Auch keine Currywurst

Es muss nicht immer Kaviar sein, wusste schon Johannes Mario Simmel. Manchmal tut’s auch eine Currywurst. Die ist in der Welt der Feinschmecker das, was der Kriminalroman in der Literatur ist: im besten Fall eine deftige Gaumenfreude für den ansonsten äusserst verfeinerten Geschmack, ein Kitzel der Nerven, den viele literarische Gourmets ab und an durchaus geniessen. Adorno las mit Vergnügen Leo Perutz, andere bevorzugen Wilkie Collins oder Joseph Sheridan Le Fanu. Auch Arthur Conan Doyle oder Agatha Christie, um das Niveau etwas abzusenken, haben ihre Liebhaber. Ein allzu grosser, über das eigene Metier hinausreichender Anspruch schadet in solchen Fällen meist. Nicht immer, das weiss ich, aber meist.

Leider kann Charles Lewinsky diesen Anspruch nicht verleugnen. Sein Roman aus der französischen Provinz will Literatur sein und Krimi zugleich. Er erzählt die Geschichte eines älteren Lehrers, der sich nach seiner vorzeitigen Pensionierung – er hatte ein Verhältnis zu einer Schülerin –, in dem kleinen Dörfchen Courtillon vergräbt. Hier scheint die Welt noch weitgehend in Ordnung und ein bisschen langweilig zu sein. Die Dinge gehen ihren geregelten Gang. Wunderbare Figuren bevölkern die Idylle: Mademoiselle Millotte, die äusserlich vertrocknet, innerlich aber sehr lebendig in ihrem Rollstuhl sitzt und die Welt um sich herum mit klugen Augen beobachtet und meist auch durchschaut, der Handwerker Jean Perrin, Saint Jean genannt, dessen praktischer Verstand alle Widerstände der Dinge überwindet, aber an den Menschen scheitert, oder Le juge, der ehemalige Richter, der hinter der Maske des Zynikers ein Moralist ist. Sie alle werden glänzend geschildert, wie auch die kleine Welt mit ihren wenigen Strassen, ihren Gärtchen und immer gleichen Ritualen, die ihre Bewohner gefangen hält, ohne dass sie sich dessen bewusst wären.

Doch die Idylle ist brüchig. Daran lässt der Autor keinen Zweifel. Wer, wie ich, selbst aus einem Dorf kommt, weiss das. Idyllen sind immer brüchig. Für diese Erkenntnis braucht es keine Gewalttaten. Die aber tischt Lewinsky auf. Mademoiselle wird erschossen, Saint Jean der Vergewaltigung angeklagt, junge Mädchen arbeiten sich an ihrem sexuellen Trauma ab, die Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs und das Gespenst der Résistance sind noch lebendig und spuken durch die Köpfe. Hier wird vom Autor auf recht plakative Weise eine nur trügerisch geordnete Welt aus den Angeln gehoben, hinter der sich bürgerliche Abgründe öffnen und verdrängte Dämonen ihr Unwesen treiben, eine Welt, die am Ende aber doch den Sieg davonträgt: ihr Name lautet Provinz. Mord und Totschlag werden benutzt, um, für jeden sichtbar, auf kurze Zeit die Statik dieser scheinbar heilen Welt zu zerstören.

Das ist ein bisschen billig. Und auch die Auflösung der Rätsel und Geheimnisse ist hier eher wenig aufregend. Ausserdem kommen die wirklich Schuldigen davon. Dies mag der Realität entsprechen, ich schätze das aber nicht, und es widerspricht der Tradition des Krimis als säkularisiertem Mysterienspiel: Simulationen einer wiederherstellbaren, intakten Ordnung der Welt. Dort hat die Erlösung vom Bösen am Ende zu stehen. Wo kämen wir sonst hin? Der aber verweigert sich Lewinsky.

«Courtillon ist nur eine Geschichte, mit der ich mir die Zeit vertreibe, bis das richtige Leben weitergeht. Eine Wartezimmer-Illustrierte, etwas zum Lachen, etwas zum Weinen, vermischte Meldungen … . Mädchen aus dem Fenster gesprungen, Mann beim Pilzesammeln verprügelt, Geldkurier erschossen, was man so braucht als Gesprächsstoff.» Das steht auf Seite 93. Viel mehr passiert auf den folgenden 223 Seiten auch nicht. Es ist für einen gelungenen Krimi zu wenig, für einen guten Roman aber womöglich schon zuviel.

besprochen von Gerald Funk, Marburg

Charles Lewinsky: «Johannistag». Müchen: Nagel & Kimche, 2007.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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