Schweizer Monat
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Von Redaktion
Das rote Titelblatt mit Feuerlöschern deutet es an: es brennt lichterloh in der Finanz- und Wirtschaftswelt. Soweit sind sich alle einig. Worin die Brandursache bestehe, ist weniger klar. Und wie das Feuer unter Kontrolle zu bringen sei, darüber gehen die Meinungen gänzlich auseinander. Wenn nicht alles täuscht, sind die meisten Staaten gerade daran,
Feuer mit Öl zu löschen – ihre bisherigen monetären Löschaktionen führen jedenfalls zu unabsehbaren Folgen. Lesen Sie das Dossier ab S.... » Mehr
Von Roland Baader, Peter Sloterdijk, Reinhart R. Fischer, Sahra Wagenknecht
April 2009
Peter Sloterdijk, Philosoph, in seinem Buch «Du musst dein Leben ändern» (Suhrkamp)
Diffuses Änderungsbedürfnis
«Du musst Dein Leben ändern» «Es gibt im Augenblick keine Information im Weltäther, die nicht ihrer Tiefenstruktur nach auf diesen absoluten Imperativ zu beziehen wäre. Er ist der Ruf, der sich nie zu einer blossen Tatsachenfeststellung neutralisieren lässt, er bildet den Imperativ, der durch alle Indikative hindurchwirkt. Er artikuliert das Leitwort, das die... » Mehr
Der Künstler Nic Hess
Von Suzann-Viola Renninger, Nic Hess
Klebebänder können einen zur Verzweiflung bringen. Meist kleben sie nicht dort, wo sie sollen. Sondern an den Fingern, an der Kleidung, an der Schere, aber sicher nicht in gerader Führung – einmal längs, einmal quer – auf dem Boden der Umzugskiste aus Karton, der durch sie eigentlich zusammengehalten werden sollte. Auf dem Höhepunkt der Verweigerung tendieren sie dazu, sich in sich selbst zu verkleben. Sich einen Dompteur dieses klebrigen Zeugs vorzustellen, kann daher tröstend sein....
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Das Bürgertum, eigentlich Garant von Tradition und Kontinuität, leidet an Gedächtnislosigkeit. Der Glaube an das Ende der Geschichte machte es blind für die neuen Konflikte und Krisen. Wo bleibt die Vernunft?
Von André Glucksmann
Grosse Wirtschaftkrisen wie jene, die wir gerade durchmachen, kommen nicht irgendwann von irgendwoher; sie sind mit Geschichte gesättigt. Es sind Krisen des kapitalistischen Ethos.
Als Max Weber den Calvinismus zum Ursprung der Moderne erkor, nahm er zu Unrecht bloss die protestantische Ethik in den Blick; anderseits tat er zweifellos gut daran, auf kollektive moralische Verpflichtungen hinzuweisen, die hinter den Marktmechanismen stehen. Mit dem Ersten Weltkrieg jedenfalls machte der... » Mehr
Der Sozialstaat wächst. Der Wohlstand schwindet. Die Privatsphäre auch. Bürgerliche Tugenden sind passé. Was bleibt, ist das Diktat des Misstrauens.
Von Michael Stürmer
Die Spätblüte in Deutschland, die unter Kanzler Adenauer eintrat, kommt zum Ende. Vorbei ist das freundliche Werben der frühen Jahre um Geneigtheit und Vertrauen der Nachbarn, vorbei auch das Erhardsche «Wohlstand für alle». Der Kapitalflucht folgt die Steuerflucht, dieser die Flucht der Leistungseliten. Letztere ist das ernsteste Zeichen – jährlich an die 150’000 – und von der Politik am wenigsten wahrgenommen.
Als General de Gaulle 1958 aus Colombey-les-deux-Eglises ins Elysée... » Mehr
Barack Obama ist das Gesicht eines neuen, fairen Amerika. Glauben jedenfalls blauäugige Europäer. Falsch. Die USA sind daran, die Kosten der aktuellen Finanzkrise zu sozialisieren wie schon oft in der jüngeren Geschichte.
Von Radu Golban
Der Aufbau des weltweiten Finanz- und Wirtschaftssystems führt dazu, dass die USA mehr konsumieren und ausgeben können, als sie verdienen. Über globale Finanzkrisen werden dann die Kosten periodisch sozialisiert. Ob das System gut funktioniert oder nicht, ist vor allem eine Frage der Perspektive. Es wird jedenfalls kaum in Frage gestellt – nicht einmal in Krisenzeiten.
