Immer wieder geben Handys, Tablets & Co. an den Schulen zu reden. Sind diese digitalen Begleiter mehr als Statussymbole, Ablenkungen oder virtuelle Spickzettel? Der «Schweizer Monat» hat zu diesen Fragen einige E-Mails mit dem Schule-und-Social-Media-Experten Philippe Wampfler ausgetauscht.

Lieber Phillippe Wampfler – was sagen Sie als Experte für Social Media in den Schulen zu folgendem Auszug aus der Hausordnung der Volksschulen der Stadt Zürich (Art. 10, Abs. 4): «Mobiltelefone, MP3-Player und andere elektronische Geräte dürfen von Schülerinnen und Schülern im Schulhaus und während der Pausen auch auf den Aussenanlagen nicht benützt werden. Die Geräte müssen ausgeschaltet und nicht sichtbar versorgt sein. Bei Verstoss gegen diese Regelung kann das Gerät vom Schulpersonal konfisziert und zur Abholung durch die Erziehungsberechtigten bereitgehalten werden.»

«Der Freiheit der Lehre entspringt die Freiheit des Lernens», heisst es in Jaspers «Idee der Universität». So habe ich das als Schüler erlebt und so denke ich auch als Lehrer. Nur: In der Adoleszenz entwickeln sich Jugendliche auch über Reibungen mit den Erwachsenen. Insofern hat jede Regelung auch eine pädagogische Funktion, so auch diese. Zudem stellt sie zumindest in der Theorie sicher, dass die Schule ein Schonraum ist, in welchem Lernende ohne Angst vor Konsequenzen Fehler machen können. 

Was sagen Sie dazu, dass alle Geräte – Handy, MP3-Player, Playstation Vita – in denselben Topf geworfen werden?

Das ist für mich nicht relevant. Alle diese Geräte verbinden Unterhaltung und informelles Lernen, Kommunikation und Lifestyle.

Kann man Verbote wie in der Volksschul-Hausordnung durchsetzen?

Das kommt darauf an, wie viel Energie die Schulen darauf verwenden wollen. Schulen haben in der Geschichte schon viele Verbote durchgesetzt – man darf sich einfach nicht einreden, dass das nichts kostet.

Welches sind denn die  Alternativen zu einem Verbot?

Ein «Code of Conduct» oder ein Leitbild, das man gemeinsam entwirft. Klassen bestimmen selbst, welcher Umgang mit Technologie für sie lernförderlich ist. Sie übernehmen auch die Verantwortung dafür und reflektieren, statt zu gehorchen. Smartphones sind Kulturzugangsgeräte. Ihr Einsatz muss geübt werden, er ist nicht selbstverständlich.

Laut einer Studie der London School of Economic (LSE) ist das unstrukturierte Verwenden von Mobiles etc. der Lernleistung schwacher Schüler abträglich. Was sagen Sie dazu?

Diese Studie misst die «performance» der Lernenden in Korrelation zu Handyverboten. Es erstaunt mich nicht, das Leistungsmessungen, die mit dem aktuellen medialen Umfeld nichts zu tun haben, in traditionellen Settings bessere Resultate erzielen. Die Handynutzung absorbiert Aufmerksamkeit. Auch das ist keine aufregende Erkenntnis, finde ich.

Was bringt Ihrer Meinung nach mehr: ein Verbot oder frühzeitiges Einbinden auch von Mobiles et cetera in den Lehrplan?

Mit einem Verbot nimmt man Kinder und Jugendliche aus der Verantwortung, man ersetzt den Aufbau von Kompetenzen durch Autorität. Meine pädagogische Haltung gibt die Verantwortung für das Lernen konsequent an die Lernenden ab. Deshalb gehört auch das Einbinden von Werkzeugen selbstverständlich dazu. Wie soll der Umgang mit Smartphones sonst gelernt werden?

Laut der LSE-Studie kann ein Verbot von Mobiles in den Schulen ein Weg sein, Lernungleichheiten zu beseitigen. So kann man konzentrationsschwächeren Schülern helfen. Was sagen Sie dazu?

Die Beseitigung solcher Ungleichheiten ist eine wichtige Aufgabe der Schule. Es wäre jedoch besser, konzentrationsschwächere Schülerinnen und Schüler zu befähigen, statt sie zu bevormunden.

Ein in der Studie erwähnter Weg, die Schüler zu besseren Leistungen zu bringen, ist es, wenn Lehrer den Eltern per SMS die Aufgaben mitteilen.

Auch hier wird Verantwortung abgegeben, dieses Mal an die Eltern. Überwachung und Kontrolle sind grundsätzlich schwache Mittel, wenn Bildung einen langfristigen Effekt haben soll, weil sie auf ungünstige Formen von Motivation abzielen. Wenn Lernende Hausaufgaben nicht erledigen, könnte man sich zunächst einfach mal fragen, warum das so ist, statt Druck aufzubauen.

