Asentimentale Alpensymphonie

«Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben» oder «Ich möchte erzählen können, ohne irgend etwas dabei zu erfinden». So liest man bei Max Frisch, und liest sie immer wieder, diese Werke: «Stiller», «Homo faber», «Mein Name sei Gantenbein», «Montauk», die «Tagebücher» oder «Der Mensch erscheint im Holozän», in denen sich das Erzählen stets aufs Neue erfindet. Was aber liest man vom frühen Frisch? Das «Kleine Tagebuch einer deutschen Reise» von 1935, in dem er dem nationalsozialistischen Deutschland begegnet? Oder den Roman «Jürg Reinhart» von 1934, mit dem für Frisch unwahrscheinlichen Untertitel «Eine sommerliche Schicksalsfahrt»?

Aus der Feder des Architekturstudenten, jungen Schweizer Patrioten und geistigen Landesverteidigers von anno dazumal liegt nun seine 1937 erschienene «Erzählung aus den Bergen» vor, die er später nicht mehr publiziert sehen wollte, obgleich sie den sinnigen Titel trug «Antwort aus der Stille». Vor über zehn Jahren hat Urs Bircher mit seiner Biographie des frühen Frisch («Vom langsamen Wachsen eines Zorns») mit der (vor)lauten These Staub aufgewirbelt, der junge Schriftsteller habe «zwölf Jahre lang unter dem Druck der nationalsozialistischen Ideologie» gestanden. Er hätte «Antwort aus der Stille» genauer lesen müssen, so genau zumindest wie Peter von Matt dies in seinem ebenso knappen wie grossartigen Nachwort vorgeführt hat, in dem er zeigt, wie deutlich Frisch in dieser Erzählung «Heroismuskritik» betrieb. Den Hintergrund dieser Liebes- und Alpengeschichte bildet das «europäische Schauspiel» um die Erstdurchsteigung der Eigernordwand, die – entsprechend propagandistisch ausgebeutet – im Sommer 1938 einem deutsch-österreichischen Team gelang. Zuvor gab es tödliche Versteigungen zu beklagen; das Wort von der «Mordwand» ging um.

Frisch komponierte aus diesem Material eine asentimentale Alpensymphonie in Prosa mit beinahe tödlichem Ausgang. Der Bergsteiger, ein an seiner Existenz als Lehrer und Leutnant irre werdender «Wanderer», kehrt als Versehrter aus der Wand zurück; er wird dahinleben – mit Barbara wohl, seiner ihm entfremdeten, aber sich um ihn sorgenden Verlobten; wohl nicht mit Irene, einer mit einem Invaliden in Dänemark verheirateten Ausreisserin, der er auf seiner Wanderung zwischen den Welten begegnete und mit der er eine Liebesnacht in höchsten Höhen verbrachte. Das Frisch-Problem Schuld und Gewissen sieht sich schon in dieser Erzählung eindringlich vorgeführt. Es ist auch dann nicht gelöst, als die beiden Frauen um ihren an der Nordwand sich versteigenden Liebhaber bangen und gewissermassen zu Schwestern in Liebesnot werden.

Dieser Wanderer wollte nicht länger ein Durchschnittsmensch sein, und buchstäblich über sich hinausgehen, und sei es ins Nichts. Er nimmt am Gebirge Mass und lernt auf die Stille hören. «Es ist, als löse sie alles Denken auf, diese Stille, die über der Welt ist; man hört nur noch sein eigenes Herz, das klopft, oder mitunter den Wind, der in den Ohrmuscheln saust.» Diese Prosa verdichtet, ohne dass man dies beim Lesen sogleich spürte. Keine Bergromantik kommt auf; die Sprache wirkt so karg wie die hochalpine Vegetation. Und selbst die gesprächige Irene wird angesichts der Gewalt der Berge zunehmend stiller in dieser auf jeder Seite gespannten Atmosphäre. Um dieser Erzählung gerecht zu werden, vergegenwärtige man sich, wie man im Jahre 1937 auf Deutsch geschrieben hat; dann wir man nicht anders können, als dieser Prosa einen verkappten Avantgardismus zu bescheinigen. Versteinern die Herzen vor den Felsen? Verstummt der Mensch vor deren Stille? Oder stillt diese Stille den Gefühlshunger? Ihre Antwort will befragt sein.

vorgestellt von Rüdiger Görner, London

Max Frisch: «Antwort aus der Stille. Eine Erzählung aus den Bergen». Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2009

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