Dabei hätten die Amerikaner selbst wohl Mühe, in einem solchen asymmetrischen System zu leben, wenn nicht sie es wären,... » Mehr
Die lockere Geldpolitik der amerikanischen Notenbank führt zu einer finanziellen Erosion der USA. Sagt der Abgeordnete Ron Paul und will die Notenbank abschaffen. Wir drucken eine seiner Kongress-Reden ab.
Von Ron Paul
Verehrte Frau Präsidentin, ich ergreife das Wort, um ein Gesetz einzubringen, das der amerikanischen Wirtschaft durch die Aufhebung des Federal Reserve Boards (Fed) finanzielle Stabilität zurückgeben soll. Seit es das Federal Reserve Board gibt, sind Mittel- und Arbeiterklasse-Amerikaner durch eine zwischen Extremen hin- und hergezwungene Geldpolitik zu Schaden gekommen. Darüber hinaus haben die meisten Amerikaner infolge der Inflationspolitik des Federal Reserve Boards eine ständige... » Mehr
Teil IV: Warum es nicht gut ist, Politik mit Mitteln der Moral zu praktizieren
Von Roland Baader
Handeln auf Kosten anderer ist problematisch. Politik ist deshalb seit je eine zweischneidige Angelegenheit, denn sie ist immer nur auf Kosten anderer zu betreiben. Bei ordnungs- und sicherheitspolitischen Aktivitäten mag man im Urteil noch schwanken, weil die These, Ordnung und Sicherheit seien den meisten Bürgern «etwas wert», diskutierbar ist. Bei Massnahmen mit Umverteilungswirkung aber – und das trifft auf fast alle Politik zu – muss das Urteil kompromisslos ausfallen: unmoralisch... » Mehr
Die Bundesversammlung hat die Spanienkämpfer rehabilitiert. Damit hat sie das Recht einem veränderten Geschichtsbild angepasst. Doch die historische Debatte verarmt mit jeder neuen Staatswahrheit.
Von Stefan Schürer
Später Freispruch für die Schweizer Spanienkämpfer. Die Bundesversammlung hat die Urteile gegen die Schweizer in Diensten der internationalen Brigaden aufgehoben – über 60 Jahre nach deren Verurteilung. Mit dem Rehabilitierungsgesetz giesst die Bundesversammlung eine neue Sicht auf die Spanienkämpfer in Gesetzesform. Wurden die Brigadisten über Jahrzehnte als Deserteure und Parteigänger Moskaus etikettiert, würdigt die Politik ihr Engagement nun als Kampf für «Freiheit und... » Mehr
Anthony de Jasay zählt zu den profiliertesten liberalen Denkern unserer Zeit. Um so bemerkenswerter ist es, dass der Werdegang des heute 83jährigen einer breiten Öffentlichkeit bis anhin unbekannt ist. Christoph Frei hat ihn in der Normandie besucht. Wir publizieren die Gespräche exklusiv in einer Serie; hier folgt der dritte Teil.
Von Anthony de Jasay
Mitte der 1950er Jahre ging es von Australien zurück nach Europa. Können Sie etwas zu den Umständen sagen?
Jährlich vergab die University of Western Australia ein Stipendium; der jeweilige Nutzniesser konnte frei wählen, wo er studieren wollte. 1955 erhielt ich dieses Hackett Scholarship zugesprochen und wählte Oxford. Die Überfahrt war lang, aber abwechslungsreich. Ich erinnere mich gut an die Passage des Suezkanals, an farbenfrohe Märkte und gerissene Händler in Bur Said. Einer von... » Mehr
Von René Scheu
«Fast allgemein wird heute die Auffassung vertreten, mit der Wirtschaftskrise der letzten Jahre sei das Ende des Kapitalismus gekommen. Der Kapitalismus habe versagt, er erweise sich als unfähig, die Aufgaben der Wirtschaft zu erfüllen, und so bleibe denn der Menschheit, wenn sie nicht untergehen wolle, nichts übrig als der Übergang zur Planwirtschaft.»
Diese Zeilen - wie auf unsere Gegenwart gemünzt. Ihr Autor ist jedoch kein Zeitgenosse, sondern Ludwig von Mises, einer der grossen... » Mehr
Je unübersichtlicher die Lage ist, desto inflationärer sind die Lösungsvorschläge. Die Ideologen sind in ihrem Element. Dabei wäre Realismus gefragt. Aber was heisst Realismus?
