Wuchtig wie ein Monument und zugleich wärmend wie der Platz am heimischen Kamin: so erscheint der Begriff Tradition in unserem Sprachgebrauch. Mit dem Verweis auf sie kann man den Diskurs seiner Rationalität berauben. Der Zauber der Gewohnheit und des Vertrauten lässt Nachfragen und Argumente verstummen, indem er uns zur gleichen Zeit einschüchtert wie er uns Halt und Sicherheit verheisst. Was freilich viele meinen, die von Tradition sprechen, ist eigentlich etwas anderes: Nostalgie. Nostalgie ist eine Stimmung, ein emotionaler Zustand. Tradition ist ein Ordnungsprinzip. Nostalgie ist die Sehnsucht nach der Vergangenheit, der Versuch, der Realität zu entfliehen. Tradition dagegen ist die Herausforderung, sich der Realität zu stellen: wie sie geworden ist und wie sie weiter wird.

Dass die Evolutionstheorie zu einer Kopernikanischen Wende wurde, liegt weniger daran, dass das menschliche Ego unter dem Wissen über die eigenen Vorfahren gelitten hätte. Der entscheidende Punkt ist nicht, dass wir vom Affen abstammen, sondern dass wir uns von ihm weg bewegt haben. Das war der Todesstoss für das nostalgische Weltbild, das durch die biblische Erzählung vom Paradies wie durch die griechischen Mythen vom idealen Urzustand über die Jahrtausende hinweg unser Denken und unseren ganzen Zugang zur Welt geprägt hatte.

Unserem Kosmos liegt das Grundprinzip der auf Erfolg ausgerichteten Entwicklung zugrunde[1]. Die Fähigkeit und der Wunsch, sich zu entwickeln und sich zu optimieren, ist das Erfolgsgeheimnis der Welt, in der wir leben. Von den ersten Sekunden der Existenz des Universums an ist dieses Prinzip stets wirksam gewesen. Pflanzen beherrschen es besser als Steine, Schimpansen besser als Ringelblumen. Und derzeit sind wir Menschen wohl diejenigen in der uns bekannten Welt, die dieses Lernen am besten beherrschen.

Die Institutionen, Gewohnheiten, Regeln und Moralvorstellungen, die unser Zusammenleben organisieren, sind Ergebnis eines Lernprozesses: Rechtsstaat, Demokratie, Marktwirtschaft, Gleichberechtigung und respektvolles Miteinander. Zivilisation und Kultur wurden überhaupt erst ermöglicht durch die beständige Unzufriedenheit mit dem Status Quo und den unbedingten Willen, etwas zum Bessern zu ändern. Gewiss: nicht jede Veränderung ist eine Verbesserung. Aber ebenso gilt: der Status Quo oder gar der Status Ante ist sicherlich noch nicht vollkommen und immer verbesserungsbedürftig. Selbst die Veränderung, die keine Verbesserung hervorgebracht hat, wird es uns dennoch ermöglichen, aus ihr zu lernen. Um zu lernen, muss man eben auch Fehler machen. Besser so herum, als aus lauter Furcht vor Fehlern das Lernen aufzugeben.

Wer sich ängstigt vor der Veränderung, die sich insbesondere in der zunehmenden Pluralisierung und Öffnung unserer Gesellschaft ausdrückt, ist natürlich beständig in Gefahr, durch diese Angst gelähmt zu werden. Auch er braucht etwas Positives, auf das er seine Erwartungen richten kann. Dieses Positive findet er in der Vergangenheit – zumindest in dem, wie er sie sich vorstellt. Der wehmütige, nostalgische Blick zurück auf die vermeintlich Goldenen Zeiten ersetzt ihm die Hoffnung auf Verbesserung. Der Kulturpessimist droht dann zu einem Norman Bates zu werden, der in Alfred Hitchcock Film «Psycho» seine mumifizierte Mutter umherträgt und kleidet, ihr gar seine Stimme leiht, um die Vergangenheit zu konservieren. Bates‘ Mutter hat keinen Funken Leben mehr in sich und natürlich auch keine Selbständigkeit und keine Persönlichkeit. Die Vergangenheit, von der die Ängstlichen sprechen und schreiben, ist nichts anderes als diese wesenslose Mumie, der sie ihre Stimme geben. Der Bates-Typus ängstigt sich vor der Überfremdung der Gesellschaft durch Migration, fürchtet die Zerstörung der Familie durch «Genderwahn» und «Homolobby» und hat Sorge, dass die «political correctness» seine Meinungsfreiheit einschränken möchte. Es sind die Feinde einer Offenen Gesellschaft. Leider wird dieses groteske Schauspiel dennoch oft fälschlicherweise mit dem Begriff Tradition versehen, obwohl es genau das Gegenteil davon ist.

Verblüffende Ähnlichkeit zu dem Bates-Modell weist das Frankenstein-Modell auf: Während der eine einen toten Menschen am Leben erhalten möchte, will der andere aus toter Materie einen neuen Menschen erschaffen. Es sind die Menschen, die ihre Mitbürger mit Verboten und Nudging zu besseren Menschen erziehen wollen. Die dem Markt wie dem Individuum misstrauen, weil sich deren Spontaneität ihrer Kontrolle entzieht. Die nur jene Zukunft zulassen wollen, die sie selber geplant haben.

