Arbeiten will ich

So wie früher. Richtig arbeiten.

Richtig arbeiten heisst für mich: Am Morgen aus dem Haus gehen. Ein Grossraumbüro betreten, in dem andere arbeiten. Wo mir jemand sagt: «Hast du tolle neue Jeans!» – Wo ich an richtigen Sitzungen teilnehme, um von Angesicht zu Angesicht zu streiten. Wo es eine Kantine gibt, in der das Essen kein Genuss sein muss. Weil es gar nicht auf das Menü ankommt. Hauptsache, man spricht mit Kolleginnen und Kollegen über Fussball, Hochzeiten, Filme, Kochrezepte. Hauptsache, ich lebe ein Leben ausserhalb der eigenen vier Wände.

Klar, könnte ich anders, als Journalist sowieso. Allein von daheim aus arbeiten oder vom Strand der Südsee aus, merkt niemand. Heutige Journalisten gehen ohnehin kaum mehr raus. Nicht einmal mehr telefonieren müssen sie. Alles finden sie im Internet. Bleiben Fragen offen, mailen sie. Die Antwort kommt just in time. Copy paste, das Zitat ist im Text, abgesegnet.

Jederzeit könnte ich ein Buch schreiben, bei Kindle publizieren, der Lohn pro Download ist höher als das Autorenhonorar eines echten Verlags. Ich könnte bloggen oder digitale Plattformen aufbauen. Dank Google Adsense gelangen US-Dollars auch aufs Schweizer Bankkonto. Meine Arbeitszeiten wären so flexibel wie die Dauer meiner Ferien.

Das ist der Anfang. Bald könnte ich wahrhaftige Waren produzieren, ein 3D-Drucker kostet nicht mehr die Welt. Doch er verändert sie. Tritt «die nächste industrielle Revolution» («Economist») ein, mache ich unpraktischer Mensch alles selber. Zinnbecher, Zündholzschachteln, alles in Echtzeit.

Aber ich will nicht. Ich will kein Nomade des 21. Jahrhunderts sein. Ich will nicht schön, neu, autonom arbeiten, sondern richtig arbeiten wie damals im 20. Jahrhundert. Wie toll das war, merkte ich erst, als ich es verlor. Weil ich nicht mehr «fit to print» war.

Prompt landete ich bei der Invalidenversicherung (IV). In Zürich hinter den Geleisen, im hippen Kreis 5, betrat ich den gläsernen Bau der Sozialversicherungsanstalt (SVA), der immer dann abgebildet wird, wenn eine Zeitung einen neuen «Missbrauch» aufdeckt. Hier erschleichen sich die sogenannten Scheininvaliden ihre Renten. Ich meldete mich nicht freiwillig an, sondern weil es von mir verlangt wurde. Zwölf Monate war ich zu 100 Prozent arbeitsunfähig. Den Lohn zahlte mir die «Weltwoche», meine damalige Arbeitgeberin. Das nötige Geld dafür überwies die Krankentaggeldversicherung an die «Weltwoche». Die Loslösung von dieser Konstellation war so durchsichtig wie plausibel: Die private Krankentaggeldversicherung wollte meinen teuren Fall abschieben – an die staatliche IV.

Der Mann, der mich empfing, war mir auf Anhieb sympathisch. Er sei Psychologe, arbeite bei der IV als Berufsberater und werde versuchen, mir zu helfen. Unser Gespräch begann so:

Er: «Was erwarten Sie von mir?»

Ich: «Ich möchte einfach nicht voll invalid werden.»

Er: «Warum nicht?»

Ich: «Ich möchte nicht mein Leben lang zu Hause sitzen bleiben. Ich will am Morgen aus dem Haus gehen, etwas zu tun haben, zusammen mit Leuten sein, die auch etwas zu tun haben.»

Er: «Da müssen Sie keine Angst haben, das wird Ihnen die IV nie verbieten. Sie müssen uns nur belegen, was Sie tun und wie viel Geld Sie damit verdienen.»

Beispielhaft erklärte er mir, wie sich ein IV-Grad berechne. Würde etwa Daniel Vasella einen schweren Hirnschlag erleiden – wie ich –, hätte er keine Wahl: Dann würde man den Lohn, den er auf zumutbare Weise noch verdienen könnte, vergleichen mit seinem vorherigen Salär. Daraus ergäbe sich eine Lücke, die in Vasellas Fall notgedrungen riesig ausfiele. Der Novartis-Präsident würde mit Sicherheit eine IV-Vollrente in Höhe von 2320 Franken monatlich kassieren.

Als Hirngeschädigter bin ich langsamer von Begriff. Trotzdem verstand ich genug: Auch bei mir wird sich eine Lücke auftun. Auch ich kann nach ärztlichem Ermessen nie mehr so viel verdienen wie zuvor.

«Integration vor Rente» hiess deshalb das Motto meines freundlichen…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»