Von Gerhard Schwarz
Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat viele Liberale in ihren Gewissheiten tief verunsichert; sie hat aber noch mehr den Übermut der Staatsgläubigen fast grenzenlos werden lassen. Was müssen sich Liberale doch alles anhören, vom Desaster der marktwirtschaftlichen Ökonomie bis zum Ende des Liberalismus, vom Versagen des Marktes bis zur Jahrhundertkrise des Systems, von der Entlarvung der Fratze des Kapitalismus bis zum endlich fälligen Regimewechsel.
Für die in der Politik und in den... » Mehr
Verschuldung ist für den Staat der Weg des geringsten Widerstands: er nimmt seinen Bürgern nicht nur kein Geld weg, er kann sogar beliebig
viel Geld verteilen. Für eine bestimmte Zeit. Was danach kommt, malen wir uns besser nicht aus. Oder doch?
Von Jörg Guido Hülsmann
Zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise werden überall auf der Welt «Rettungsprogramme» ins Leben gerufen, deren Kern in der Erhöhung der staatlichen Ausgaben besteht. Die dazu erforderlichen Mittel stammen zum grössten Teil aus einer weiteren Erhöhung der öffentlichen Schulden. Welches ist die wirtschaftliche und politische Bedeutung der Staatsverschuldung?
Beginnen wir mit einer kurzen Bestandesaufnahme. Die öffentliche Verschuldung misst sich heute in vielen führenden Ländern in... » Mehr
Ausserordentliche Zeiten bedürfen ausserordentlicher Massnahmen. Klingt gut. Und ist schnell gesagt. Was aber sagt man damit genau? Analyse einer zweischneidigen Rhetorik.
Von Michael Wohlgemuth
«Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.» Dies schrieb der Staatsrechtler Carl Schmitt in seiner «Politischen Theologie» von 1922. Heute herrschen Ausnahmezustände weltweit: auf den Weltfinanzmärkten, im Welthandel und in der weltweiten Wirtschaftspolitik.
Der Ausnahmezustand legitimiert seine eigenen Superlative. So greift man als «ultima» ratio oder (lender of) «last» resort auch zu «allen» oder «letzten» Mitteln. Dies sind Mittel, die unter gewöhnlichen... » Mehr
Unser Geld ist aus Papier. Und schnell gedruckt. Sein Wert beruht vor allem auf Glauben. Dieser schwindet. In einem «Free-Banking»-System würde das Geld wieder zu einem realen Wert.
Von Thorsten Polleit
Die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise ist nicht etwa – wie in der Öffentlichkeit gerne suggeriert wird – ein Versagen der freien Märkte. Ganz im Gegenteil – ursächlich für die Misere ist das Einmischen des Staates in das Marktgeschehen. Die sogenannte «Kreditkrise», die am Anfang der Probleme steht, ist im Kern das konsequente Ergebnis des staatlich beherrschten Kredit- und Geldsystems, in dem staatliche Zentralbanken das Monopol über die Geldproduktion innehaben.
Die... » Mehr
Schön wär's, wenn die Renditen ins Unermessliche stiegen. Tun sie aber nicht. Und der Mensch bleibt ein eigenartiges Wesen: so gross sein Vertrauen war, so gross ist nun sein Misstrauen. Er ändert sich nicht. Und die Geschichte wiederholt sich.
Von Tito Tettamanti
«Quando tutto va male» – «Wenn alles schiefläuft» dies ist der Titel eines Romans des verstorbenen Tessiner Schriftstellers Guido Calgari, der von den Nöten und Mühen der Menschen in seinem Heimattal, der Leventina, handelt. Die Wendung kam mir bei der Zeitungslektüre in den letzten Monaten immer wieder in den Sinn: eine Kaskade von schlechten Neuigkeiten, die zunehmend Schlimmeres verkünden. Was geschieht genau?
Dazu eine kurze Vorbemerkung. Hätte man die Finanzkrise vorausgesehen,... » Mehr
Das Finanzsystem hat sich von der realen Welt entfernt. Nach dem Kollaps sollen die Staaten es mit Steuergeldern und Regulierung von oben retten. Dabei lehren fünfzig Jahre Erfahrung im Bankgeschäft: Gesundung kann nur von unten kommen.
