Auf die harte Tour?

Über Liberalismus, Nationalismus und Sozialismus im Europa von morgen. Ein Kommentar.

Was Politik und Wirtschaft angeht, hatte die intellektuelle Elite Europas in den letzten drei Jahrhunderten drei grosse Ideen. Eine sehr, sehr gute und zwei andere sehr, sehr schlechte.

Die erste, ausgehend im achtzehnten Jahrhundert von den Federn von Leuten wie Voltaire, Tom Paine, Mary Wollstonecraft und vor allem vom gesegneten Adam Smith, ist, wie Smith es nannte, «jedem Mann [oder Frau, herrje!] zu erlauben, ihre eigenen Interessen auf ihre eigene Weise zu verfolgen, aufbauend auf der liberalen Idee von Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit». Der Durchbruch des Liberalismus im neunzehnten Jahrhundert, und auch im zwanzigsten, als er sich schliesslich gegen die beiden schlechten Ideen durchsetzen konnte, zeitigte erstaunliche Ergebnisse: Er machte gewöhnliche Leute wagemutig genug, Verbesserungen nicht nur zu erhoffen, sondern auch auf Märkten auszuprobieren. Die Kühnheit, mit der sie ihre eigenen Interessen verfolgten, resultierte in der «Grossen Bereicherung». Damit gemeint ist: eine Steigerung der europäischen Pro-Kopf-Einkommen um 3000 Prozent zwischen 1800 und heute

Die beiden anderen Ideen – sehr, sehr schlecht – waren Nationalismus und Sozialismus. Beide reduzierten die Einkommen. Falls Sie sie aber trotzdem aus irgendeinem Grunde schätzen, gefällt Ihnen vielleicht auch die im Jahre 1922 eingeführte und in Europa bis heute populäre Kombination: der Nationalsozialismus.

Doch eins nach dem anderen. Als der Nationalismus im frühen neunzehnten Jahrhundert theoretisiert wurde, wurde er mit der Romantik verzahnt, obwohl er in England natürlich bereits Hunderte von Jahren alt war. Er hat Nationalismen in Frankreich und Schottland und schliesslich in Irland angefacht. In Form von übertriebenem Lokalpatriotismus und dem Stolz der Städte war er in Italien sogar noch älter. Werden Italiener gefragt, woher sie kommen, antworten sie deshalb bis heute «Florenz» oder «Rom» – auch wenn sie mit Ausländern sprechen.

«Nun droht das Brexit-Votum den Nationalismus wieder aufleben zu lassen.»

Schlecht am Nationalismus ist, dass er zu Kriegen führt. Wir in der Anglosphäre «feierten», wenn es das treffende Wort ist, im Juli 2016 das 100-Jahr-Jubiläum der Schlacht an der Somme, die bis zu ihrem Ende – Mitte November 1916 – die Alliierten und die Mittelmächte über eine Million Opfer gekostet hatte. Dieses Übel des Nationalismus zu ersetzen, und zwar mit dem alten liberalen Trick, Menschen miteinander Handel treiben zu lassen, war das ursprüngliche Ziel der Römischen Verträge, die 1957 von Belgien, der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und den Niederlanden unterzeichnet wurden. Lange ging der Plan auf. Nun droht aber das Brexit-Votum der Briten den Nationalismus wieder aufleben zu lassen, und zwar in seiner unangenehmsten und kriegsanfälligsten Form: der des Nativismus, wie er bereits anlässlich der Bundespräsidentenwahl in Österreich oder von der Lega Nord zur Schau gestellt wurde.

Die andere sehr, sehr schlechte europäische Idee war der Sozialismus. Seine Wurzeln lassen sich in der langen Tradition eines säkularisierten Christentums verorten: sie erwachsen aus der zentralen Botschaft der Bergpredigt, der Barmherzigkeit. Schlecht am Sozialismus ist bloss, dass er letztlich zu Armut führt. Selbst in seiner reinsten Form – im blossen Wunsch, die wohligen Gefühle der Gleichheit innerhalb unserer Familien über sie hinaus zu verlängern – verhindert er Verbesserungen, die erst durch Markterprobung entstehen können. Seine Resultate können mit denen, die durch freies Ausprobieren entstehen, niemals mithalten. Noch dürftiger in ihrem Ergebnis sind die nichtreinen Formen des Sozialismus. Anschaulich wird dieses Übel anhand dessen, was aus den späteren Verträgen der Europäischen Union hervorging. Die Bürokraten in Brüssel stärken die Kräfte des Handelsliberalismus seit geraumer Zeit nicht mehr, sie hemmen sie, indem sie eine flächendeckende Flurbegradigung vorantreiben. Diese zwingt alle Mitglieder, egal ob Nord oder Süd, Ost oder West, sich dem «Besten» zu fügen. Dem Besten für wen? Für Frankreich und Deutschland, hauptsächlich. Die ständige Regulierung und Normierung erzürnt Italiener, deren beste Geschäfte…