Auf der Kippe

Ein Plädoyer für den Staat. Aber nicht für irgendeinen!

Auf der Kippe
Kaspar Villiger, photographiert von Philipp Baer.

I.

Der Mensch alleine, in der Wildnis auf sich gestellt, den Unbilden des Klimas ausgeliefert, von Mikroben bedroht und von Raubtieren attackiert, hat kaum grössere Überlebenschancen. Schon gar nicht entwickelt er eine Kultur. Daraus ergibt sich eine erste banale Folgerung: Menschen müssen sich zusammentun, um zu überleben. Sie wurden zunächst Jäger und Sammler in Gruppen. Einige wurden mit der Zeit sesshaft und betrieben kargen Ackerbau auf der Basis der Familiengemeinschaft. Der nächste Entwicklungsschritt war dann eine erste Arbeitsteilung. So merkten etwa die Bauern in den Talschaften der Waldstätten um die erste Jahrtausendwende, dass es allen besser geht, wenn man von der kargen Subsistenzwirtschaft zur arbeitsteiligen Viehwirtschaft wechselt und Häute, Milch, Käse und Butter gegen Getreide aus dem Mittelland tauscht. Das führt zu einer zweiten schon weniger banalen Folgerung: Arbeitsteilung schafft Wohlstand. Die Jäger und Sammler wurden zwanzig, ausnahmsweise mal dreissig Jahre alt. Heute stellen wir uns die Frage, ob hundert Jahre wirklich eine obere Grenze darstellen. Während vor historisch kurzer Zeit in fast allen Ländern die grosse Mehrheit der Menschen bitterarm waren, von Seuchen geplagt wurden, periodisch unter Hungersnöten litten und unter Unterdrückung ächzten, geniessen Menschen heute in erfolgreichen Ländern historisch beispiellosen Wohlstand, bildet sich in Schwellenländern ein gebildeter und durchaus wohlhabender Mittelstand und geht es selbst Sozialhilfeempfängern in wohlhabenden Ländern wesentlich besser als dem Durchschnittsbürger vor hundertfünfzig Jahren. Der frischgebackene Nobelpreisträger für Ökonomie, Angus Deaton, weist denn auch mit akribischen Messungen nach, dass sich die Welt in den letzten Jahrzehnten massiv verbessert habe.1 Steven Pinker diagnostiziert eine signifikante Abnahme der Gewaltanwendung im Laufe der Jahrhunderte.2 Millionen Menschen reisen täglich als Touristen und Geschäftsleute sicher, billig und bequem in die entlegensten Winkel der Welt, und noch nie hatten so viele Jugendliche die Möglichkeit, sich gemäss ihren Neigungen und Talenten auszubilden. Daraus ergibt sich eine dritte Folgerung: Es gibt offensichtlich staatliche Organisationsformen, welche Menschen die Erarbeitung breit verteilten Wohlstandes ermöglichen.

Die Erfahrung, dass derselbe Menschenschlag gleichzeitig eine wirtschaftlich erfolgreiche Bundesrepublik und eine ärmliche DDR oder ein Süd- und ein Nordkorea aufbauen kann, führt zur vierten Folgerung: Offensichtlich ist es gar nicht der Menschenschlag, der für Erfolg oder Misserfolg eines Landes ursächlich ist, sondern die staatliche Organisationsform. In gescheiterten oder nicht existenten Staaten ist es offensichtlich noch schlimmer. Eine dünne Oberschicht mit mafiösen oligarchischen Strukturen beutet eine machtlose und mausearme Mehrheit gnadenlos aus. Das ist die fünfte Folgerung: Gar kein Staat ist auch keine Lösung.

 

II.

Der Menschheit ist es noch nie so gut gegangen wie heutzutage, allerdings nur im Mittel! Denn störende Flecken auf der Weltkarte irritieren: Blutiger Terror, zerfallende Staaten, aggressiver religiöser Fundamentalismus, internationales Verbrechen, gewissenlose Wirtschaftskriminalität, endlose Flüchtlingsströme, brutale Unterdrückung, bittere Armut sind in den Schlagzeilen allgegenwärtig. Offenbar können wir nicht davon ausgehen, dass sich der Mensch zum Besseren verändert hat. Die Wissenschaft legt Schicht für Schicht unserer Unvollkommenheiten frei. Die kognitiven Verzerrungen, von denen unser so eindrückliches Wunderwerk, das wir Gehirn nennen, befallen werden kann, lässt die bange Frage aufkommen, ob überhaupt Vernunft noch eine der massgebenden Triebkräfte der Politik sei. Sind die Menschen im Grunde noch so befangen und unberechenbar wie eh und je?

Vor lauter Hiobsbotschaften vergessen wir gerne all das Grossartige, das tagaus, tagein im Grossen wie im Kleinen von Menschen auf dieser Welt geleistet wird. Von Psychologen wissen wir, dass Menschen am Negativen stärker interessiert sind als am Positiven. Weil das auch die Medien wissen, werden wir tagtäglich mit einer Überzahl negativer Meldungen berieselt. Das verzerrt unsere Wahrnehmung der Realität. Das wiederum hat Folgen für die Politik, weil Wahrnehmung und nicht Fakten unser Handeln bestimmen.

Die Menschen haben sich im Grunde über die Jahrtausende kaum verändert. Das Gute wie das Böse, wie…