Von Karl Reichmuth
Vor eineinhalb Jahren, um Weihnachten 2007, schrieb ich meine Gedanken zum Büchlein «Weg aus der Finanzkrise» nieder. Die Analyse der Finanzwelt brachte mich damals zur Überzeugung, dass wir Entscheid und Haftung wieder zusammenführen müssten, um die Finanzkrise zu bewältigen, die sich seit Mitte 2007 abzeichnete.
Seit der letzten Hypothekarkrise im Westen, zwischen 1991 und 1994, hatte das globale Finanzsystem von der realen Welt abgehoben. Die Ursache für diese Fehlentwicklung war... » Mehr
Markus Schär & René Scheu im Gespräch mit Martin Janssen Wie gebannt starren wir auf die Finanzkrise. Und vergessen dabei, dass uns weiteres Ungemach droht: die Pensionskassen sind nicht mehr finanzierbar. Die Überraschung wird gross sein. Der Schaden auch.
Von Martin Janssen
Die Schweizer Führung tut sich schwer mit Krisenmanagement – zuerst die Debatte um jüdische Vermögen auf Schweizer Bankkonten, dann das Swissair-Grounding und nun der Aufruhr um die grösste Schweizer Bank. Wie beurteilen Sie das Vorgehen des Bundesrats bei der UBS?
Der Staat musste eingreifen, um einen Zusammenbruch der UBS zu vermeiden. Die Art des Eingriffs war aber fragwürdig. Es war überraschend, wie bis zum letzten Augenblick zugewartet wurde und wie sich dann ein paar wenige... » Mehr
Der Schweizer Staat, sagt der Thurgauer Unternehmer Daniel Model, steht vor dem geistigen Bankrott. Daran kann eine Reform ebenso wenig ändern wie eine Revolution. Was bleibt, ist die Inspiration – durch einen eigenen Staat im Apfelgarten. Durch «Avalon». René Scheu hat Daniel Model in Müllheim getroffen.
Von René Scheu, Daniel Model
Viele börsenkotierte Firmen, so zeigt sich nun, haben in den letzten Jahren zu wenig Substanz aufgebaut. Sie führen ein Familienunternehmen, das seit 1882 existiert. Ein beruhigendes Gefühl?
Alter schützt vor Torheit nicht! Ein gutes Gefühl geben mir die Menschen, denen diese Kontinuität zu verdanken ist. Eine der Heldinnen in meinem Leben ist meine Grossmutter väterlicherseits, Els Müller-Model. Sie kam als gelernte Konzertpianistin unverhofft dazu, das... » Mehr
13 Bücher, vorgestellt in der sechzehnten Folge der «Schweizer Autoren in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.
Von Redaktion
1 Wer nun krault den alten Hund?
Gern wird es Alex Capus nicht hören, aber wider besseres Wissen (Coverfoto!) stelle ich ihn mir als einen alten weisshaarigen Mann vor, auf den Stufen eines ebenso alten, farbenfrohen und windschiefen Schaustellerkarrens am Rande des Jahrmarkts. Er blickt in das Purpur der untergehenden Sonne, krault einen noch älteren Hund neben sich und beginnt zu erzählen, wenn die Schar der Kinder ruhig im Halbkreis sitzt. Er redet von Zeiten, als es auf der Welt noch... » Mehr
Hermann Burger hat während fast zwei Jahrzehnten regel-mässig Texte für die «Schweizer Monatshefte» verfasst. Die ersten Gedichte in den 1960er Jahren schrieb er als Student und angehender Schriftsteller; es folgten in den 1970er und 1980er Jahren Erzählungen und Rezensionen des bereits etablierten Autors und ETH-Privatdozenten. Wir drucken, nach der Erzählung «Die Ameisen» (SMH-Ausgabe 967), diesmal den ersten Teil eines Essays wieder ab, in dem er über Max Frischs Kritik an der Schweiz schreibt. Burger, der sich sonst kaum politisch exponierte, begegnet dem Schriftsteller-Übervater darin mit erstaunlich viel Wohlwollen.
Von Hermann Burger
«Ich liebe die Schweiz so, wie sie ist; aber weil sie so ist, wie sie ist, und weil ich sie liebe, geht es nicht ohne Kritik, ohne Selbstkritik.» Dieser Satz stammt aus der Festrede, die Max Frisch am 1. August 1957 in einem Schulhof des Zürcher Industriequartiers vor rund 300 Leuten gehalten hat. Er spricht, unter anderem, von der Meinungsfreiheit. Als positives Beispiel führt er an, dass ihm das Vereinskartell «Industriequartier» nicht vorgeschrieben habe, was er unter dem Schweizerkreuz... » Mehr
Eine Antwort aus dem Stegreif von Philip Kitcher «Freiheit des Denkens wird am besten durch die schrittweise Erleuchtung des menschlichen Geistes gefördert, die aus dem Fortschritt der Wissenschaft hervorgeht.»
