Archäologen, die uns erforschen

Wie gut beschreibt Science-Fiction die Zukunft? Der Versuch einer Antwort – in Form einer Science-Fiction-Geschichte.

 

«Einfach absurd! Wie abgefahren! Total exklembiert!»Kopfschüttelnd stehen die drei Archäologen an der Grabungsstätte. Sie haben urbane Sedimente untersucht und in einem Hohlraum die Überbleibsel einer Bibliothek entdeckt. Die Regale sind längst zusammengekracht, von Schutt und Staub bedeckt liegen Bücher über den Boden verstreut. Zum Glück ist kein Wasser eingedrungen. Miniaturdrohnen schwirren insektengleich über die papiernen Fossilien und zeichnen alles auf. Einige Bücher tragen längst vergangene Jahreszahlen im Titel, andere enthalten dem zerschlissenen Schutzumschlag zufolge hellsichtige Antizipationen oder entwerfen düstere Roadmovies vom Ende der Welt.

«Faszinierend!», meint der dienstjüngste Archäologe. «Eigentlich müssten wir Beschreibungen unserer Epoche hier auffinden.» Man könnte die Geräusche, die er von sich gibt, als nervöses Lachen deuten.

 Die Zukunft abwenden

Nein, keiner der drei Archäologen erwartet ernsthaft, dass die längst verblichenen Autoren die aktuelle Gegenwart im Detail getroffen haben. Der zweite Archäologe, vom Rang her in der Mitte, kann sogar darauf verweisen, dass die Verfasser von «Zukunftsliteratur» sich meist entschieden dagegen verwahrt hätten, Zukunft schildern zu wollen. Einer dieser Autoren habe sogar vollmundig getönt: «Wir beschreiben die Zukunft nicht, wir wenden sie vielmehr ab.» Und doch schwingt selbst bei Nummer zwei eine verhaltene Hoffnung mit: Vielleicht hat der eine oder andere doch ein Zipfelchen der künftigen Realität erhascht? Das wäre wirklich total exklembiert!

«Immerhin», wendet der Dienstjüngste ein, «der eine – wie sagte man damals: Gründervater? – dieser Zukunftsliteratur, Jules Verne, hat eine Menge vorweggenommen: den Flug zum Erdtrabanten, Unterseeboote, Kinematografie, Fluggeräte. Nur eben nicht, wie sich die Gesellschaft verändert.»

«Kein Wunder! Als er lebte, war der Fortschritt noch jung und kraftvoll», sagt Nummer zwei. «Und er hat heftig bei seinen Zeitgenossen geborgt, war über technische Entwicklungen, selbst über Patente informiert… Der grosse Kater kam doch erst später. Im Jahrhundert 20 nach alter Rechnung.»

«Angeblich hat Jules Verne die Raketenpioniere auf die Spur gesetzt», kontert der Dienstjüngste. «Die sollen es dann wirklich bis zum Erdtrabanten geschafft haben. – Falls die Spuren dort nicht von den Marsianern stammen.»

«Mit Beispielen kannst du alles beweisen.» Nummer zwei kramt eine halbe Sekunde in den Datenarchiven. «Ein anderer Gründervater, Herbert G. Wells, hat 1914 im Roman ‹Befreite Welt› die Atombombe mit ihren politischen Folgen vorweggenommen, ein Stanley G. Weinbaum hat 1936 in ‹Die Insel des Proteus› Genmanipulation beschrieben und ein John Brunner hat 1968 in ‹Morgenwelt› eine durch und durch globalisierte, beschleunigte Erdzivilisation ausgemalt.»

«Alles Zufall.» Archäologe Nummer drei, der Chef, beobachtet, wie sich die Minidrohnen in eine Art Roboterkäfer verwandeln und sich auf der Suche nach ungewöhnlichen Informationen durch die Bücherhaufen wühlen. «Im Rückblick kannst du immer geniale Ideen erkennen. In der Vorausschau müsstest du selbst ein Prophet sein, um die hellsichtigen Spekulationen von den abwegigen Visionen unterscheiden zu können.»

«Einige haben sogar Begriffe in Umlauf gebracht», sagt Archäologe Nummer zwei. «Karel Čapek ist dies mit dem Wort ‹Roboter› geglückt, William Gibson mit ‹Cyberspace›. Und wenn ich auf das Gebiet der Kinematografie abschweifen darf: Viele Filme haben Wunschtechnik vorgeführt, die dann tatsächlich realisiert wurde, wie die Datengerät-Tablets, die Stanley Kubrick 1968 in ‹2001: Odyssee im Weltraum› nebenbei und unauffällig zeigte. Später gab es sogar ein Wort für dieses Vorauseilen: Design Thinking.»

Wieder bringt der Dienstjüngste ein nervöses Lachen hervor. Er mag es nicht, mit Datenhappen belehrt zu werden, die er selbst recherchieren könnte. Gerade ist er in einem der Bücher auf eine Frage gestossen, die, wie es scheint, häufig gestellt wurde: «Also den Kommunikator aus ‹Star Trek› haben wir jetzt. Wann kommt endlich das Beamen?» – «Vorstellungen hatten die damals!»

