Schweizer Monat
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Die öffentliche Blattkritik

Die Ausgaben des «Schweizer Monats» werden von einem eingeladenen Gast beurteilt. Im Sinne der Transparenz veröffentlichen wir die Essenz der Blattkritik jeweils online.
Von Gaudenz Looser

Schweizer Monat / Ausgabe 1043
Februar 2017

Vorbemerkung: Meine Blattkritik ist subjektiv, unmittelbar meinen Reaktionen während der Lektüre folgend. Ich bin der Meinung, so bringe sie der Redaktion am meisten – als ein authentisches Bild über die Wahrnehmung ihres Produktes durch einen ihrer Leser. Wenn die Redaktion am Ende darüber erleichtert ist, dass sie das Blatt machen und nicht ich, kann ich damit gut leben.

Ich stelle mir die Zielgruppe des «Schweizer Monats» wie folgt vor: gebildet, mit hoher wirtschaftlicher Potenz, wahrscheinlich schon seit Generationen Schweizer. Wichtiger: sie ist sehr gut informiert, geizig mit ihrer Zeit, schnell in ihrer Entscheidung, hart im Urteil.

Was will ein Angebot für diese Zielgruppe? Ich glaube:

  1. erstklassige Hintergrundinformation (Fakten)
  2. Denkanstösse auf höchstem Niveau (Meinung)
  3. elitäre Zerstreuung (Unterhaltung).

 

Der Themenüberblick vor der Lektüre
Aus der Sicht der von mir imaginierten Zielgruppe ist der Themenmix der Februarausgabe wenig überraschend, aber durchaus attraktiv: Intelligentes zum – nach wie vor grossteils rätselhaften – Thema Negativzinsen (Hoffmann/Schnabl; Geiger) ist hochwillkommen. Selbiges gilt für die SVP-Initiative (Saxer). Die Investmentgeschichte (Grob) sollte mal besser Hand und Fuss haben, die Zielgruppe ist da schliesslich zu Hause. Einen wirklich überraschenden Blick auf die Welt verspricht Roser (da habe ich allerdings schon auf Twitter nachgeschaut). Die Hochschulgeschichte (Dossier) bleibt rätselhaft, Longchamp (Nacht des Monats) müsste nicht sein.


DETAILS ZU DEN INHALTEN

Intro des Chefredaktors (Wiederstein)
Das Zitat als Parole des liberalen Geistes ist richtig und wichtig, das Lamento über den Niedergang der Eigenverantwortung für die Freiheit aber ein Abturner. Und: brauchen die (liberalen) Abonnenten wirklich diese ständige Selbstbestätigung? Mein Verdacht: der erste Absatz und das Zitat sind reine Warmschreiber. Die Substanz kommt ab dem zweiten Abschnitt, die Argumentationslinie ist aber leider nur summarisch skizziert: Da hätte ich gerne mehr gelesen. In Abschnitt drei kommt dann der langersehnte Pfeffer: Der Chefredaktor teilt aus, verteilt Prädikate und malt einen gewaltigen Gesellschaftskonflikt an die Wand – wow, das will ich lesen! (Bloss: Im richtigen Leben wäre ich beim zweiten Satz ausgestiegen).

Schwerpunkt Negativzins
Beim Text über die EZB (Hoffmann / Schnabl) wird das Produktversprechen uneingeschränkt eingelöst: Der Text ist von A bis Z dicht, strotzt von spannenden Fakten und – für mich – neuen Perspektiven auf das Thema und regt zum Denken an. Die explosiven Thesen kommen aber trotz drei Inhaltsverzeichnissen und einem Intro sehr überraschend. Auch Geiger ist erstklassig – man sollte seinen Input dringend vertiefen. Die alternativen Investments sind intelligente Unterhaltung – stellenweise vielleicht etwas zu subjektiv und für Menschen, die das Problem wirklich haben, etwas zu leicht.

Interview Max Roser (Kühni)
Grossartiger Einstiegssatz: «Es ist, als würde er täglich ein Licht anzünden.» Das bringt es sofort auf den Punkt: So will ich lesen. Das Interview liest sich fabelhaft, auch hier gilt: Über diesen Mann sollte man noch viel mehr schreiben. Optisch kommen mir aber sein Werk, die Grafiken, viel zu klein, das steinerne Oxford und die Bücherwürmerei viel zu gross raus – der mutmasslich angestrebte Kontrast kommt nicht zum Tragen. Und: auch hier sind die szenischen Informationen über die Autorin für die Geschichte nicht wesentlich.

Essay von Urs Saxer (Selbstbestimmungsinitiative)
Eine spannende Argumentation, Saxer scheint Vogt geradezu zu zerpflücken. Leider versäumt er es, dem Anliegen der Initiative auch konstruktiv zu begegnen und Ansätze zu einem Ausweg aufzuzeigen, was den schalen Nachgeschmack des politischen Geplänkels hinterlässt.

Dossier: Fachhochschulen
Titel: «Die Befähigungsinstitution»: Frech, ironisch (?), mal sehen.
Untertitel: «Wie innovativ sind Schweizer Fachhochschulen?»: Okay, ist darauf eine Antwort zu erwarten? Die sechs Storytitel versprechen nichts dergleichen. Eine Einleitung, die mit «Vor gut 20 Jahren» beginnt, will ich aufgrund des bis hierher entstandenen Informationsvakuums nicht lesen. Nach «Unter dem Banner ‹Gleichwertig, aber andersartig›» steige ich aus: Ich will keine Festreden lesen. Dann: schöne, farbige Grafiken, aber ihre Aussagen ziehen mich auch nicht zurück in den Text. Erst bei Patrik Schellenbauer gelingt mir wieder der Einstieg. Er kommt sofort auf den Punkt, beschreibt echte Spannungsfelder. Bernhard Pulvers Text ist gut geschrieben, aber inhaltlich kaum überraschend. Der Geschmack der Festrede will nicht ganz weichen.


Fazit
Das von mir angenommene Produktversprechen wurde vielerorts eingelöst: Ich war während der Lektüre mehrfach von Ideen elektrisiert und werde meine Mitarbeiter umgehend anhalten, den «Schweizer Monat» aufmerksam zu verfolgen. Für eilige und extrem schnell gelangweilte Leser ist es aber bisweilen mühselige Arbeit, bis zu diesen Juwelen vorzustossen. Das optische Understatement mag gewollt sein – mich macht es traurig. Meine These: Man könnte protestantisch-zurückhaltend bleiben und die erstklassigen Inhalte trotzdem besser – präziser und effektiver – verkaufen.


Gaudenz Looser
ist stv. Chefredaktor von «20 Minuten».