Wenn Google die Suchergebnisse so personalisiert oder Facebook seinen Newsstream so individualisiert, dass Informationen angezeigt werden, die die bisherigen Ansichten bestätigen, wird der Nutzer zunehmend in einer Filter- oder Informationsblase isoliert. Er nimmt damit die Welt nicht mehr in ihrer umfassenden Komplexität wahr, sondern reduziert auf sein eingeschränktes persönliches Zerrbild. Von Einstein stammt das Bonmot: «Man soll die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher.» Im Juni 2016 vermeldete das US-Monatsmagazin «The Atlantic», 40 Prozent der Amerikaner seien davon überzeugt, dass es für die komplexen Probleme der Nation durchaus naheliegende Lösungen gebe. Heute wissen wir: es sind fast 50 Prozent. In den Augen dieser «Politophoben» braucht es zur Durchsetzung schlichter Lösungen nur einen kraftvollen Aussenseiter, der das kaputte System zerschlägt. Nun ist dieser Mann angetreten, die Geschicke der USA zu lenken. Bisher war er vor allem eines: ein Spaltpilz. Zuerst hat er die republikanischen Kandidaten gespalten, dann die Partei und – mit seinen diffamierenden Äusserungen zu Frauen, Minderheiten und Andersdenkenden – das ganze Land. Kann er, wie am Morgen nach der Wahl verkündet, «der Präsident aller Amerikaner» werden? Wohl kaum.

 

Der grosse Vereinfacher

Wahrscheinlich werden wir mit einem Präsidenten leben müssen, der unsystemisch und damit unberechenbar agiert. Gute Führer aber halten Kurs. Sie sind berechenbar, weil sie ihr Handwerk verstehen und damit für unterschiedliche Probleme differenzierte Lösungen finden. Und sie richten sich an Fixsternen aus, damit sie die Orientierung auch im Dunkeln nicht verlieren. Das heisst, hinter dem politischen Handwerkszeug stehen unverrückbare Werte, so wie sie beispielsweise von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel angemahnt wurden: Demokratie, Freiheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Respekt vor dem Andersdenkenden, Menschenwürde. Als systemischen Politiker und Schirmherr eherner Werte haben wir Donald Trump nicht kennengelernt. Als Politnovize scherte er sich keinen Deut um umfassende, vernetzte Analyse und daraus abgeleitete Lösungsvorschläge sowie wertbasiertes Handeln. Sein Markenzeichen sind einfache Fixes. Der amerikanische Arbeiter wird durch chinesische Konkurrenten bedroht? Ausstieg aus dem transpazifischen Handelsabkommen TTP! Strafzölle werden die Chinesen abprallen lassen. Wie können Öl, Gas- und Kohleabbau gefördert werden? Durch Abbau von Umweltschutzregeln! Und ohnehin und immer wieder: «America first!» Seit seiner Wahl foutiert er sich um diplomatische Gepflogenheiten, stösst China vor den Kopf, indem er mit der taiwanesischen Präsidentin telefoniert, plaudert nett mit dem pakistanischen Regierungschef Nawaz Sharif, einem schwierigen US-Verbündeten, und lobt den philippinischen Präsidenten Duterte für dessen Mordkampagne gegen Drogenhändler. Die Ernennungen ins Kabinett lassen ebenfalls den Blick auf das grosse Ganze vermissen: Schlüsselpositionen wurden fast ausnahmslos mit männlichen, konservativen Hardlinern besetzt, die bisher nicht durch pragmatischen, systemisch-lösungsorientierten Weitblick aufgefallen wären.

Was ist das Problem an dieser Weltsicht? Es ist wie beim Schach: Im Auge des Novizen gibt es viele Optionen, im geschulten Blick des Meisters nur wenige erfolgversprechende Züge. Weil der Experte die unsichtbaren Vernetzungen zwischen den Stellungen erkennt, die Abhängigkeiten durchdringt und die Dynamik erfasst. Vernetztes, systemisches Management hilft bei der Führung von Menschen, Firmen, Staaten. Leider gibt es auf schwierige Fragen keine einfachen Antworten. Und bei komplexen Problemen braucht es zum Erfolg fast immer ein austariertes Bündel an Ansätzen.

 

Die Mutter aller Denkfehler

Ein weiteres Problem kommt dazu: Die Forschung hat in den letzten Jahren zunehmend mehr Erkenntnisse dahingehend gesammelt, dass wir in unserem Verhalten systematisch von der Rationalität abweichen. Die Mutter aller Denkfehler ist der sogenannte «Confirmation Bias»: Danach haben Menschen die Tendenz, neue Informationen so zu interpretieren, dass sie mit den bestehenden Theorien, Weltanschauungen und Überzeugungen kompatibel sind. Das menschliche Hirn bastelt sich als Inferenzmaschine laufend stimmige Muster zusammen. «Disconfirming Evidence» dagegen wird gerne ausgeblendet – das Hirn vergisst sie sogar nach dreissig Minuten aktiv.