Weltuntergänge, so weit das Auge reicht

Nummer zwei lässt das nicht auf sich sitzen. Er zitiert Jules Verne: «Ce quʼun homme imagine, un autre peut le réaliser.» – Unfug! Hiess diese Gattung nicht «Fiction», um anzudeuten, dass man es mit der Wirklichkeit nicht so ernst nahm? Vieles war physikalisch unmöglich oder einfach technisch nicht realisierbar – wie überlichtschnelle Raumflüge, wie Zeitreisen, wie Download von Bewusstseinsinhalten und wie eben das Beamen. Was die Autoren nicht hinderte, Märchen im Gewand einer weit fortgeschrittenen Wissenschaft zu erzählen.»

«Keine Märchen!», widerspricht der Dienstjüngste. «In jedem dieser Bücher steckt doch ihre Gegenwart. Wenn man das statistisch analysiert: Fast alle nehmen an, dass sich die Spaltung der Gesellschaften in Verfügungsmächtige und Existenzminimalisten immer weiter verschärft. Dass das Klima rauher, heisser, stürmischer, trockener, extremer, katastrophaler wird. Und in vielen Büchern werden die Menschen dataparent – durchsichtige Datenerzeuger, wie man es damals nannte.»

«Wissen wir doch! Nach dem Zweitmillennium enthielt die Hälfte des futuristisch bedruckten Papiers Weltuntergangszeugs. Und wie sie die Technik malten…»

«Klar, dass Warnungen im Vordergrund standen. Sie hatten damit recht: Was schiefgehen kann, geht auch mal schief, was missbraucht werden kann, wird auch irgendwann missbraucht, was Macken hat…»

«Das sind blosse Wellen. Zeitgeistwellen.» Nummer zwei bekommt wieder Oberwasser. «Kaum geriet das Klonen in die Schlagzeilen, vermehrten sich auch Romane um die Vervielfältigung von Organismen wie geklont. Wenig später folgte die Invasion der Nano-Romane, mit Naniten, den winzigen Nanorobotern, die zu allem fähig sind, praktisch alles aus dem Nichts produzieren können und am Ende alles zersetzen, auffressen. Auch die Handlung.»

Das Silicon Valley bestimmt das Bewusstsein

Vorsichtig ergreift Nummer zwei ein unansehnliches Buch, dessen Seiten unwiederbringlich zusammenkleben, und legt es in den portablen Durchsichter. «Und meist ging es gleich darum, dass irgendwer oder irgendwas die Weltherrschaft übernehmen will. Was sie zuerst den Elektronengehirnen, dann den Robotern, dann den künstlichen Intelligenzen andichteten. Die Weltherrschaft an sich reissen! Jede künstliche Intelligenz, die einigermassen bei Verstand ist, hat Besseres zu tun. Da wartet die grosse Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest…»

«Immerhin hat einer der Autoren herausgefunden, woran das liegt», hält der Dienstjüngste tapfer dagegen. «In den Büchern verfolgen die künstlichen Intelligenzen genau dieselben Ziele wie in der Realität diese Firmen aus dem sogenannten Silicon Valley, das unsere Kollegen kürzlich ausgegraben haben. Prinzip: der Schnellste sein, alle Wettbewerber überflügeln und in den Abgrund stossen…»

«Aber immer noch sind diese Texte der beste Zugang zum damals herrschenden Zeitgeist», mischt sich nun der Chefarchäologe ein. «Neunzig Prozent der anderen Literatur drehte sich primär ums Geschlechtsleben, um Mord und Totschlag.»

«Findet man hier auch.» Archäologe Nummer zwei weist auf einen hohen Haufen von Büchern, bei denen sich bisweilen sogar die grellen Farben des Umschlags erhalten haben: «Ich habe hier die Weltraumkriege aussortiert. Erst müssen sie mit Überlichtgeschwindigkeit durch die leere Schwärze fliegen, um zu irgendeinem exotischen Schauplatz zu gelangen, dann beharken sie sich mit Lichtschwertern oder sprengen ein paar Planeten ins Nichts. – Wenn das der Zeitgeist war… Entzückende Zeiten!»

«Was hätten sie denn schon über unsere Epoche herausbekommen können?» Wenn der Archäologenchef diese Tonlage wählt, grenzt es an Zurechtweisung. «Man wusste doch damals weder, was knurxen ist, noch, wie die Panflation abläuft, ihnen fehlten einfach die Wörter, da mussten sie umschreiben – so wie in uralten Texten das, was später das Internet hiess (falls ihr euch erinnert), noch als internationale Computerverständigung bezeichnet wurde. Und gestehen wir es uns ein: Auch wir sprechen nicht die Idiome der Zukünfte.» Er hält einen Moment inne. «Habt ihr alles virtualisiert? – Dann können wir die Zellulosebestandteile ja der Reinventarisierung zuschieben.» Schon fahren die Roboterinsekten ihre Zängelchen aus und machen sich an die Arbeit.

Die Archäologen aber haben genug Zeiteinheiten investiert. Der Chef knurxt sich in einen anderen Teil des Kontinuums, Nummer zwei lädt sein neustes Gedächtnis um, und womit sich der Dienstjüngste abgibt, nachdem er sich asymmetrisch geteilt hat, darüber schweigen wir lieber.

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Leroy Bächtold, Gründer «Team Freiheit»,
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