit Gewinn –, braucht es aber mehr. Allem voran gut funktionierende Märkte, die von effizienten Institutionen getragen werden. Mithin also genau das, was Georgien bis zu den Saakashvili-Reformen von 2006 nie hatte. Zunächst einmal hatten die Georgier nie richtige Kunden, denen sie ihren Wein verkaufen konnten. Deshalb wurden keine Anstrengungen unternommen, die den historischen Nektar mit Investitionen auf den Geschmack einer bestimmten Kundschaft gebracht hätten. Restaurants wurden von der kommunistischen Ideologie als bourgeois und kapitalistisch erachtet oder besser: missachtet. Folglich wurde auch die Servicequalität nie als wichtiger (wenn nicht als wichtigster) Bestandteil der Touristenbewirtung begriffen. Speis und Trank in Georgien lehren uns also folgendes: Kultur und Geschichte helfen gewiss, diese Güter wertzuschätzen. Ohne die richtigen Institutionen sind Kultur und Geschichte aber nutzlos, wenn es darum geht, diese Güter zu verkaufen.

Sodann war auch das unternehmerische Umfeld kein günstiges. Inzwischen gibt es in Georgien intensive Debatten über Saakashvilis Regierungspraktiken, vor allem über sein Vorgehen gegen Ende des Mandats. Unbestritten ist aber, dass der Führer der Rosenrevolution den Mut hatte, die Überreste einer verrotteten, von Klientelismus und Korruption durchsetzten sowjetischen Staatsadministration komplett zu beseitigen. Er trieb rigoros den Rückzug des Staates und seiner zahllosen Institutionen voran, die eben jene behinderten, die mit georgischem Wein und georgischer Landschaft Mehrwehrt schaffen wollten. Im Innenministerium wurde aufgeräumt, sein Personal durch eine neue und jüngere Generation ersetzt und Kleinkorruption eliminiert. Administrative Prozeduren wurden verschlankt und rationalisiert, um das lokale Unternehmertum voranzubringen. Die Anzahl von Schritten, die nötig sind, um ein Unternehmen anzumelden, wurde genauso reduziert wie der zeitliche und finanzielle Aufwand für die Registration. Auch wurde das Prozedere zur Registration von Grundbesitz vereinfacht. Wo immer möglich, wurde der Kontakt mit den Behörden zentralisiert und als «One-Stop-Shop» unter einem Dach gefasst. Ein- und Ausfuhrsteuern wurden gesenkt, um die georgische Wirtschaft für ausländische Güter und Dienstleistungen zu öffnen. Die Steuervorschriften wurden überarbeitet und so umgestaltet, dass sie unternehmensfreundlicher und attraktiver für ausländisches Kapital wurden. Diese liberale Agenda ebnete Georgien den Weg zum WTO-Beitritt.

Wenn die alten Mauern einmal niedergerissen sind – was politischen Mut verlangt –, muss immer noch das ganze Gebäude gebaut werden, was eine politische Vision voraussetzt. Im Falle des Weins half der Kreml, die Vision zu schärfen: 2006 entschied Russland, die Einfuhr georgischen Weins zu verbieten. Zu dieser Zeit verkaufte Georgien 80 Prozent seiner Produktion nach Russland. Folglich erlebten georgische Bauern und Winzer eine Erschütterung, die im Rückblick aber ein Segen war: Nach acht Jahren ist die Industrie heute nicht nur in der Lage, sich auf einem globalen Level zu behaupten, sondern sie hat es auch geschafft, die traditionellen Praktiken zu bewahren. Seither hat der Export von georgischem Wein konstant zugenommen. In den ersten acht Monaten des Jahres 2014 hat Georgien Wein im Wert von 118 Millionen Dollar verkauft – das sind 85 Prozent mehr als in der Vorjahresperiode. Während das Land seinen Wein in den 1990er Jahren für weniger als einen Dollar pro Liter verkaufte, setzte es ihn im Jahr 2011 für 3.20 Dollar ab. Der kostbare Saft wird heute auf den Liter gerechnet über dem Weltdurchschnitt verkauft, was seinen Status als Luxusprodukt festigt. Ohne die oben erwähnten Reformen wäre das nicht möglich gewesen. Die Liberalisierung zog Ausländer, ihr Know-how und ihr Kapital an. Sie erlaubte es der öffentlichen Verwaltung, Wein auf viele Weisen zu fördern – Touristen, die zwischen August und Oktober nach Tbilisi flogen, erhielten eine Flasche Saperavi, Georgiens berühmteste Rebsorte.

Die Tourismusindustrie ihrerseits erlebte einen ähnlichen Erfolg wie die Weinbranche. Seit 2004 ist der Tourismus um jährlich 32 Prozent gewachsen, was hochgerechnet bedeutet, dass Georgien im Jahr 2015 fünf Millionen Touristen empfangen wird. Um einen solchen Markt aufzubauen, braucht es Firmen, die Infrastrukturen bauen, Hotels managen und eine Dienstleistungsindustrie für Touristen entwickeln. Für ein kleines Land wie Georgien mit seinen fünf Millionen Einwohnern allein wäre das unmöglich zu bewerkstelligen, wenn es nicht über eine offene Wirtschaft verfügen würde, die in der Lage ist, in allen Sektoren – von der Landwirtschaft bis zum Tourismus mit seinen Hotel- und Skianlagen – Investitionen anzuziehen. Von Zeit zu Zeit kommen heute sogar Schweizer Lawinenexperten ins Land, um die georgischen Skiressorts in der Expansionsplanung zu beraten, morgen wird Tbilisi vielleicht eine Hotelmanagementschule benötigen, und in Georgien könnten Filialen von Schweizer Hotels aufgehen. Die Liberalisierung der Märkte und der freie Austausch mit anderen Ländern erlaubt es Georgien, seine Trümpfe zu spielen, das heisst: seinen Wein zu verfeinern und zu verkaufen und seine Gastfreundschaft zu professionalisieren und zu vermarkten.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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