Was die Menschen am besten können, ist, neue Informationen so zu filtern, dass ihre bestehenden Auffassungen intakt bleiben. Dieses Problem hat sich mit den Suchalgorithmen von Google, Facebook und Co. massiv verschärft: Viele Menschen bewegen sich zunehmend in Communities von Gleichdenkenden. Die Ökonomin Noorena Hertz meint dazu: «Finden wir Infos, die unsere Meinung bestätigen, gibt uns das einen Dopamin-Kick wie beim Essen von Schokolade oder beim Sex.» Wer aber nicht permanent kritisch den Strom an einmündenden Informationen prüft, läuft mit einer ziemlich schlechten Brille durch die Welt. Charles Darwin trug deshalb in einem Buch systematisch Beobachtungen ein, die seine Theorie nicht bestätigten. Getreu dem wissenschaftlichen Grundsatz, wonach sich der Wahrheit nicht durch Verifikation, sondern nur durch Falsifikation näherkommen lässt. Der britische Schriftsteller Arthur Quiller-Couch brachte die Notwendigkeit dieser kritischen Haltung auf den Punkt: «Murder your darlings!» Wenn sich also Donald Trump nur mit Personen umgibt, die ihm ähnlich sind, lässt dies kaum auf Lernfortschritte hoffen. Sein Kabinett wird dominiert von älteren, weissen, sehr reichen Männern. Als politische Novizen ohne Hausmacht teilen sie ein «radikales Verständnis von Regierung», so Wirtschaftsminister Wilbur Ross, und eine Vorliebe für einfache Lösungen. Ben Carson und Betsy DeVos, die Verantwortlichen für Wohnungsbau und Bildung, sind fundamentale Gegner staatlicher Eingriffe. Andrew Puzder, der neue Arbeitsminister, ist Gegner von jeglichen Vorschriften im Geschäftsleben. Umweltminister Scott Pruitt hält den menschgemachten Klimawandel für einen Mythos. Und Energieminister Rick Perry hatte als Präsidentschaftskandidat 2012 die Abschaffung der Ministerien für Erziehung, Umwelt und auch Energie angekündigt, sollte er die Wahl gewinnen. Staatsfeinde als Staatsdiener? Enorme Konflikte der Minister mit ihren Beamten sind damit vorprogrammiert. Und Diversität sowie eine breite Perspektivenvielfalt – selbst im Rahmen der notwendigen ideologischen Einheit einer konservativen Regierung – sehen anders aus. Im Kabinettsteam sind nur drei Frauen und – mit Ben Carson – ein Afroamerikaner vertreten. Das grösste Vertrauen wird Trump wahrscheinlich seiner Familie und dem zum Chefberater ernannten Schwiegersohn Jared Kushner schenken. Die Gefahr, dass sich Präsident Trump im Spiegel der Gleichgerichteten sehenden Auges in seiner Filterblase einrichtet und damit endgültig dem oberflächlichen Charme von Patentrezepten in ihrer dogmatischen Schlichtheit erliegt, ist gross.

Dabei ist es gute Tradition, dass gewählte US-Präsidenten für Diversität nicht nur in ihrem Beraterstab, sondern sogar im Kabinett sorgen: Barack Obama ernannte nach seiner Wahl seine demokratisch schärfsten Kritiker Hillary Clinton und Joseph Biden zu Aussenministerin und Vizepräsident und besetzte immer wieder Schlüsselministerien mit Republikanern. Wer dies in verantwortungsvollen Machtpositionen nicht tut – früher durfte wenigstens der Hofnarr dem König ungeschminkt die Wahrheit sagen –, erliegt dem Gruppendenken und damit einem weiteren, fatalen Denkfehler. Menschen, selbst sehr intelligente, fällen manchmal verhängnisvolle Entscheidungen, weil jeder seine Meinung dem vermeintlichen Konsens anpasst. So kommen Entscheide zustande, die jedes einzelne Gruppenmitglied unter normalen Umständen abgelehnt hätte.

Gruppenzugehörigkeit ist ein menschliches Schlüsselmotiv, das zentralste überhaupt. Wer sich ausschliesslich mit Loyalisten umgibt, wird Entscheidungen fällen können, die sogar in den Augen der Peergroup abfallen, ohne dass nennenswerter Widerstand aufkommt. Die Mitglieder einer verschworenen Gruppe entwickeln einen «Esprit de Corps» und bauen unbewusst Illusionen auf, zum Beispiel den Glauben an die eigene Unverletzbarkeit. Dabei hat die mächtigste Person der Welt nichts anderes bitterer nötig als kluge, unabhängige Berater, die den Mut haben, Widerspruch zu leisten. Damit die «Res publica» unter dem neuen Präsidenten nicht zur «Res privata» wird, getreu dem unausgesprochenen, aber deutlich wahrnehmbaren Leitmotiv des neuen Führers der freien Welt: «Trump first». Der Mann, der versprach, «den Sumpf in Washington trockenzulegen», positioniert sein Bauimperium aus 111 Firmen in 18 Ländern so, dass es von der Präsidentschaft direkt profitiert. Und nach dem Motto «Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?» holte er sich mit den Wall-Street-Vertretern Steve Bannon, Wilbur Ross, Steve Mnuchin und Gary Cohn gleich vier Goldman-Sachs-Veteranen in das Kabinett, nachdem er im Wahlkampf noch Hillary Clinton für ihre Redenhonorare vor Banken kritisiert hatte und versprach: «Wir werden die Wall Street zur Rechenschaft ziehen.» Goldman Sachs ist mit einer wenig schmeichelhaften Rolle in der Finanzkrise für den Durchschnittsamerikaner der Inbegriff alles Negativen der Wall Street. Kein Präsident vor Trump hat mehr Wall-Street-Vertreter in sein Kabinett berufen.