Sie sind ein Vertreter der Einbindung von Mobiles und Socials in den Lehrplan und Gymnasiumslehrer. Wie sehen Sie das Thema auf den Stufen Kindergarten, Primar- und Sekundarschule et cetera? Anders gefragt: Gibt es Ihrer Meinung nach ein «Mindestalter», ab dem man den Kindern solche «digitalen» Fähigkeiten beibringen soll?

Klar ist, dass Kompetenzen an die kognitive Entwicklung angepasst werden müssen. Allerdings geht das mit modernen Lernwerkzeugen problemlos. Ich verstehe beispielsweise nicht, warum die Lese- und Schreibesozialisierung an Schweizer Schulen immer noch komplett analog erfolgt.

Brauchen Kinder ein digitales «Schutzalter»? Oder gilt die Regel, je früher sie den digitalen Möglichkeiten ausgesetzt sind, desto besser?

Solche einfachen Regeln sind meist falsch. Wenn Mathematik mit den richtigen Apps auf die individuellen Lernfortschritte angepasst werden kann, dann sind das sicher bessere Übungsaufgaben als ein Mathematikheft. Es braucht also weder eine generelle Schutzphase noch eine flächendeckende Pflicht zur Digitalisierung. Ich glaube ohnehin nicht an eine klare Grenze zwischen analoger und digitaler Sphäre, die sind immer miteinander verbunden. Wichtig ist einfach, dass Kinder und Jugendliche regelmässig verschiedene Erfahrungen machen. Wenn Mathematik oder Musik am Tablet gemacht wird, dann sollen sie trotzdem viel turnen und jede Woche in den Wald.

Liegt das Problem der Einbindung von Mobiles und Socials in die Lehrpläne eher an den Schülern oder den Lehrern?

Am System und den Schulvorstellungen in den Köpfen. Innovationen haben in der Schule immer einen schweren Stand.

Was erwidern Sie auf Bedenken, dass Mobiles dazu führen, dass sich Kinder und Jugendliche in den Schulpausen zunehmend abkapseln und nur noch am Kopfhörer hängen, statt zusammen eine gute Zeit zu haben?

Das sind Vorstellungen von Erwachsenen, die nicht verstehen, wie Jugendliche kommunizieren. Seit Jahren ist die wichtigste Freizeitbeschäftigung von Jugendlichen die Zeit mit Freunden. Die mobile Kommunikation hat daran bisher nichts geändert.

Einerlei, wie souverän der einzelne Schüler mit seinem Mobile und den Socials umgeht: viele Probleme rühren ja von «den Anderen» her. Schnell sind Bild und Ton in den Socials, ohne dass man einverstanden ist – Stichworte Mobbing und Shitstorm. Was kann man dagegen tun – als Lehrkraft oder als Schüler?

Darüber reden. Die Rechte müssen ins Bewusstsein gerückt werden. Wenn Jugendliche und Lehrkräfte darauf vertrauen können, dass sie souverän mit Konflikten umgehen können, entspannen sich solche Fragen schnell.

Was können Fachstellen hier erreichen?

Sie können Support leisten. Viele Lehrkräfte kennen sich mit den aktuellen Entwicklungen im Netz nicht aus und mögen es nicht, mit Jugendlichen darüber zu sprechen. Da können externe Fachleute weiterhelfen.

Im Web ist alles immer erreichbar – jede Quelle, jede Aussage, und jedes Gegenteil von jeder Aussage. Was kann man machen, damit die Schüler lernen, die immensen Möglichkeiten positiv einzusetzen, und zugleich lernen, Quellen einzuschätzen auf Verlässlichkeit?

Das muss man üben und erfahren. Es wäre aber überheblich zu meinen, analoge Quellen seien gut auf ihre Qualität einzuschätzen. Viele Erwachsene meinen einfach, was in einem Buch steht, stimme. Ich denke nicht, dass mit dem Netz hier eine grundsätzliche Neuerung eingetreten ist. Erschwerend sind vielmehr die Empfehlungen von sozialen Kontakten, die mir zweifelhafte Seiten in die Timeline spülen. Doch Menschen haben einander schon immer Nonsense erzählt. Eine ganz allgemeine Erziehung zum kritischen Rationalismus hilft hier enorm. Ein erster Schritt besteht darin, sich bei allem zu fragen, ob das so stimmen kann.

Wie gehen Sie als Vater mit Mobiles und Socials um bei Ihren Kindern?

Ich versuche, die Verwendung zu begleiten und mitzuerleben, was meine Kinder an Tablets machen. Doch die sind noch klein – sobald sie die Kommunikation mit anderen aufnehmen, werde ich ihnen gewisse Freiheiten einräumen müssen. Schon seit sie reden können, ist ihnen klar, dass man auf Smartphones anderen Personen schreiben kann und die reagieren. Das hat etwas Entspannendes für sie, es gibt ihnen Sicherheit.

Philippe Wampfler ist Lehrer, Fachdidaktiker, Kulturwissenschaftler und Experte für Lernen mit Neuen Medien. Sein Arbeitsfokus liegt auf den Entwicklungsmöglichkeiten gymnasialer Bildung unter den Bedingungen der Digitalisierung. Im Netz: Philippe-wampfler.ch; Schulesocialmedia.com.