Schweizer Monat
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Gute Vorsätze

Freie Sicht
Von Christian P. Hoffmann

Das Jahr 2017 neigt sich dem Ende zu, und damit steht sie wieder an, die Saison der guten Vorsätze. Was soll im neuen Jahr anders und besser werden? Welche Fehler sollen uns nicht mehr unterlaufen? Die letzte US-Präsidentschaftswahl fand zwar nicht in der Adventszeit statt, doch auch sie war begleitet von vielen guten Vorsätzen: Erschrocken angesichts eines völlig unerwarteten Siegers gelobten zahlreiche Journalisten, aus ihrer «Blase» auszubrechen, den Kontakt zu Andersdenkenden zu suchen, parteiische Scheuklappen abzulegen. So weit die Vorsätze. Die Realität illustriert uns in diesen Tagen Donna Brazile: Die bisherige Parteichefin der US-Demokraten offenbarte in einem Buch, dass Hillary Clinton die erheblichen, durch Barack Obama hinterlassenen Finanzschulden ihrer Partei ablöste und im Gegenzug Mitspracherecht bei zentralen Fragen der Parteiführung erhielt. Heikel daran: dies geschah noch vor den Vorwahlen, also bevor Clinton ihren Konkurrenten Bernie Sanders ausstach.

Ein Skandal innerparteilicher Demokratie, dem die investigativ-kritischen Medien der Trump-Ära erbarmungslos auf den Grund gehen. Sollte man meinen. Pustekuchen: mit Eifer bemühten sich Journalisten von «New York Times» über «Washington Post» bis CNN, Brazile zu widerlegen und die Bedeutung des Vorgangs zu relativieren. Offengelegt wurde der Skandal in unabhängigen Online-Medien. Auch in Europa war der Clinton-Skandal den wenigsten Massenmedien eine Schlagzeile wert. Man stelle sich vor, anstelle Clintons hätte Donald Trump während den Vorwahlen die Hörigkeit seiner Partei erkauft. Wie sähen wohl die medialen Reaktionen aus? Der Vorfall zeigt: gute Vorsätze sind das eine, das Überwinden bequemer Weltbilder das andere. Am Ende des Jahres 2017 sind die ideologischen Blasen nicht weniger intakt als im Vorjahr. Die Polarisierung des politischen Diskurses schreitet ungebremst voran. Was uns bleibt, ist die Hoffnung auf 2018: nehmen wir uns für nächstes Jahr vor, ideologische Scheuklappen mit noch mehr Kraft herauszufordern!


Christian P. Hoffmann
ist Professor für Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig und Forschungsleiter am Liberalen Institut in Zürich.

 




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