 

Die Kunst des Machbaren

Wir alle hätten es in unserer hyperkomplexen Welt gerne eindeutiger, klarer, reduzierter, einfacher. Dies wird ein Wunschtraum bleiben: Politik ist die Kunst des Machbaren, und machbare Lösungen sind heute meist ebenso komplex wie deren Ursprungsprobleme. W. Ross Ashby hat sein Gesetz der erforderlichen Varietät (Law of Requisite Variety) bereits vor 60 Jahren formuliert: Einer zunehmenden Umfeldkomplexität kann nur mit einer adäquaten Binnenkomplexität begegnet werden. Die Schweiz ist hier manchmal ein gutes Vorbild, z.B. in der Drogenpolitik: Als in den 1990er Jahren das ganzheitliche Konzept der vier Säulen Prävention, Schadensminderung, Repression und Marktregulierung sowie Therapie umgesetzt wurde, war der Platzspitz Geschichte. Systemisches, vernetztes Management heisst z.B. in Familien und Firmen genauso wie in und zwischen Staaten, die Bedeutung der Kultur – «wie wir es miteinander halten» – als wichtigsten Erfolgstreiber zu erkennen. Die Forschung zeigt: Respekt und Vertrauen hält Familien zusammen, macht Unternehmen erfolgreich und beschert Staaten ein höheres Wohlstandsniveau, z.B. der Schweiz ebenso wie den skandinavischen Ländern. Erfolgreiche politische Kulturgestaltung setzt auf explizite Werte, stimmige Programme, Kohärenz, Vertrauen, Beziehungspflege und Deeskalation bei auftretenden Problemen. Nichts von alledem hat Donald Trump bisher ausgezeichnet, im Gegenteil.

Der Ökonom Dennis Snower hat analysiert, was das Anfachen von Ressentiments ökonomisch für die USA bedeutet. Er kommt zum Schluss, dass die Stimmung in Amerika seit der Amtszeit von George W. Bush und dem Aufstieg der Tea Party vereist. Präsident Trump verabschiedet den gegenseitigen Respekt nun endgültig, indem er politisch Andersdenkende, chinesische Firmen und Mexikaner verleumdet. Die Kultur des Hasses hat eine ganz grundsätzliche Wirkung: Das Schüren von Ressentiments kollidiert mit einem Wirtschaftssystem, das auf Vertrauen basiert. Wer andauernd Misstrauen gegen Migranten, ausländische Firmen und politische Entscheidungsträger anfacht, verfinstert das Denken und prägt eine Gesellschaft. Er vergiftet den Brunnen, aus dem alle trinken. Wenn Trump sich aus der Transpazifischen Partnerschaft (TPP) zurückziehen will und mit seinen Twitter-Stürmen China permanent provoziert, nimmt er damit Amerikas grössten und mächtigsten Handelspartner ins Visier. Er verkennt, dass Amerika und China sich in einer kodependenten Partnerschaft befinden. Zwar ist China von der amerikanischen Nachfrage nach seinen Exporten abhängig, doch die USA hängen gleichzeitig am chinesischen Tropf: China hält US-Schatzanleihen und Vermögenswerte im Wert von über 1,5 Bio. US-Dollar. Zudem ist China Amerikas drittgrösster und wachstumsstärkster Exportmarkt.

Nur ein Präsident in der Filterblase der eigenen Allmacht kann verkennen, dass eine Kodependenz eine sehr reaktive Verbindung ist. Yale-Professor Stephen Roach hat darauf hingewiesen, dass amerikanische Strafzölle auf chinesische Waren mit hoher Wahrscheinlichkeit analoge chinesische Vergeltungsmassnahmen nach sich ziehen – und am Ende dieser Eskalation ein potenzieller Handelskrieg steht. Die Kultur zwischen den USA und China bestimmt also letztlich nicht nur über das Klima, sondern auch über (Handels-)Frieden oder -Krieg. Ob Präsident Trump die immense Bedeutung eines systemischen Verständnisses von Kultur für das Gedeihen der eigenen Nation wie aller anderen Menschen auf unserer Erde noch rechtzeitig erkennen kann?

 


 

Roland Waibel
ist Professor für systemisches Management an der Fachhochschule St. Gallen und leitet dort das Institut für Unternehmensführung.