Diejenigen, die eine alte Welt erhalten wollen, sind ebenso wie diejenigen, die eine ganz neue Welt erbauen wollen, Feinde der Entwicklung. Beide sind nicht überzeugt davon, dass wir Menschen lernen können. Der Besitzstandwahrer und der Zentralplaner – oder um es in Hayeks Worten zu sagen: der Konservative und der Sozialist[2] – sind sich erstaunlich nahe. Beide wollen Dinge im Griff behalten und fürchten sich vor dem Unkontrollierbaren. Dem steht die Haltung gegenüber, die Karl Popper in geradezu poetischen Worten beschrieb: «Wenn wir Menschen bleiben wollen, dann gibt es nur einen Weg, den Weg in die offene Gesellschaft. Wir müssen ins Unbekannte, ins Ungewisse und ins Unsichere weiterschreiten.»[3]

Tradition ist kein Katechismus, den man aus dem Bücherregal holt und in dem man nachschlägt, um die korrekte Antwort auf Fragen zu finden. Tradition ist gerade das Gegenteil von etwas Festgeschriebenem und Fixiertem. Tradition ist nicht Gegenstand. Tradition ist Prinzip – das Prinzip des Lernens. Das Prinzip, das unsere Erfahrungen mit dem Unbekannten, Ungewissen und Unsicheren weitergibt. Aber nicht, damit wir das Gelernte wie einen Besitzstand bewahren, sondern damit die Dynamik der Entwicklung weitergeht. Tradition ist ein vorwärts gewandter, generationenübergreifender Kommunikationsprozess der Optimierung.

Tradition lebt davon, dass sich diejenigen, die sie weitergeben, jener Realität stellen, die sich unserer Verfügungsgewalt entzieht. Dass Menschen nicht in die Falle des Norman Bates oder des Dr. Frankenstein tappen, sondern akzeptieren, dass Freiheit nicht nur daran liegt, dass wir losgelassen werden, sondern mindestens ebenso sehr daran, dass wir loslassen. «Mut und Zuversicht» sind laut Hayek für den Liberalen kennzeichnend[4]. Er hat keine Angst davor, dass die Entstaatlichung der Ehe die Grundfesten der Gesellschaft erodieren wird. Er vertraut darauf, dass eines Tages ein findiger Kopf Google und Facebook vom Thron stürzen wird. Er ist zuversichtlich, dass Menschen selbstverantwortlich genug sind, um mit Drogen umzugehen, auch wenn sie nicht mehr verboten sind.

Wenn über das Verhältnis der Liberalen zu Rechten und Linken diskutiert wird, zu Konservativen und Sozialisten, dann lässt sich im Blick auf Tradition eines festhalten: Der Liberale ist diesbezüglich näher am Sozialisten als am Konservativen. Denn der Konservative blickt ängstlich zurück in die Vergangenheit. Der Sozialist hingegen blickt nach vorn und hat insofern eine Gemeinsamkeit mit dem Liberalen, der auf die Fähigkeit des Menschen vertraut, sein Leben zu verbessern.

Beide sind keine Freunde der Tradition: Der Konservative, weil er Nostalgie betreibt und Entwicklung ablehnt. Und der Sozialist, weil er planen will statt dem freien Lauf der Dinge Raum zu geben. Doch während der Konservative seine ganze Perspektive auf die Welt um 180 Grad drehen muss, um mit dem Liberalen konform zu gehen, muss der Sozialist nur begreifen, dass seine Mittel und Wege, Fortschritt zu erreichen, dem Ziel eher im Weg stehen als es befördern.

Freilich ist der Liberale zu jeder Zeit aufgerufen, mit allen Andersdenkenden in den Dialog zu treten. Doch womöglich wird er den Sozialisten eher überzeugen können als den Konservativen. Denn beide blicken nach vorn und teilen die Hoffnung auf Verbesserung. Beide sind grundsätzliche Optimisten. Und bisher hat ihnen die Geschichte der Menschheit Recht gegeben: Wir haben unseren Horizont erweitert bis in entfernte Galaxien, unsere Fähigkeiten bis zur Herztransplantation, unsere individuelle Freiheit in politischen und ökonomischen Fragen beständig ausgeweitet. Wir leben immer länger, und immer mehr Menschen auf dieser Erde werden satt. Die Bilanz menschlicher Entwicklung ist aus einiger Distanz betrachtet geradezu unglaublich.

Was den Liberalen fundamental vom Kulturpessimisten, Besitzstandwahrer und Nostalgiker unterscheidet, ist sein Vertrauen auf diese Entwicklungsfähigkeit des Menschen und vor allem seine Bereitschaft zur Hoffnung, dem Motor der Tradition.

 

 

 

 

 



[1] Friedrich A. von Hayek, Recht, Gesetz und Freiheit, Tübingen 2003, 474: „Tradition ist nicht etwas Gleichbleibendes, sondern das Ergebnis eines Selektionsprozesses, der nicht von der Vernunft geleitet ist, sondern vom Erfolg.“

[2] Friedrich A. von Hayek, Konservatismus und Liberalismus, in: Ders., Die Verfassung der Freiheit, Tübingen 2005, 517-533.

[3] Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1: Der Zauber Platons, Tübingen 2003, 239.

[4] Friedrich A. von Hayek, Die Verfassung der Freiheit, Tübingen 2005, 520.