Auf dem Vordach Europas

Russischkenntnisse empfohlen, Trinkfestigkeit unabdingbar: Wer im Kaukasus auf Berge steigen will, braucht anderes Rüstzeug als in den Alpen. Ein Selbstversuch am sagenumwobenen Kazbek.

Auf dem Vordach Europas
Der Kazbek, photographiert von Claudia Mäder.

 

Mütter sind Mütter. Ob sie an der Zürcher Pfnüselküste oder im kaukasischen Bergdorf wohnen: Manchmal können sie nur den Kopf schütteln über ihre Kinder. Wie er den nun stundenlang tragen wolle, scheint die kleine Frau mit Verweis auf den bis unter die Deckeltasche gefüllten Mammut-Rucksack ihres schmächtigen Sohns zu fragen, doch sicher bin ich mir nicht. Prüfend hebt sie dann aber auch mein Gepäckstück hoch – und eilt entsetzt in die Küche, um uns mit zuckrigem Kaffee zu stärken. Tatsächlich, denke ich in der kleinen georgischen Stube, könnte dem jungen Mann etwas zusätzliche Muskelmasse nicht schaden, zumal er nebst seinen 60+ Litern im Notfall auch meine 60+ Kilo müsste halten können. Aber glücklicherweise fehlen mir für solche Bedenken die Worte. Ich verlege mich auf ein universal verständliches Lächeln, warte, bis Beqa sich von seiner Mutter verabschiedet hat, und nehme gutgläubig an, dass sich der Segen, den sie ihm mit auf den Weg gibt, auch auf mich erstreckt.

Wir machen uns an diesem strahlenden Septembermorgen auf, einen mythischen Berg zu besteigen: Von Gergeti, einem auf 1800 Metern gelegenen Dorf im Terektal, wollen wir in drei Tagen zum Kazbek gelangen, einem Kaukasusgiganten, der 5047 Meter erreicht. Sechs höhere Berge zählt die kaukasische Kette zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer, und selbst Georgien hat zwei Gipfel vorzuweisen, die den Kazbek überragen. An Schönheit und Anziehungskraft aber ist der «Schneeberg» (nach seinem georgischen Namen «Mkinvari») nicht zu übertreffen: Ins milde Herbstlicht getaucht, erscheint der erloschene Vulkan bei unserer ersten Rast wie ein brüderlicher Riese, vollendet geformt und allem entrückt.

Schon die abenteuerlustigen Wissenschafter, die den Kaukasus vor rund 200 Jahren zu bereisen, vermessen und beschreiben begannen, bemerkten die Besonderheit dieses Berges. Seit die aufgeklärte Katharina II. 1767 Weisung gegeben hatte, das ganze russische Reich zu erforschen, und spätestens als dazu ab 1810 auch der gesamte Südkaukasus gehörte, setzten sich zahlreiche, namentlich auch deutsche Gelehrte in Bewegung, um «diese geheimnisvolle Werkstatt der Natur, welche die Kindheit des Menschengeschlechts mit so vielen Fabeln zu verschönern versucht hat», zu erkunden. Weder die ihren Diplomatengatten begleitende Friederike von Freygang, die diesen Satz 1811 in «Kasibeg» verfasste, noch irgendein anderer Kaukasusreisender kam dabei um den Kazbek herum. «Somewhat unfairly», hielt 1868 der englische Erstbesteiger Douglas Freshfield fest, stelle der Kazbek gar den Elbruz in den Schatten und geniesse allenthalben grösseres Ansehen als sein höchster kaukasischer Nachbar.

Erklären mag sich dies durch die geographische Lage des Kazbek. Der Fünftausender flankiert die Darialschlucht, jenes Nadelöhr zwischen Georgien und Russland, das seit Anfang des 19. Jahrhunderts von der 226 Kilometer langen Heerstrasse zwischen Tbilisi und Vladikavkaz durchstossen wird, tatsächlich aber schon seit Menschengedenken als entscheidender Grenzposten gilt. Plinius beschrieb die Schlucht als «kaukasische Pforte», die, einem eisenbeschlagenen Tor gleich, das bis hierher gelangte römische Reich gegen Osten abdichte, und den Griechen der Archaik bezeichnete sie gar das Ende der Welt – hinter ihr ahnten die in den Schwarzmeerraum vorgedrungenen Siedler nurmehr Dunkelheit. Als östlichster Kaukasusgipfel war der Kazbek demnach nicht nur Grenzwächter, sondern auch Symbol für grösstmögliche Ferne: An diesen entlegensten aller Berge, so die Sage, soll Prometheus gekettet gewesen sein; hier, so heisst es bei Apollonios, sollen die Argonauten sein seufzendes Wimmern vernommen haben – und die Flügelschläge des Adlers, der täglich herbeiflog, um sich an seiner Leber zu laben.

 

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Weniger behend als der König der Lüfte gewinnen auch wir an Höhe. Oberhalb eines vom Gletscherfluss ausgefressenen Tals steigen wir über lieblich begrastes, allmählich steiniger und steiler werdendes Terrain unserem Tagesziel entgegen: einem 1937 errichteten meteorologischen Observatorium, das inzwischen zur Berghütte umfunktioniert worden ist und auf 3653 Metern unter dem Slogan «Top of Georgia» als Basisstation für…

Korruption kriegt die Quittung

23 Hühner für ein Staatsbankett? In Georgien können die Bürger kritisch prüfen, was sich ihre Politiker genehmigen. Kein anderes Land hat im letzten Jahrzehnt effektiver gegen Korruption und Misswirtschaft gekämpft – mit politischem Willen, neuen Technologien und den richtigen Anreizen.

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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