Ars Amandi

«Liebe», so seufzte ein verzweifelter deutscher Romancier vor dreissig Jahren, «war ein grauenvolles Wort, das mich sofort an rosige Schleimhäute denken liess, an lebenslängliche sumpfige Gefühle, … an einen ebenso heimlichen wie lähmenden Frieden zu Hause.» Entsprechend erbarmungslos wurden Liebesversuche in den Romanen des späten 20. Jahrhunderts seziert. Liebende waren reine Körperfreunde, unnahbar in ihrem schillernden Narzissmus, allenfalls temporär zu Exerzitien des Begehrens verbündet. Die Partner blieben austauschbar, zufällig aufgelesen auf dem Markt der erotischen Affekte. Die ars amandi schrumpfte zur joy of sex. Nun aber unternimmt die in Zürich lebende Schriftstellerin Annette Mingels einen Rettungsversuch. Sie rehabilitiert – unter dem tollkühnen, weil sentimentalitätsverdächtigen Titel «Romantiker» – in sechzehn hochkonzentrierten Erzählungen die Kunst des Liebens als eine mächtige Passion, die alles in ihren Bann zieht. Wenn ihre Figuren einmal einem Menschen erotisch und emotional verfallen sind, dann kommen sie nicht mehr von ihm los. Es ist das Konzept einer absoluten Liebe, die jede pragmatische Vernunft in den Wind schlägt, um das unerreichbar scheinende Glücksversprechen doch noch zu realisieren. Auch wenn das Begehren illegitim scheint – etwa im Fall der lange getrennten Zwillinge Simon und Simone – verschafft es sich Geltung, und der Riss, der durch das bis dahin geordnete Leben der Figuren geht, ist nicht mehr zu kitten. Mingels zeigt in ihren «Geschichten von der Liebe» auch die Extremismen des Liebestraums. In der Erzählung «Liebeswahn» verfällt die unglückliche Helena einem attraktiven, aber leider verheirateten Internisten und entwickelt sich zur Stalkerin. In aggressiver Hassliebe, die in Abgründe von Alkohol und Suizid führt, ringt der russische Poet Sergej Jessenin um die Eroberung der Tänzerin Isadora Duncan. Der Liebesverrat wird ebenso präzis ausgelotet («Entscheidungen») wie die aussichtslose Renovierungsarbeit in zerstörten Beziehungen («Ben Hur»). Liebe, das ist hier auch die Abwehr von Zudringlichkeiten eines sexuellen Abenteurers: «Er muss sich nicht sorgen, dass sie aufhören könne, ihn zu mögen; sie hat ihn nie gemocht.» Am ergreifendsten ist die Erzählung eines schrecklichen Verlusts: ein Mädchen erlebt die zarten Momente einer ersten Berührung. Die kurzen Träumereien von einer ersten Liebe rächen sich furchtbar. In einem unbewachten Moment ertrinkt die kleine Schwester des Mädchens im häuslichen Gartenteich. Das grausame Verhängnis von Liebe und Tod – so intensiv und verstörend ist es kaum je beschrieben worden.

Vorgestellt von Michael Braun, Heidelberg

Annette Mingels: «Romantiker. Geschichten von der Liebe». Köln: Dumont 2007.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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