Auch keine gute Idee: Negativzinsen

Die Schweizerische Nationalbank agiert souverän. Doch Negativzinsen auf Schweizer Franken sind wirtschafts- und sozialpolitisch mehr als fragwürdig. Sie treffen die Falschen und gehören darum abgeschafft.

In einem sind sich die Notenbankbeobachter einig: Je besser die Geldpolitik ist, desto weniger Beachtung findet sie. Wenn heute die Zeitungen fast täglich über die Aktivitäten der Notenbanken berichten, die Pressekonferenzen der Notenbanken zu medialen Grossereignissen und viele Vorträge über Geldpolitik gehalten werden, dann zeigt das vor allem eines: im monetären Bereich liegt vieles im Argen.

Eigentlich sollte es das Ziel jeder Notenbank sein, eine für jedermann voraussehbare und verständliche Politik zu verfolgen. Davon sind wir seit einigen Jahren meilenweit entfernt. Niemand weiss, wie lange die Liquiditätsschwemme in den USA und im Euroraum noch anhält und wann und wie sie wieder abgebaut werden soll. Auch wenn die Europolitiker nicht mehr über einen Grexit sprechen wollen, bedeutet dies noch lange nicht, dass die Frage einer Aufspaltung des Euroraums vom Tisch ist. Gift für die Entwicklung der Weltwirtschaft ist zudem die seit einiger Zeit zu beobachtende kompetitive Abwertung der wichtigsten Währungen – die Effekte sind längst für alle spürbar (und für die Aufmerksamen unter den Betroffenen auch nachvollziehbar).

 

SNB: Gut gefahren

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) war und ist – soweit ich deren Äusserungen in den letzten Jahren richtig interpretiere – der Überzeugung, dass eine unabhängige nationale Geldpolitik trotz der grossen Wechselkursschwankungen die beste Lösung sei. Die verbreitete Vorstellung, dass die Schweiz vor strukturellen Problemen gefeit sei und deshalb auf eine unabhängige Geldpolitik verzichten könne, ist in der Tat falsch. Seit der Einführung flexibler Wechselkurse vor vierzig Jahren war die Schweiz unter anderem mit einer Uhren-, Textil-, Immobilien- und Bankenkrise konfrontiert. Diese Krisen konnten nicht zuletzt dank eines flexiblen Vorgehens der Nationalbank gut gelöst werden. So schloss beispielsweise die Nationalbank im Jahr 1976 mit der Textil- und Uhrenindustrie eine Vereinbarung über vergünstigte Devisentermingeschäfte ab. Oder bei der Bankenkrise im Jahr 2008 sorgte die Nationalbank für ausreichende Liquidität im Bankensystem und übernahm illiquide Vermögenswerte der UBS.

 

Die Lektion aus früheren Negativzinsen

Von einem theoretischen Gesichtspunkt aus gesehen, fühlte sich die SNB bei ihrem Entscheid für eine eigenständige Geldpolitik auf einem sicheren Pfad. Doch zeigte sich rasch, dass es in einem instabilen weltwirtschaftlichen Umfeld kein geldpolitisches Konzept gibt, an dem man unbesehen festhalten kann. Immer wieder treten Ereignisse auf, die eine Notenbank zwingen können, vorübergehend vom eingeschlagenen Weg abzuweichen. Dabei ist entscheidend, dass das Ziel nicht aus den Augen verloren geht.

Nach dem Übergang zu flexiblen Wechselkursen im Jahre 1978 waren selbst die glühendsten Befürworter des Systemwechsels vom Ausmass der Wechselkursschwankungen überrascht. Vor allem die Länder, die wie die Schweiz oder Deutschland eine auf Preisstabilität ausgerichtete Geldpolitik verfolgten, waren mit Aufwertungen konfrontiert, die alle Vorstellungen sprengten. Die Aufwertungen gingen oft weit über das aufgrund der Kaufkraftparitätentheorie erwartete Ausmass hinaus. Entsprechend laut war die Kritik der Exportindustrie. Anfänglich hatten die Ökonomen keine plausiblen Erklärungen für die enormen Schwankungen. Die Nationalbank versuchte die Aufwertung durch verschiedene Massnahmen zu bändigen. So wurde versucht, mit Interventionen am Devisenmarkt die Wechselkursentwicklung zu glätten. Anfänglich schienen die Interventionen Wirkung zu zeigen, doch bereits nach kurzer Zeit verpufften sie. Spätere Untersuchungen zeigten, dass Devisenmarktinterventionen keine längerfristige Wirkung haben, wenn der Devisenmarkt nicht davon überzeugt ist, dass die Interventionen von einer dauerhaften Änderung in der Geldpolitik begleitet sind. Trotz dieser Erkenntnisse intervenierte die Nationalbank weiter. Sie wollte damit dem Devisenmarkt signalisieren, dass nach ihrer Meinung der Wechselkurs in diesem Zeitpunkt den wirtschaftlichen Gegebenheiten nicht entsprechen würde.

Bei der Wechselkurskrise von 2011 glaubte die Nationalbank aus mir unverständlichen Gründen, mit geheimen Interventionen rund um die Welt und die Uhr eine grössere Wirkung erzielen zu können. Doch auch mit dieser Taktik konnte keine nachhaltige Wirkung erzielt werden. Beliebt, aber unwirksam waren die regulatorischen Massnahmen gegen den Zufluss von Kapital aus dem Ausland.…