(Charles Darwin*)
Von Suzann-Viola Renninger, Philip Kitcher
«Lassen Sie mich mit dem Wert der Gedankenfreiheit beginnen. Diese Freiheit ist entscheidend, da wir erst durch sie die Freiheit bekommen, eigene Vorhaben zu konzipieren und umzusetzen. Die Entscheidungsfreiheit setzt die Gedankenfreiheit voraus. Die Wissenschaften « und ich meine hier immer die Naturwissenschaften » fördern die Freiheit der Gedanken, da sie uns zeigen, wo wir bei unserer Sicht auf die Natur der Dinge falsche Annahmen treffen. Die Wissenschaften befreien uns von unseren...
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Von Alex Capus, Michael Harde
Gern wird es Alex Capus nicht hören, aber wider besseres Wissen (Coverfoto!) stelle ich ihn mir als einen alten weisshaarigen Mann vor, auf den Stufen eines ebenso alten, farbenfrohen und windschiefen Schaustellerkarrens am Rande des Jahrmarkts. Er blickt in das Purpur der untergehenden Sonne, krault einen noch älteren Hund neben sich und beginnt zu erzählen, wenn die Schar der Kinder ruhig im Halbkreis sitzt. Er redet von Zeiten, als es auf der Welt noch Mohren gab und Mulatten im Morgenland... » Mehr
Von Hans-Rüdiger Schwab, Kurt Meyer
Hält der Zug der Moderne seine Spur oder drohen ihm jene «Entgleisungen», vor denen Jürgen Habermas warnt? Schon als er gerade volle Fahrt aufzunehmen begann, meldeten sich Skepsis und Kritik. Der 1818 in Basel geborene Jacob Burckhardt ist dafür ein ganz besonderer Zeuge. Mit noch nicht 28 Jahren outete sich der spätere Kulturhistoriker (und Geschichtsphilosoph wider Willen) einem Freund gegenüber als «modernitätsmüde». Er signalisiert damit seine Distanz zu jenem zwanghaften... » Mehr
Von Rüdiger Görner, Gertrud Leutenegger
Am nichtargumentativen Schreiben erkenne man den wahren Dichter, meinte Richard Rorty bei Gelegenheit; und er fügte hinzu, dass intellektueller Fortschritt ohne die Hinwendung zu den träumerischen Sprachbildwelten der Dichter nicht möglich sei. Diese Bemerkung kam mir unwillkürlich in den Sinn beim Lesen von Gertrud Leuteneggers jüngstem Roman «Matutin» und bei der Wiederbegegnung mit ihrer Prosa «Ninive» aus dem Jahre 1977, die ich seinerzeit in Vorlesungspausen als Student am Neckar... » Mehr
Von Laurenz Lütteken, Mark Kunz, Beat Keusch
Wohltuend elegant kommt das Bändchen daher, in bordeauxrotem Leinen, mit Prägung auf dem Titel, dazu ein Memorierbändchen und das Ganze im Schuber: fürwahr ein schönes Buch. In Zeiten der billigen und ebensooft billig gemachten Druckwerke ist dies an sich schon kein geringes Verdienst. Die Credit Suisse hat, als jahrelang engagierte Förderin der Musik, dieses Buch über «Komponisten in Basel» veranlasst, ein Thema mithin von einigem Interesse, und man hat sich dafür offenbar keine... » Mehr
Von Michael Kühntopf, Marthi Pritzker-Ehrlich
Wer das Hannah-Arendt-Wort von der «Banalität des Bösen» einmal mehr illustriert haben möchte, muss diese beiden in jeder Hinsicht «gewaltigen» Bände zur Hand nehmen. Hier findet sich eine Hintergründigkeit und Doppelbödigkeit, eine zunächst nie ausgesprochene, dennoch stets anwesende Angst, Ruhe- und Heimatlosigkeit der wichtigsten handelnden Personen, spätestens ab 1940 die blanke Panik bei um so stärkerem Verdrängen der erlebten Seelen-, dann auch der brutal erlittenen... » Mehr
Von Urs Malte Borsdorf, Ina Boesch
Die Küste ist ein Ort des Ankommens. Touristen langen hier an, sie baden und spielen Federball, sie sitzen am Strand und trinken Wein. In Tarifa suchen sie den Estrecho, den Wind, der unerbittlich über das Land fegt, und sie suchen ein Abenteuer. Oft halten sie Ausschau nach Flüchtlingen, die sich vor der Guardia Civil verstecken.
Tarifa liegt an Europas Grenze zu Afrika. Ina Boesch wählt diesen Ort als Einstieg für ihr Buch zu «Flucht und Hilfe», für das sie fünf Geschichten... » Mehr
Von Michael Mühlenhort, Ursula Amrein, Regina Dieterle
Das Buch «Gottfried Keller und Theodor Fontane» versammelt zwölf Vorträge, die 2006 während eines Symposions zu Ehren der beiden Dichter in Zürich gehalten wurden. Das Thema «Keller und Fontane» scheint ein Wagnis, denn halbwegs verbürgt haben sich die beiden Dichter nur ein einziges Mal im gleichen Raum aufgehalten, nämlich am 3. Dezember 1852 in Berlin, ohne sich dabei wirklich zu begegnen. Und auch die gegenseitigen schriftlichen Bezugnahmen sind selten, zumal Keller und Fontane... » Mehr
Von Silvia Hess, Ernst Halter
«Zeit»... der Begriff gehört den Physikern, Biologen, Historikern, Psychologen, Philosophen. Die Zeit ist objektiv messbar, sie ist exakt, berechenbar. Daneben gehört sie allerdings auch dir und mir – sie wird uns lang im Warten, sie steht still in der Angst, rennt im Glück davon und rieselt im Lauf des Lebens schnell und schneller durch das Stundenglas. Festhalten geht nicht, aber ein Schnippchen schlagen kann man ihr schon – festschreiben ist eine Möglichkeit. So versucht... » Mehr
Von Joachim Feldmann, Bernd Echte
Als der Dichter Robert Walser am Weihnachtstag 1956 auf einer Wanderung stirbt, ist er von der literarischen Öffentlichkeit so gut wie vergessen. Die letzten 23 Jahre seines Lebens hat er in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau im Kanton Appenzell Ausserrhoden verbracht, und das nicht freiwillig. «In seine Bevormundung einzuwilligen lehnt Patient ab», heisst es in einem Gutachten, das der Leiter der Anstalt, der Psychiater Otto Hinrichsen, im Januar 1934 vorlegt.
Mit der Überführung nach... » Mehr
Von Thomas Sprecher, Hermann Burger
«Ein Leben», sagte der alte Thomas Mann mit Blick auf Heinrich Kleist, «braucht nicht 80 Jahre zu währen, um auf seine Art voll bestanden und siegreich vollendet zu sein». Und so war Hermann Burgers Suizid mit einer Überdosis Schlaftabletten am 28. Februar 1989 seltsam konsequent. Denn Todes- und Selbstmordthemen durchziehen sein ganzes Werk, alles lebt immer dem Friedhof zu. Seine Erzählung «Der Schuss auf der Kanzel» schliesst mit dem Satz: «Schriftsteller sein heisst Sprache haben... » Mehr
Von Klaus Hübner, Jochen Kelter, Hermann Kinder
Anthologien sind immer leicht zu kritisieren. Der fehlt und jene fehlt auch, von diesem Autor hätte man andere Texte auswählen sollen, und überhaupt. An dieser Anthologie ist so gut wie nichts zu kritisieren. Doch: man hätte an Zsu-zsanna Gahse denken können, die nicht weit vom See entfernt lebt und manch Schönes über ihn geschrieben hat. Sei’s drum! Die beiden Herausgeber haben mit diesem Buch Grossartiges geleistet, und dass das gar nicht so einfach war, macht das kenntnisreiche,... » Mehr
Von Anett Lütteken, Albert M. Debrunner
Ohne die Liebe zu «Land und Leuten», ohne eine «feinere Art von Natur- und Landschaftssinn» lasse sich die zugegebenermassen spröde Schönheit der Mark Brandenburg nicht erkennen. Das jedenfalls behauptete Theodor Fontane. Wieviel leichter hat es Albert M. Debrunner da doch mit seinem Gegenstand. Um Nachsicht für eine erkennbar verspätete Kultur braucht er seine Leser nämlich nirgends zu bitten. Schliesslich ist der Thurgau seit je Teil des uralten Kulturraumes rund um den Bodensee. Als... » Mehr
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